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Aus: Ausgabe vom 18.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Bilder des Zorns

Bei der Stiftung Kai Dikhas in Berlin kann man die der Revolution und dem antifaschistischen Kampf gewidmete Grafik von Helios Gómez neu entdecken
Von Matthias Reichelt
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Helios Gómez: La Ley, 1930, 32,7 x 23,8 cm

Inhaftiert war der kommunistische Grafiker und Künstler Helios Gómez (1905–1956) gleich mehrfach. Sein größtes Gemälde schuf er als politischer Häftling unter der Franco-Diktatur in der Kapelle des Gefängnisses Modelo in Barcelona. Es zeigt die Anbetung und Verehrung der Jungfrau Maria, Schutzpatronin von Barcelona und der Gefangenen. Das Fresko misst elf mal 24 Meter und entstand während Gómez’ längster Haftzeit zwischen 1948 und 1954. Nur zwei Jahre nach Haftende starb der aus einer armen Romafamilie in Sevilla stammende Künstler. In Deutschland hat sich Ursula Tjaden mit einem 1989 bei Elefanten-Press erschienenen Buch um die Wiederentdeckung seines Werkes sehr verdient gemacht. Sie wird auch einen Aufsatz zu der für September angekündigten neuen Monographie über den immer noch weithin unbekannten Künstler beitragen. Herausgegeben wird diese von der Stiftung Kai Dikhas (»Ort des Sehens«) als Resultat der bereits jetzt zu besuchenden Ausstellung »Días de Ira. Tage des Zorns: Helios Gómez kehrt zurück nach Berlin« im Aufbau-Haus am Berliner Moritzplatz.

2011 wurde Kai Dikhas als Galerie für die Förderung und Verbreitung von Kunst von Roma und Sinti unter der Leitung von Moritz Pankok und mit Unterstützung von Matthias Koch, Gesellschafter des Aufbau-Verlags, gegründet. Jetzt ist die Galerie in eine Stiftung umgewandelt worden und stellt zum Jahresende ihre kommerzielle Tätigkeit ein. Dann wird sie sich ausschließlich der Pflege der eigenen Sammlung widmen.

Helios Gómez zeichnete sich in seiner ersten, in Deutschland 1930 verlegten Publikation »Tage des Zorns« mit Tusche als »Flamenco-Gitarrist und Gitano«. Damit bekannte er sich nicht nur zum politischen Kampf der ausgebeuteten Proletarier und Landarbeiter und zum Internationalismus, sondern huldigte mit dem Selbstbildnis seinen andalusischen Wurzeln und seiner Herkunft als Rom. Auf diese kulturelle Kombination von Herkunft und Tradition war er bis zu seinem Tod stolz und hat sie nie verleugnet. Während seiner Arbeit in der Porzellanfabrikation Sevillas versah er Produkte mit Ornamenten und studierte später an der Kunstgewerbeschule Grafik. Politisch hing er zunächst dem Anarchismus an, bevor er Kommunist wurde und 1931 der Kommunistischen Partei Spaniens beitrat. Bereits 1927 musste er vor der Verfolgung unter der spanischen Diktatur von Primo de Rivera ins Exil flüchten und verbrachte einige Zeit in Berlin, Brüssel, Moskau, Paris und Wien.

Im Exil arbeitete Gómez weiter, illustrierte in Brüssel einen Roman von Max Deauville und wirkte an der Zeitschrift La Renaissance d’Occident mit. In Berlin kam er 1930 in Kontakt mit der Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands (ARBKD). Gómez’ zeichnerischer Stil ist vergleichbar mit den Arbeiten der deutschen Künstler Franz Seiwert (1994–1933) und Carl Meffert (Clément Moreau, 1903–1988) sowie des belgischen pazifistischen Künstlers Franz Masareel (1889–1972). Wie vor allem bei Seiwert und Meffert war für Gómez die Kunst Mittel politischer Aufklärung und Agitation. George Grosz und auch John Heartfield waren Künstler, denen er sich verbunden fühlte. Ähnlich wie Heartfield gestaltete er Buchcover, Zeitungen und Magazine. Er entwickelte eine an den Konstruktivismus angelehnte Bildästhetik, seine Arbeiten zeigen oft marschierende Massen vereint im Kampf. Die grafischen Strukturen changieren zwischen klarer Figuration und Abstraktion. Kämpfende stellt er oft in Reihung zur Betonung der vereinten Stärke und reduziert schon mal bis auf geometrische Grundformen. Auf dem Cover von »Días de Ira« (Tage des Zorns) besteht die Figur mit gereckter Faust nur noch aus Drei- und Rechtecken sowie Kreisen.

In der kleinen Ausstellung vor allem im vierten Stock des Aufbau-Gebäudes sind zahlreiche Grafiken und die Publikationen in Vitrinen zu bewundern. Aus Anlass der Ausstellung schuf der zeitgenössische spanische Graffitikünstler Conse aus Barcelona mit dem Wandgemälde »A Todas las Victimas del Fascismo« (Für alle Opfer des Faschismus) im Hof des Aufbau-Hauses eine Hommage an Helios Gómez.

»Días de Ira. Tage des Zorns: Helios Gómez kehrt zurück nach Berlin«. Ausstellung bis 29. Oktober 2022.

www.kaidikhas.com

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