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Aus: Ausgabe vom 05.03.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Geschichte

Bilder sind Argumente

Der marxistische Kunsthistoriker Hans Hess
Von Christophe Immer
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Hans Hess beim York Festival 1966

»We play in English, jeder Deutsche versteht uns; wir spielen deutsch, but every Englishman understands.« Unter diesem Motto betrat 1939 eine Kabarettgruppe die Bühne im Londoner Theaterviertel. Mit Liedern von Walter Mehring und Bertolt Brecht, illustriert mit John Heartfields Fotomontagen, brachte Berlin das Kabarett nach London. Die Premiere am 21. Juni 1939 war zugleich die vorerst letzte öffentliche Vorstellung des Freien Deutschen Kulturbundes (FDKB) Großbritannien – doch setzte der FDKB, den die britische Geheimpolizei als »größte Komintern-Sideshow in London« bezeichnete, seine Arbeit bis Kriegsende fort.

Hinter dieser kulturellen Widerstandsarbeit stand eine Generation brillanter antifaschistischer Flüchtlinge, die Großbritanniens Kulturleben nachhaltig bereicherten. Einer von ihnen war Hans Hess (1907–1975), Kunsthistoriker, Museumskurator und marxistischer Intellektueller.

Haus Hess in Erfurt

In Erfurt schufen der erfolgreiche jüdische Schuhfabrikant Alfred Hess (1879–1931) und seine Frau Thekla ein Zentrum moderner deutscher Kunst. Ihr Haus wurde zum Treffpunkt der expressionistischen Avantgarde. Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Max Pechstein – sie alle waren nicht bloß Gäste, sondern Freunde der Familie. In kunstvoll gestalteten Gästebüchern hinterließen sie Zeichnungen, Widmungen, kleine Kunstwerke. Alfred und Thekla Hess verstanden sich nicht als passive Sammler, sondern eher als aktive Förderer. Sie sicherten Künstlern in einer Zeit politischer und ökonomischer Verwerfungen eine materielle Existenz. Ihr Mäzenatentum war aber kein Ausdruck eines bürgerlichen Repräsentationsbedürfnisses, sondern Teil einer bewussten kulturpolitischen Haltung, ihr Haus war ein Ort intellektueller Debatten, künstlerischer Produktion und politischer Positionierungen zugleich.

Hans Hess wuchs in dieser Atmosphäre auf. Er besuchte reformpädagogische Internate, zu Hause begegnete er Künstlern wie Christian Rohlfs und Paul Hindemith, Kunsthistorikern wie Walter Kaesbach und selbst dem sich später als Antisemiten entpuppenden Emil Nolde. Ein Werk Lyonel Feiningers hing in seinem Schlafzimmer. Die Auseinandersetzung mit dem Illustrator des Titelblatts des »Bauhaus-Manifests« von 1919 sollte sein Leben lang anhalten.

Flucht, Internierung, Widerstand

1933 zerschlug die faschistische Machtergreifung auch diese Welt. Hans Hess, der beim Ullstein-Verlag arbeitete, wurde im Zuge der »Arisierung« entlassen. Er emigrierte über Paris und New York 1936 nach London. Seiner Mutter Thekla gelang es unter dramatischen Umständen, Teile der Familiensammlung – Gemälde, Möbel, die Gästebücher – aus Deutschland über die Schweiz nach Großbritannien zu retten.

In London wurde Hans Hess zu einer zentralen Figur des antifaschistischen deutschen Exils. Er teilte sich eine Wohnung mit Heinz Kamnitzer, der später wie Hess in Kanada interniert wurde und 1939 Herausgeber der Zeitschrift Inside Nazi Germany wurde. Beide halfen 1938 beim Aufbau des Freien Deutschen Kulturbundes. Der FDKB organisierte nicht nur jenes kurzlebige Kabarett, sondern wurde zu einem wichtigen Zentrum antifaschistischer Kulturarbeit.

Mit Kriegsbeginn folgte für viele deutsche Emi­granten die Internierung als »feindliche Ausländer«. Hans Hess wurde auf der Isle of Man festgehalten, später nach Kanada deportiert. Erst 1942 konnte er nach Großbritannien zurückkehren.

Eine Familienanekdote berichtet, dass Hess und John Heartfield in Erwartung einer Naziinvasion eine Vervielfältigungsmaschine kauften und auf dem Gelände der berühmten »Isokon Flats« vergruben – als Vorbereitung für den Widerstand im Untergrund. Diese Episode zeigt die ernsthafte Entschlossenheit dieser Generation, den Faschismus auch unter widrigsten Bedingungen zu bekämpfen.

Rezeptiongeschichten

Neutral »Twentieth Century German Art« betitelt, fand 1938 die erste bedeutende Ausstellung deutscher Moderne in Großbritannien statt. Um die Appeasement-Politik der britischen Regierung nicht in Frage zu stellen, war auf den ursprünglichen Titel »Banned Art« verzichtet worden. Doch muss diese Ausstellung mit Werken von Nolde, Pechstein, Macke, Marc, Liebermann und vielen anderen als direkte Reaktion auf die 1937 in München eröffnete Propagandaausstellung »Entartete Kunst« verstanden werden.

Im Dezember 1939 eröffnete der Kulturbund sein Klubhaus in Nordlondon, in der Nähe der »Isokon Flats«, wo Walter Gropius und Marcel Breuer lebten. Die erste Ausstellung zeigte Werke von Franz Marc, Christian Rohlfs, Lyonel Feininger und Ernst Ludwig Kirchner – etliche davon bereitgestellt von Thekla Hess.

In den 40ern war die Appeasement-Politik Vergangenheit, und das offizielle Großbritannien fand sich mit der Anwesenheit der deutschen Kulturopposition ungeachtet ihrer »unruhigen« Politik ab. Der FDKB veranstaltete gemeinsam mit der Freien Österreichischen Bewegung und dem Jewish Cultural Club in der Whitechapel Art Gallery die von Clementine Churchills Hilfsfonds finanzierte Ausstellung »Artists Aid Jewry«.

Kurator, Kunsthistoriker, ­Marxist

Anfang 1944 erhielt Hans Hess kurz vor Eröffnung der dortigen »Mid-European Art«-Ausstellung des Kulturbundes eine Anstellung am New Walk Museum in Leicester. 1948 wurde er Kurator der York Art Gallery, die nach Kriegszerstörungen wiedereröffnet wurde. In York lebte er mit seiner ebenfalls aus Deutschland geflohenen Ehefrau Lillie Williams und der gemeinsamen Tochter Anita. Zwischen 1954 und 1966 war er mehrfach künstlerischer Direktor des York Festivals. 1967 wurde er Dozent für Kunstgeschichte an der University of Sussex.

Zeitlebens aktiver Marxist, schrieb er auch Artikel für Marxism Today, das Theorieorgan der Communist Party of Great Britain. Sein Interesse galt dem sozialen und historischen Kontext künstlerischer Produktion ebenso wie den Werken selbst. Marx folgend beharrte Hess darauf, dass materielles Sein die Basis nicht nur des Denkens, sondern auch für »dessen Formalisierung, das heißt Kunst, Poesie, Schreiben, Religion sowie rechtliche, politische Konzepte und Konstrukte« ist. Zugleich betonte er stets die Spezifität künstlerischer Produktion, ihre Verwurzelung in Zeit und Ort ihres Entstehens. Das Werk selbst müsse in seinen eigenen Begriffen als Produkt individueller und kollektiver Anstrengung verstanden werden, durchdrungen von eigener Form und eigenem Inhalt. Historischer Materialismus sei das essentielle Werkzeug für den Kunsthistoriker – sowohl zum Verstehen des Zaubers der Kunst aus früheren Kontexten als auch ihrer Funktion als Element im falschen Bewusstsein späterer Epochen, in denen sie rezipiert wird.

Hess schrieb zwei wichtige Monographien über Künstler aus der Weimarer Periode, zu denen er persönliche Verbindungen hatte. Seine Dissertation wurde zu einem Standardwerk über den Maler Georg Grosz und erschien auf deutsch 1982 auch im Dresdner Verlag der Kunst. Relevant auch seine Arbeiten zu Lyonel Feininger. Die Studierenden an den kommunistischen Sommerschulen, die 1968 in der Marx Memorial Library London organisiert wurden, lehrte er dialektisches Denken. Sein Schüler Nick Wright, jetzt Vorsitzender der Hans Hess Foundation, erinnert sich: »Er half uns zu verstehen, dass unsere Praxis als Künstler und Designer sowie das Verhalten der Individuen innerhalb der Strukturen, in denen wir existierten, und die Art, wie diese Institutionen konstruiert und betrieben wurden, tief ideologische Phänomene waren.«

Tagung »Die Gästebücher der Familie Hess. Kunst, Politik und soziale Gerechtigkeit – damals und heute«, 6. März 2026, 10–16.30 Uhr, Münzenbergforum, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin

Anmeldung: https://pretix.eu/Muenzenberg/hanshess/

Tagungssprachen: Deutsch und Englisch (mit Simultanübersetzung), Eintritt frei

Die Gästebücher als historische Dokumente

Die Hess-Familiengästebücher, 1957 in Auszügen als schmaler Band »Dank in Farben« im Piper-Verlag mit einem Kommentar von Hans Hess veröffentlicht, enthalten Zeichnungen und Grüße von Künstlern und Schriftstellern wie Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Max Pechstein und Paul Klee. Manifesto Press arbeitet mit dem Bauhaus-Archiv in Medienpartnerschaft mit junge Welt daran, die Gästebücher einem neuen Publikum zugänglich zu machen.

Am 6. März 2026 werden diese Dokumente im Münzenbergforum in Berlin vorgestellt. Das Symposium, veranstaltet von der Londoner Hans Hess Foundation, Manifesto Press und der Rosa-Luxemburg-Stiftung, erkundet die Verbindungen zwischen kulturellen Avantgarden und politischem Kampf. Es ist zugleich als Auftakt gedacht, die Geschichte der Familie Hess und die Rolle der Künste im Ringen um soziale Gerechtigkeit zurück ins bundesrepublikanische Bewusstsein zu bringen.

Zwischen wissenschaftlichen Perspektiven und mit Blick auf die heutige politische Bedeutung verspricht der Tag ein abwechslungsreiches Programm. Anita Halpin, Tochter von Hans Hess, wird Erinnerungen teilen. Annemarie Jaeggi, von 2003 bis 2025 Direktorin des Bauhaus-Archivs, führt in die Gästebücher ein. Henry Keazor spricht über Geschichte, Tradition und Kultur von Gästebüchern. Lucy Burke von der Hans Hess Foundation und Nick Wright von Manifesto Press beleuchten die Geschichte der Familie Hess von Erfurt bis Sussex. Ein Workshop lädt ein, ein Gästebuch für das 21. Jahrhundert zu schaffen.

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