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Ziemlich teure Fähnchen
Bundesumweltminister eröffnet Zentrum zur Munitionsbergung. Viel mehr als Werbeaufsteller nebst Logo gibt es bislang nicht
Auf dem Grund von Nord- und Ostsee lagern Unmengen rücksichtslos »entsorgter« Überbleibsel zweier Weltkriege, allein in deutschen Meeresgewässern geschätzte 1,6 Millionen Tonnen. Ihre enthaltenen Gift- und Explosivstoffe gefährden die Meeresumwelt, belasten sie zunehmend wegen Verrottung, gelangen so auch in die Nahrungskette. So mancher am Spülsaum gefundene »Bernstein« entpuppt sich als hochentzündlicher Phosphor aus Brandbomben, Strandgängern drohen lebensgefährliche Verletzungen. Seit mehr als 20 Jahren wird öffentlich darüber geredet, häufen sich kontinuierlich die Expertenwarnungen vor akuter Zuspitzung, werden dennoch Lösungen und schnelles Handeln amtlich zerredet und aufgeschoben.
Im Sommer 2023 hatte der Bund nach zähem Streit mit den Küstenländern 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um vor allem die technologisch angeblich richtungweisende Entwicklung einer modernen Entsorgungsplattform zu finanzieren, deren Ausschreibung aber zu jenem Zeitpunkt trotz klarer Terminvorgaben noch nicht erfolgt war. Nun endlich – wir schreiben den Juli 2026 – hat Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) in Rostock mit medialer Inszenierung eine neue Einrichtung vorgestellt mit dem hochtrabenden Namen »Bundeskompetenzzentrum Munitionsbergung aus dem Meer« (BK Meer). Optimisten dürfen gerne annehmen, dass nun ein uraltes Problem angepackt wird – die Chancen stehen aber noch nicht zum Besten. Schneider enthüllte beim Zeremoniell demonstrativ ein Fähnchen des Logos der neuen Einrichtung: Es zeigt unter dem Namensschriftzug eine stilisierte Baggerschaufel mit einer ebenfalls stilisierten Geschosshülse – wenn das alles so einfach wäre, bräuchte es weder ein »Kompetenzzentrum« noch eine teure Entsorgungsplattform.
Denn inhaltlich sieht es mager aus. Zwar soll das BK Meer nach eigener Darstellung »Konzepte und Lösungswege zur Bergung und Entsorgung der Munitionsaltlasten« entwickeln – aber warum erst jetzt? Um es mit den Worten des Umweltministeriums auszudrücken: »Das Vergabeverfahren zur ›Entsorgungsplattform‹ läuft noch. Mit einer Inbetriebnahme wird aktuell für Ende 2028 gerechnet.« Das dürfte allerdings nur realistisch sein, wenn die Ausschreibung kurzfristig entschieden wird und keine weiteren Hindernisse besagte Entwicklung behindern.
Nach dem zuvor erwähnten Sommer 2023 hat es zunächst noch mehr als zwei Jahre gedauert, bevor im Herbst 2025 (wiederum laut Ministerium) eine »Probephase« mittels Testbergungen in der Lübecker und Mecklenburger Bucht abgeschlossen werden konnte. Dann erst wurde die Entwicklung besagter Plattform als »nächste, wichtige Stufe« der »Erprobungsphase« eingeläutet. Bei den Testbergungen habe man wichtige Kenntnisse gewonnen, etwa über stark verfallene Patronenhüllen, freiliegende Explosivstoffe oder unterschiedlichste Arten von Lagerung, teilweise metertief im Meeresboden, so das Ministerium damals.
Längst bekannte Erkenntnisse, von Experten wie international amtlichen Stellen bereits vor langer Zeit publiziert. In jW fand sich schon Anfang 2015 ein Bericht über Daten und Warnungen unter anderem der sogenannten Helsinki-Kommission (HELCOM), zwischenstaatliche Meeresschutzorganisation der Ostseeanrainer. Der Koblenzer Meeresbiologe Stefan Nehring, der schon seit 2005 vor den Gefahren an und vor unseren Stränden warnt, betonte darin, ernst genommener Verbraucherschutz erfordere »zwangsläufig« eine zügige Räumung der Rüstungsaltlasten vom Meeresgrund: »Das fürchten alle Verantwortlichen wegen der immensen Kosten!«
Auch Warnungen, dass steigende Meerestemperaturen Strömungen verändern und so den Verfall der rotten Munition beschleunigen können, sind alles andere als neu. Es geht um Schwermetalle wie Blei und Quecksilber, um Sprengstoffe wie Trinitrotoluol (TNT), um chemische Kampfstoffe wie Diphenylaminarsincyanid (Clark III) oder Senfgas, um krebserzeugende oder erbgutschädigende Stoffe – sie alle bedrohen das Meer, jeden Strandbesucher und uns alle via Nahrungskette.
100 Millionen Euro lösen das Problem nicht. Das weiß zwar auch der Bund, weshalb Schneider jüngst für sechs Jahre jährlich 50 weitere Millionen ankündigte. Aber, so der NDR, erst für Betrieb und Unterhalt der besagten Plattform (die es noch nicht gibt). Weiterer Finanzstreit mit den Küstenländern ist auch nicht ausgeschlossen. Also – Ende offen.
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