Zeit, Ort, Auftrag
Mark Rothko in Florenz: Eine große Retrospektive seiner Werke im Palazzo Strozzi
Künstlerische Auftragsarbeiten können sich auf einen konkreten Anlass beziehen oder auf einen Raum. Sie haben eine sehr lange Tradition. Sie können großartig sein, wie beispielsweise die Werke, die jetzt in einem fensterlosen Innenraum der Tate Modern zu sehen sind, oder sehr fragwürdige Auswüchse einer »Kunst am Bau«, wie zum Beispiel Keith Sonniers »Lightway« betitelte bunte Neonausleuchtung endlos hässlicher Gänge am sehr hässlichen Flughafen München.
Fra Angelico, Mönch und Künstler, berühmter Vertreter der Frührenaissance, führte ebenfalls Auftragsarbeiten aus: Fresken in den Zellen im Dominikanerkonvent San Marco, in den Gängen des Dormitoriums und im Kapitelsaal. Fresken, die Mark Rothko tief beeindruckten. Rothko, 1903 als Markus Rothkowitz im damals zum Russischen Reich gehörenden lettischen Ort Daugavpils geboren, bereiste 1950 mit seiner zweiten Ehefrau Mell Beistle Italien, weitere Reisen folgten. Florenz war wiederholt das Ziel: San Marco oder das nach Plänen Michelangelos gestaltete Vestibül der Biblioteca Medicea Laurenziana.
Eine Arbeit des dänischen Kollektivs Superflex ist zu passieren, um in den ersten Stock des prototypischen florentinischen Stadtpalazzo der Renaissance zu gelangen, des Palazzo Strozzi. Ein Wasserbecken, metallische Stelen ragen daraus hervor, unregelmäßig geformt, »There Are Other Fish In The Sea« ist das Superflex-Werk betitelt; eine Anspielung auf die Flut von 1966, als der Arno über die Ufer trat. Passgenau setzt sich das Werk zu den schlanken Säulen des Innenhofs in Beziehung: Auftragsarbeit. Kuratiert von Elena Geuna und Christopher Rothko, dem Sohn des Künstlers, ist im ersten Stock des Palazzo Mark Rothko eine umfangreiche Retrospektive gewidmet: »Rothko a Firenze«.
Antisemitismus war es, der die jüdische Familie Rothkowitz 1913 aus Russland nach Nordamerika flüchten ließ, über Umwege wurde Portland erreicht. Nach schulischen Erfolgen folgte 1921 ein Stipendium der Yale-Universität. Rothko brach das Studium nach zwei Jahren ab, zog nach New York und besuchte Kurse bei dem kubistischen Maler Max Weber. Ende der 1920er Jahre feierte er erste Erfolge, erste Einzelausstellungen. Zunehmender Antisemitismus war es auch, der den 1938 eingebürgerten Marcus Yakovlevich Rothkowitz 1940, nach geschiedener erster Ehe, dazu veranlasste, seinen Namen zu kürzen, zu anglisieren.
Die Ausstellung in Florenz zeichnet Rothkos künstlerische Entwicklung chronologisch nach. In zehn Räumen, mit über 70 Werken, beginnend mit seinen figurativen Arbeiten der 1920er und 1930er Jahre. Die Arbeiten dieser Zeit sind vergleichsweise kleinformatig, überraschend in ihrer Gegenständlichkeit, Straßenszenen, ein Selbstporträt, Flirts mit Surrealismus und Expressionismus. Erste Bezüge zu Italien, zu Florenz, zeigen sich in dem Bild »Interior« (1936). Es zitiert die von Michelangelo gestalteten Medici-Gräber, die starken Farben verweisen auf Kommendes. Weiter zu den »Multiforms«, Gemälden mit größeren Farbflächen, die die Gegenständlichkeit hinter sich lassen und Farbe, Raum, Komposition in den Vordergrund stellen.
Rothkos Werk ab 1950, die großflächigen, meditativen Farbkompositionen, für die er berühmt ist, nimmt in der Ausstellung im Palazzo Strozzi den größten Raum ein. Die Arbeiten sind zumeist Leihgaben namhafter Institutionen, des Centre Pompidou Paris, des Museum of Modern Art New York, der National Gallery of Art in Washington, spannend die selten zu sehenden Beiträge privater Sammler und die Werke aus dem Familienbesitz Rothko.
Großzügig die Hängung, sorgfältig die Beleuchtung. In den alten Mauern des Palazzo Strozzi lädt die Ausstellung zur Kontemplation ein, betont die spirituelle Komponente von Rothkos Werk, den meditativen Gehalt seiner vibrierenden Farbfelder. Die leuchtenden Kombinationen der 1950er werden bald um Grün- und Blautöne ergänzt, florentinische Einflüsse lassen sich bei den rötlichen, erdigen Farben der frühen 1960er vermuten, sein Spätwerk dann bekanntlich düstere monochrome Arbeiten.
In den Kabinetten finden sich dann Skizzen, die Rothkos Arbeitsprozess nachvollziehbar machen. Und die Skizzen zu dem Werkzyklus, der im Zentrum der Ausstellung steht – ohne selbst ausgestellt zu sein. Als Inspiration für die Arbeiten nannte Rothko die Mysterienvilla in Pompeji sowie das Vestibül der Laurenziana, diesen beklemmend klaustrophobischen Raum mit angedeuteten Fenstern.
1958 beauftragte die Eignerfamilie des Getränkekonzerns Seagram Rothko, für das in ihrem Sitz an der New Yorker Park Avenue gelegene Nobelrestaurant »Four Seasons« fürstlich bezahlt Wandbilder zu gestalten. Rothko begann die Arbeiten an den »Seagram Murals«. Um dann, nach Rückkehr von einer weiteren Europareise, das dann fertiggestellte Restaurant zu besuchen, dort zu speisen und festzustellen, dass die schnöselige Atmosphäre nicht zu seinen Bildern passt. Er gab den beachtlichen Vorschuss zurück.
Am Fuße der Treppe Michelangos ist jetzt eine »Seagram«-Studie ausgestellt, eine weitere Satelliteninstallation im Museo San Marco zeigt Gemälde Rothkos vor Fra Angelicos Fresken. Selbst die Farmaceutica die Santa Maria Novella, eine in einem ehemaligen Kloster gelegene, 1221 gegründete Apotheke, bezieht sich auf Rothko. Hier spielt man, ganz nah an den Touristenströmen und dennoch weit von ihnen entfernt, in einem mit Fresken ausgestalteten kleinen Nebenraum Musik von Morton Feldman.
Neun Werke der »Seagram«-Reihe stiftete Rothko der Tate in London, in einem der oberen Stockwerke sind sie ausgestellt, ohne Außenfenster, den Hängungsanweisungen des Künstlers folgend, sakral. Am 25. Februar 1970 kamen sie in London an, genau an dem Tag, an dem Mark Rothko seinem Leben ein Ende setzte.
»Rothko a Firenze«, Palazzo Strozzi, Florenz, bis 23. August 2026
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