Ein Abend für die Ewigkeit
Countrymusikerin Emmylou Harris spielte in Monheim am Rhein
Sonntag, der 6. September. Wir sind im K 714, einem neu eröffneten Konzerthaus in Monheim am Rhein. Countrylegende Emmylou Harris wird heute das letzte Europakonzert ihrer Karriere spielen. »Listen to Townes Van Zandt« steht auf dem T-Shirt meines Sitznachbarn, und während wir auf Harris warten, erzählt er, dass diese T-Shirts Mitte der 70er bei Van Zandts Konzerten in Texas zu haben waren. Der junge Mann trägt allerdings einen Nachdruck, in den 70ern war er nirgends, trotzdem: guter Junge.
»Pancho & Lefty« von Townes Van Zandt ist das siebte von insgesamt 24 Liedern eines unvergesslichen Abends. Harris leitet es mit einer von zahlreichen Erinnerungen ein: Wie sie in den späten 60ern in New Yorks Greenwich Village spielte, immer im Vorprogramm, drei Sets pro Abend, sechs Abende lang, 100 US-Dollar die Woche. »High cotton, wie wir im Süden sagen – für mich war das reiche Ernte. Und eines Abends kam da dieser hochgewachsene, schlaksige Texaner und brachte mir alles über Musik bei und über das Leben. Willie Nelson machte den Song später zu einem großen Hit, aber ich war die erste. Darauf bin ich stolz: I got there first.«
Harris zeigt in Monheim viele, aber längst nicht alle Facetten ihrer Kunst. Das ist schlicht nicht möglich, es sind zu viele. In ihrer langen Karriere war sie Begleitsängerin, Songinterpretin und Songschreiberin, in dieser Reihenfolge. Mit dem Schreiben begann sie spät, »Red Dirt Girl« von 2000 ist ihr erstes Album mit eigenen Liedern. Daniel Lanois, der ihr tolles 1995er Comebackalbum »Wrecking Ball« produzierte und Guy Clark, Wegbegleiter von Van Zandt und texanische Songwriterautorität, sagten ihr: »Du musst schreiben – you need to write.« In Monheim singt sie »Red Dirt Girl« und, kurz vor Schluss, »Boulder to Birmingham«, einen ihrer wenigen Originalsongs aus den 70ern, geschrieben im Schmerz nach Gram Parsons Tod an einer Überdosis im Jahr 1973.
Durch einen Zufall hatte Harris zu Countryrock-Vorreiter Gram Parsons gefunden, der mit ihr als Begleitsängerin die ikonischen Alben »GP« (1973) und »Grievous Angel« (1974) aufnahm. Es ist ihr wichtig, seine Musik lebendig zu halten: In Monheim folgt »Boulder to Birmingham« auf »Wheels« – aus Parsons’ Zeit mit den Flying Burrito Brothers (1969) – und »Luxury Liner« (1968) mit der International Submarine Band – 1977 ein Hit in Harris’ Version als Titelstück ihres gleichnamigen Albums. »Was auf uns zukommt, müssen wir unterpflügen und etwas Neues daraus machen«, sagte sie 2013 dem Magazin UNCUT.
Was für eine Stimme, immer schon, und immer noch mit 79! Hell, scharf, schillernd. Die Band, alte Hasen, Country, Gospel, Rock ’n’ Roll bieten sie gekonnt-verspielt dar. Beinahe funky geben sie »Thank God for Weed«, als Harris abrupt von der Bühne eilt. Auch einem Engel wird mal schlecht. Sie erzählt es beiläufig, der große Saal längst eine vertraute Kneipenrunde.
Der Abend endet ergreifend mit Dolly Partons »When We’re Gone, Long Gone«. Ein Refrain für die Ewigkeit: »And when we’re gone, long gone / The only thing that will have mattered / Is the love that we shared / And the way that we cared / When we’re gone, long gone.«
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