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Geschichte

Er blieb wach

Verbrechen der Nazis: Zum Tod des politischen Aktivisten Reinhard Strecker

Foto: ZUMA/Keystone/IMAGO
Reinhard Strecker (r.) und Joel Brand bei der Eröffnung der Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« (München, 1961)

Einmal in der Woche ging Reinhard Strecker zu den Vorträgen in der »Topographie des Terrors« und beteiligte sich anschließend mit seiner Expertise an den Diskussionen. Irgendwann kamen wir ins Gespräch, und es entstand eine kleine Kneipenrunde in der Berliner Stadtklause. Dort erzählte Reinhard vor allem aus seinem Leben und von der Ausstellung, die er als Student 1959 initiiert hatte. Das hatte seinen weiteren Lebensweg erheblich erschwert.

Wie konnte es sein, dass wir als Historiker noch nie von dieser Ausstellung gehört hatten? »Ungesühnte Nazijustiz« wurde am 27. November 1959 in Karlsruhe, am Ort der beiden höchsten bundesdeutschen Gerichte, später an zahlreichen Orten im In- und Ausland gezeigt – und löste überall heftige Reaktionen aus. In Berlin war sie in der Galerie Springer am Kurfürstendamm zu sehen, da Freie Universität (FU) und Technische Universität (TU) sie nicht in ihren Räumen zulassen wollten. Reinhard wurde sofort als Ostagent diffamiert, der im Auftrag der DDR handle. Er wurde aus seiner Partei, der SPD, ausgeschlossen, bei ihm zu Hause wurde eingebrochen, er erhielt Morddrohungen. Aus Sorge brachte er seine Kinder außer Landes. Möglicherweise wurde ihm auch eine akademische Karriere verschlossen.

1959 arbeiteten mehr als 1.000 ehemalige Nazijuristen wieder im westdeutschen Justizdienst. Die Ausstellung wies nach, dass etliche von ihnen im Nazistaat »Unrechtsurteile« gefällt hatten: Todesurteile, oft für kleinste Vergehen. Strecker hatte dafür über Jahre Akten zusammengetragen, vor allem aus der DDR, Polen und der Tschechoslowakei, weil bundesdeutsche Archive ihm den Zugang verweigerten. Mit seinen Mitstreitern stellte er hundert Schnellhefter mit Dokumenten zusammen. Generalbundesanwalt Max Güde prüfte die Unterlagen und befand sie für echt.

Schon vor der Ausstellung hatten die Studenten Petitionen an den Deutschen Bundestag zur Untersuchung von an Naziverbrechen beteiligten Juristen und Medizinern gerichtet. 1960 drohte die Verjährung. Es war nicht mehr viel Zeit. Gemeinsam mit Wolfgang Koppel, dem Vorsitzenden des SDS an der Technischen Hochschule Karlsruhe, erstattete Strecker Anzeige gegen 43 Richter und Staatsanwälte. Er wollte nicht nur die Verbrechen dokumentieren, er wollte, dass Konsequenzen gezogen wurden. 1961 wurde mit Paragraph 116 des Deutschen Richtergesetzes eine Regelung geschaffen, die belasteten Richtern und Staatsanwälten den vorzeitigen Ruhestand ermöglichte – bei vollen Bezügen. 149 von ihnen machten davon Gebrauch. Zu einer systematischen Überprüfung der personellen Kontinuitäten zwischen Naziregime und Bundesrepublik kam es erst mehr als fünfzig Jahre später.

Als Reinhard Strecker 1954 auf Wunsch seiner Eltern aus Paris in die Bundesrepublik zurückkam, fand er, dass man als anständiger Mensch eigentlich nicht in Deutschland leben und Kinder großziehen dürfe. Er begann ein Studium der Sprachwissenschaften an der FU und war Mitarbeiter bei Jacob Taubes. Leute aus dem SDS, die fanden, er gehöre doch zu ihnen, forderte er auf, »mindestens 14 Nächte lang« an seiner Nazikartei mitzuarbeiten und Akten für die Ausstellung zu lesen. Für die teuren Kopien verschuldete er sich über Jahrzehnte.

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Reinhard wurde 1930 in Zehden an der Oder in eine Familie von Juristen geboren. Sein Vater, Walther Strecker, war in den 1930er und 1940er Jahren Kammergerichtsrat in Berlin und gehörte zur »Bekennenden Kirche«. Wie Reinhard als 15jähriger das Kriegsende erlebte, erzählte er nur selten. An einen schottischen Brigadier, der ihn damals befreite, erinnerte er sich jedoch gern und mit Dankbarkeit.

Wichtig war Reinhards Dokumentensammlung über Hans Globke, den damaligen Chef des Bundeskanzleramts unter Konrad Adenauer. In einem Gespräch über sein Buch korrigierte Strecker die verbreitete Auffassung, Globke sei einfach »der Kommentator der Judengesetze« gewesen. Globkes Kommentar ließ sich »strafverschärfend benutzen«. Strecker wusste, dass man als Nazitäter nicht selbst töten musste, dass auch Gesetze und ihre Ausführungsbestimmungen tödlich wirken konnten.

Seine Archivrecherchen hatten Reinhard auch in die Tschechoslowakei und nach Polen geführt. Mit seinem zusammen mit Günter Berndt herausgegebenen Buch »Polen – ein Schauermärchen oder Gehirnwäsche für Generationen« wollte er das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen verbessern und wurde Mitinitiator der deutsch-polnischen Schulbuchkommission.

Reinhards Engagement reichte weit über die Ausstellung von 1959 hinaus. Als Referent des Goethe-Instituts führte er ausländische Journalisten und Besucher immer wieder an die historischen Orte der Naziverbrechen, unter anderem nach Sachsenhausen. In unseren Gesprächen war spürbar, dass für ihn die Auseinandersetzung mit der Nazivergangenheit nie abgeschlossen war. Sie war für ihn keine historische Spezialfrage, sondern ein Maßstab, an dem er die Gegenwart prüfte. Lange Zeit gehörte er dem Vorstand der Internationalen Liga für Menschenrechte an. Als Prozessbeobachter verfolgte er den Prozess um den Tod von Oury Jalloh. Dazu schrieb er: »Weshalb macht man so etwas? Es ist natürlich die Erinnerung an die Polizei im Zweiten Weltkrieg (…). Mir will nicht in den Kopf, dass es auch in der nach 1945 schließlich wieder neu erstandenen Polizei kein besonderes Ereignis zu sein scheint, dass ein Mensch in ihrer Obhut verbrennt.«

Reinhard verstand sich als »58er« im Unterschied zu den 68ern. Er lehnte deren Banalisierung der Nazivergangenheit ab. Ihn erzürnte, dass die Täter ihre Karrieren fortsetzen konnten, während die Opfer keine Gerechtigkeit erfuhren. Daraus entstand sein lebenslanger Kampf gegen das Verschweigen und Verharmlosen der Naziverbrechen.

Es hat sechzig Jahre gedauert, bis dieser 58er rehabilitiert und öffentlich anerkannt wurde. 2015 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, 2025 die Medaille »Pro Patria« der polnischen Regierung, 2026 die Goldene Ehrennadel der Freien Universität Berlin. Michael Sontheimer nannte ihn 2019 im Spiegel einen »vergessenen deutschen Helden«, einen Mann, »der sich dem Erinnern verschrieb«.

Aber Reinhard Strecker war nicht nur ein Held des Erinnerns. Er war ein stets wacher Mahner gegen staatliche Willkür, Unmenschlichkeit und Faschismus. Er war auch ein streitbarer Mann. War, denn Reinhard Strecker ist am Sonntag, dem 2. August 2026, im 96. Lebensjahr friedlich im Kreis seiner Familie eingeschlafen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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