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1 Leserbrief
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In jeder Hinsicht beispiellos
Zum 85. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion. Aus Anlass einer neuen Gesamtdarstellung, die die Kriegserfahrungen der sowjetischen Seite respektiert
Die erste Ausgabe der »Deutschen Wochenschau« nach dem Angriff auf die Sowjetunion kam am 25. Juni 1941 in die Kinos.¹ Die Sendung war merkwürdig aufgebaut: Sie begann nicht mit dem zweifellos wichtigsten Thema, sondern mit lauter Zweit- und Drittrangigem: dem Endspiel der »Zweiten Kriegsfußballmeisterschaft« zwischen Schalke und Rapid Wien, einer Ehrendoktorverleihung der Universität Göttingen an den japanischen Botschafter in Berlin, dem Beitritt des Satellitenstaates Kroatien zum Antikominternpakt und ein paar Bildern vom Bombardement englischer Versorgungsschiffe vor der libyschen Küste. Dann erst kam das Thema, das die ganze zweite Hälfte der Sendung einnahm: der deutsche Angriff auf die Sowjetunion.
Bewusste Täuschung
Der nach den Kriterien des Nachrichtenjournalismus handwerkliche Fehler war natürlich keiner. Die Propagandisten in der Redaktion wollten beim Publikum den Eindruck erwecken, es gehe eigentlich alles weiter wie bisher. Die Bilder zeigten rollende Panzer, Luftangriffe deutscher Bomber auf sowjetische Flugplätze und erste Kolonnen sowjetischer Kriegsgefangener: »ungewaschene und verkommene Haufen«, so der Kommentator. Später berichteten die »Meldungen aus dem Reich« des SS-Sicherheitsdienstes auf der Grundlage von Spitzelberichten, die Sendung sei »außerordentlich positiv« aufgenommen worden, und die »anfangs bestehende Bedrücktheit« sei unter dem Eindruck der Erfolgsbilder »schlagartig gewichen«.² Auch die Bilder von Kroatiens Beitritt zum Kominternpakt hätten ihren Zweck erfüllt: »Man habe das Gefühl, dass sich bei der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion ganz Europa hinter den Führer stellt und die europäische Solidarität zur Wirklichkeit wird.«³ Hier klingt das Trauma des Zweifrontenkrieges aus dem Ersten Weltkrieg an. Einige der Kinozuschauer verwiesen auf »einen gewissen Widerspruch« zwischen der Behauptung Hitlers, er sei einem sowjetischen Angriff nur knapp zuvorgekommen, und den Aussagen in Frontberichten, die sowjetischen Truppen seien »völlig überrascht« worden.⁴
Tatsächlich war der Eindruck, den die »Wochenschau« vom 25. Juni erwecken wollte, eine großangelegte Täuschung. Der am 22. Juni losgetretene Krieg gegen die Sowjetunion war tatsächlich »ein Krieg wie kein anderer«, wie es im Titel der neuesten umfassenden Studie zum Thema heißt. Sie stammt von Jochen Hellbeck, einem in den USA forschenden deutschen Historiker, und beruht zentral auf erstmals ausgewerteten Quellen aus Archiven in Russland, der Ukraine und Belarus, vor allem solchen, die Augenzeugenberichte von Überlebenden wiedergeben, die nach der Befreiung ihrer Wohnorte von sowjetischen Journalisten und Wissenschaftlern festgehalten wurden.
Warum war der Krieg zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion ein »Krieg wie kein anderer«? Beispiellos war er erstens in der Masse der herangezogenen Truppen und des bereitgestellten Materials: Die Wehrmacht stellte etwa drei Millionen Soldaten auf, die Verbündeten und Satelliten des Dritten Reiches weitere 700.000 (die allerdings keinen größeren Kampfwert besaßen; die Einkesselung von Stalingrad gelang bekanntlich, weil an den überdehnten Flanken der 6. Armee rumänische Einheiten standen, schlechter ausgerüstet und verpflegt als die Wehrmacht).
Bei allen schweren Waffen, ob Panzer, Flugzeuge oder Geschütze, war die Wehrmacht der Roten Armee um ein Vielfaches unterlegen. Ob der Wehrmachtführung dieses Missverhältnis bewusst war, diskutiert Hellbeck nicht. Es liegt aber nahe, dass sie aus der Dezimierung des sowjetischen Offizierskorps infolge der Säuberungen der 1930er Jahre und dem erfolgreichen Widerstand Finnlands im Winterkrieg 1939/40 den Schluss zog, die Rote Armee sei schlecht aufgestellt und deren Kampfkraft unterschätzte. Zudem beruhte das ganze deutsche Konzept des »Blitzkrieges« ja ohnehin darauf, trotz eigener zahlenmäßiger und materieller Unterlegenheit durch konzentrierte Durchbrüche an einigen Stellen trotzdem Erfolge zu erzielen.
Gegen Frankreich hatte das im Mai 1940 funktioniert. Im Fall der Sowjetunion aber stieß der »Blitzkrieg« an seine Grenzen. Bereits im Frühherbst 1941 waren 200.000 deutsche Soldaten durch Tod oder schwere Verwundung ausgefallen – mehr als in allen Kampagnen der zwei vorherigen Jahre zusammen. Bis zum Sommer 1942 war die Zahl der deutschen Gefallenen auf 800.000 gestiegen, und dies noch vor der Einkesselung der 6. Armee im November 1942 in Stalingrad, die der Wehrmachtführung weitere 330.000 Soldaten entzog.
Grausame Verbrechen
Was der Wehrmacht an materieller Kraft fehlte, sollte sie durch Rücksichtslosigkeit in der Kampfführung wettmachen. Auch sie war beispiellos in der bisherigen Kriegsgeschichte. In der Vorbereitung auf den Krieg gegen die Sowjetunion wurden die deutschen Soldaten gezielt instruiert, sich von keinen Rücksichten des »ritterlichen Kampfes« bei der Vernichtung des »jüdisch-bolschewistischen Weltfeindes« hemmen zu lassen: »Der Russe ist vorher kein Kamerad und nachher auch keiner«, hat Christian Streit in seiner Pilotstudie über die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener eine damals ausgegebene Parole zusammengefasst.⁵
Bekanntestes Beispiel war der vielfach wiederholte und modifizierte »Kommissarbefehl« vom 16. Juni 1941 (siehe jW v. 6.6.2026), der die Truppe anwies, gefangengenommene jüdische Sowjetsoldaten und politische Offiziere der Roten Armee sofort zu erschießen. Und auch gegenüber der Zivilbevölkerung der eroberten Gebiete sollten die deutschen Soldaten keinerlei Rücksicht üben. Sie taten es auch nicht. Große Passagen von Hellbecks Buch sind in dieser Hinsicht eine schwere Lektüre: Sie beschreiben endlose Sequenzen grauenvollster Kriegsverbrechen, illustriert etwa mit Briefstellen des Wiener Polizisten Walter Mattner, der seiner Frau berichtete, anfangs habe ihm beim Erschießen jüdischer Kinder »etwas die Hand gezittert«, aber das habe sich gegeben. Aus Mattners Schilderung geht hervor, dass deutsche Soldaten geradezu einen Sport daraus machten, jüdische Kinder in die Luft zu werfen und sie wie Tontauben abzuschießen.⁶ Als ein besonders widerwärtiges Beispiel seien auch nach der Befreiung aufgezeichnete Augenzeugenberichte erwähnt, wonach die Deutschen mutmaßliche Partisanen an durch die Unterkiefer geschlagenen Haken aufgehängt hätten »wie die Fische«. Eines der Opfer habe vier Tage lang geschrien und gestöhnt.⁷
Die systematische Ausplünderung der Lebensmittelvorräte sowohl auf dem Vormarsch als auch auf dem Rückzug, das von den Planern in Berlin in Kauf genommene Verhungern von »zig Millionen« Zivilisten, »wenn das für uns Nötige aus dem Land herausgeholt wird« – so ein in der Forschung oft zitierter und auch von Hellbeck erwähnter Bericht der Vierjahresplanbehörde für Hermann Göring vom Mai 1941 – fand in der zweieinhalbjährigen Blockade von Leningrad, die allein fast eine Million Tote forderte, nur den augenfälligsten Höhepunkt. Sowjetische Kriegsgefangene wurden in den ersten Monaten des Krieges systematisch dem Verhungern und Erfrieren preisgegeben, bis der Naziführung angesichts der nicht mehr zu ersetzenden Verluste an der Front in den Sinn kam, sie nicht einfach nur sterben zu lassen, sondern sie vorher noch als Zwangsarbeiter auszubeuten. Das ist alles im Prinzip nicht neu, wird aber von Hellbeck auf das Eindringlichste zusammengefasst.⁸
Das Besondere an Hellbecks Buch ist, dass er die sowjetischen Dokumentationen über den Krieg mit unzähligen Zeitzeugenberichten nicht nur auswertet, sondern diese auch ernst nimmt. Er lobt beispielsweise die methodische Sauberkeit, mit der der Schriftsteller Ilja Ehrenburg als Korrespondent der Prawda und des Roten Sterns deutsche Verbrechen dokumentiert habe. Ehrenburg hat zwischen 1941 und 1945 mehr als 1.500 Texte verfasst, das heißt, jeden Tag mehr als einen. Er bekam Tausende von Briefen von der Front mit immer neuen Beispielen deutscher Greueltaten. In der wissenschaftlichen und publizistischen Öffentlichkeit Westdeutschlands ist Ehrenburg über Jahrzehnte als »fanatischer Deutschenhasser« abgetan worden. Noch als in den 1960er Jahren sein Roman »Tauwetter« in deutscher Übersetzung herauskommen sollte, versuchten Verbände von Wehrmachts- und SS-Veteranen mit einigem Erfolg, das Erscheinen des Buches zunächst zu verhindern und dann den Verkauf zu behindern.⁹ Schließlich stellte der Kindler-Verlag den Vertrieb ein.
Gemeinschaft der Erinnerung
Hellbeck nimmt die Schilderungen Ehrenburgs und anderer sowjetischer Frontkorrespondenten ernst und tut sie nicht als Propaganda ab, die sie zweifellos auch waren – faktengestützte Propaganda, eben keine Lügen. Er sieht sie als historische Quellen für eine zusammenschweißende Bewusstseinsentwicklung innerhalb der Sowjetunion, die nach seiner Einschätzung die Hartnäckigkeit des sowjetischen Widerstands erklärte:
»Die mobilisierende Kraft des kommunistischen Glaubens – zumal gegen einen Eindringling, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, die universalistischen Prinzipien der sowjetischen Revolution mitsamt aller ihrer überzeugten Träger auszulöschen – trug maßgeblich dazu bei, dass sich die Deutschen an der Ostfront (…) mit einem erbitterten Widerstand konfrontiert sahen, wie sie ihn von anderen Gegnern nicht kannten. Die Deutschen registrierten diesen Widerstand von Anfang an und mit großem Unbehagen. Doch hatten sie unrecht, wenn sie den gegnerischen Kampfgeist auf dunkle Machenschaften der Juden zurückführten. Der sowjetische Widerstand war nicht ›jüdisch‹ in dem Sinne, dass Juden Nichtjuden darüber belehrten, wie sie zu handeln hätten. Wenn eingekesselte Rotarmisten in den Wäldern und Zivilisten in den besetzten Städten immer wieder die Kraft zum Kampf fanden, dann deshalb, weil sie beflügelt waren von einem kommunistischen Handlungsethos, das über den deutschen Einmarsch hinaus Bestand hatte oder ad hoc wiederbelebt wurde.«¹⁰
Es war ein Solidaritätsgefühl, das sich im Laufe des Krieges eher noch verstärkte. Hellbeck hat in einem Charkiwer Privatarchiv das Tagebuch des Naturwissenschaftlers Lew Nikolajew ausgegraben, der der Sowjetmacht ursprünglich skeptisch gegenüberstand, weil er in den 1930er Jahren Opfer von Repressionen gewesen war. Im Herbst 1942 notierte er dagegen: »Fünfundzwanzig Jahre lang schwankte ich und saß zwischen zwei Stühlen. Fünfundzwanzig Jahre lang habe ich mich gerühmt, neutral zu sein, mit Distanz ›über dem Geschehen zu stehen‹. (…) Und jetzt – wenn ich die Kraft und eine Waffe hätte, würde ich gegen die Deutschen losschlagen. Meine Geduld ist am Ende. Diese Banditen haben ganz Europa in Blut getränkt.«¹¹
In dem Maße, wie die Rote Armee ab 1943 im Westen vorankam und die unmittelbaren Schauplätze der großen deutschen Massaker zurückeroberte, wuchs dieses Gefühl der sowjetischen Gemeinsamkeit nach Hellbecks Darstellung immer weiter an. Jedenfalls in den bereits vor 1939 zur Sowjetunion gehörigen Gebieten. Am westlichen Rand des Landes, im Baltikum und in der 1939 annektierten Westukraine, war dies anders. Aber im sowjetischen Kernland – wie es Hellbeck nennt – sei aus der Erfahrung des gemeinsamen Leidens eine wirkliche Gemeinschaft der Erinnerung und damit ein bleibendes politisches Band geworden.
»Unser Indien«
Viel Raum verwendet Hellbeck auf die Darstellung, wie die Vernichtung der europäischen Juden und die der sowjetischen Bevölkerung nicht nur praktisch Hand in Hand gingen, sondern auch gemeinsamen ideologischen Wurzeln entsprangen. Ausgelöst war die semantische Verbindung von »Kommunismus« und »Judentum« durch die Erlebnisse deutscher Freikorpskämpfer, die nach dem Ersten Weltkrieg im Baltikum die Revolution in Russland bekämpft hatten. Sie referierten ihre Erlebnisse und deren Interpretation in der Heimat einem breiteren Publikum, und einer der Zuhörer war in München ein Landwirtschaftsstudent namens Heinrich Himmler, der den Vortrag später als geistigen Wendepunkt seines Lebens beschrieb.¹² Der Antisemitismus war ein Instrument der Personalisierung dessen, was die Forschung schon vor längerer Zeit als das »Trauma der Novemberrevolution« bei der geistigen Grundausstattung der deutschen Faschisten beschrieben hat.¹³ Dass sich diese epochale Niederlage des deutschen Imperialismus von 1918 nicht wiederholen dürfe, war die gemeinsame Grundlage für den Judenhass wie den Antikommunismus der Nazis.
Auch die Ausrichtung des nazistischen Expansionismus in Richtung Osten war an sich nichts Neues. Sie hatte aus der Eigenperspektive der Nazis sogar etwas Zwingendes. Deutschland war im Ersten Weltkrieg in hohem Maße durch die britische Seeblockade zu Fall gebracht worden. Sie war auch die Grundlage für den Massenhunger und damit die soziale Unzufriedenheit, die sich 1918 Bahn brach. Insofern sind im Prinzip lange bekannte und auch von Hellbeck selbstverständlich zitierte Aussagen Hitlers vom September 1941 über den Osten als »unser Indien«¹⁴ Konsequenzen einer Strategie des deutschen Imperialismus, ein »blockadefestes« Kolonialreich zu schaffen. Hieraus wiederum ergab sich die Entmenschlichungs- und Vernichtungsstrategie gegenüber der Sowjetunion und ihrer Bevölkerung mit einiger Konsequenz – nur hatten die Deutschen eben nicht mit dem »antikolonialen« Widerstand der von der Revolution zu »staatsbürgerlichem Verantwortungsbewusstsein und politischer Eigeninitiative«¹⁵ erzogenen Sowjetbürger gerechnet.
Wie weit es damit nach den Säuberungen und den Repressionswellen der 1930er Jahre noch her sein konnte, ist ein Thema, das Hellbeck leider nicht diskutiert. Karl Schlögel etwa beschreibt die Sowjetunion dieser Zeit als eine in Anomie und Atomisierung versetzte Gesellschaft.¹⁶ In welchem Umfang die existentielle Bedrohung frühere, durch die Revolution geschulte Verhaltensweisen wiederbeleben konnte – vielleicht auch durch die vorübergehende Abwesenheit der sowjetischen Staatsmacht, angesichts derer Dinge möglich und sogar erforderlich wurden, die früher schon das Betriebsparteikomitee unterbunden hätte –, das wäre eine interessante Frage.
Fraglich ist auch Hellbecks Periodisierung des Holocaust und des Russland-Feldzuges. Er bindet den Aufstand im Warschauer Ghetto im Frühjahr 1943 stark in das Narrativ von der beflügelnden Wirkung der Schlacht von Stalingrad auf den europäischen Widerstand ein und stützt sich dabei auf eine Botschaft aus »Ghettograd«, die die Aufständischen in die Welt geschickt hätten.¹⁷ Dabei ist ihm gewiss bewusst gewesen, dass das etwas überzogen ist, denn er erwähnt richtigerweise, dass der Holocaust in Polen bereits 1942 mit der »Aktion Reinhard« begann. Genaugenommen sogar schon im Dezember 1941, als in Kulmhof (Chełmno nad Nerem) die ersten Versuche mit Gaswagen zur Ermordung von Juden aus dem »Reichsgau Wartheland« unternommen wurden. Insofern scheint die von Kurt Pätzold und Erika Schwarz vertretene Auffassung näherliegend, dass schon die deutsche Niederlage vor Moskau Ende 1941, die dem Traum vom Vormarsch bis an den Ural ein Ende setzte, der entscheidende Anstoß dafür gewesen sei, das »Judenproblem« nun in dem Bereich zu »lösen«, den Deutschland zu jenem Zeitpunkt kontrollierte.¹⁸ Auch wenn die »Evakuierung in den Ural« Anfang 1942 immer noch in den Tischvorlagen etwa für die Wanseekonferenz stand. Dass Himmler im Sommer 1943 Treblinka besuchte und die Vernichtung der Spuren des deutschen Judenmords anordnete – ähnlich wie wenig später in Sobibor nach einem Aufstand der Gefangenen das Lager eingeebnet und die Gräber vernichtet wurden –, ist sicherlich eine Folge der Niederlage von Stalingrad, die absehbar machte, dass Beweise für die Verbrechen der Nazis in die Hände des Gegners fallen könnten.¹⁹ Wie es dann ab der Befreiung von Majdanek im Sommer 1944 auch geschah.
Gegen die Einseitigkeit
Lesens- und bedenkenswert sind auf jeden Fall die Überlegungen Hellbeck zur Erinnerungskultur bezüglich Ostfeldzug und Judenmord in den Schlusskapiteln. Der Autor kann natürlich nicht frontal gegen die Verkürzung der Erinnerung an die deutschen Verbrechen auf die an den Juden argumentieren, wie sie im Westen gepflegt wird. Aber was er an der einseitigen Ausrichtung des »US Holocaust Memorial Museum« in Washington kritisiert – in dem die sowjetischen Opfer praktisch nicht vorkommen –, ist mehr als deutlich.²⁰ Dem Autor schwebt erkennbar eine Wiederbelebung der Antihitlerkoalition und des Geistes von Torgau zumindest in der Erinnerungskultur vor. Ob das unter den heutigen Bedingungen realistisch ist, muss man bezweifeln. Das Kriegsgedenken in EU-Europa ist von Antikommunisten und osteuropäischen Nationalisten gekapert worden und passt mit seiner gegen Russland gerichteten Ausrichtung viel zu gut ins aktuelle politische Konzept der Bekämpfung und Delegitimierung Moskaus, als dass inhaltliche Kritik im geschichtspolitischen Mainstream noch eine Chance hätte.
Um so wichtiger ist es, mit Hellbeck an eine fundamentale Differenz der beiden »totalitären Regime« zu erinnern:
»Die Sowjetunion (war) Deutschlands ›Weltfeind Nr. 1‹. Die Ostfront markierte die ideologische Hauptkampflinie des Nationalsozialismus. Vor allem aus diesem Grund verloren 26 Millionen Sowjetbürger, die Hälfte davon Zivilisten, in Folge des deutschen Überfalls vom 22. Juni 1941 ihr Leben. Hitlers Anhänger vernichteten (…) Millionen von Menschen als Antwort auf die sowjetkommunistische Weltanschauung, die sie als jüdischen Bolschewismus bezeichneten. (…) Hitler (deutete) das Wesen seines Gegners sehr treffend, wenn er die Bolschewisten als die radikalsten Vertreter der europäischen Aufklärung bezeichnete. Mit dieser Aussage erkannte Hitler das Aufeinandertreffen seines Regimes mit der Sowjetunion als einen globalen Kampf mit europäischen Wurzeln an: eine Stammesrebellion im Namen von Blut und Boden gegen die Kräfte der Universalität.«²¹
Es war auch die Front zwischen Sozialismus und Konterrevolution, des Versuchs, die Ereignisse von 1917/18 ungeschehen zu machen. Und deshalb ist Hellbecks voluminöses und überaus gelehrtes Werk von mehr als nur akademischem Wert. Es ist ein Aufruf, der heute wieder grassierenden Gegenaufklärung entgegenzutreten. Eine »Revision«, wie es der vom deutschen Verlag hinzugefügte und im amerikanischen Original fehlende Untertitel des Buches sagt, ist Hellbecks Buch deshalb gerade nicht. Allenfalls eine Revision des Geschichtsrevisionismus.
Anmerkungen:
1 https://www.youtube.com/watch?v=Q7bKzY1N0NQ
2 Meldung Nr. 196 vom 26.6.41. In: Heinz Boberach (Hg.): Meldungen aus dem Reich, Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS, Bd. 7. Herrsching 1984, S. 2444
3 Ebd., S. 2445
4 Ebd., S. 2444
5 Christian Streit: Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941–1945. Bonn 1978
6 Zit. n. Jochen Hellbeck: Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision. Frankfurt/M. 2025, S. 174 f.
7 Ebd., S. 338
8 Vgl. Ulrich Herbert: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des »Ausländer-Einsatzes« in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Bonn 1985
9 Vgl. Hellbeck, S. 498 f.
10 Ebd., S. 231
11 Ebd., S. 340
12 Ebd., S. 53 f.
13 Eines der vielen Beispiele ist Timothy W. Mason: Sozialpolitik im Dritten Reich. Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft. Opladen 1978, S. 15 ff.
14 Zit. n. Hellbeck, S. 317, Anm. 7
15 Ebd., S. 231
16 Vgl. Karl Schlögel: 1937. Terror und Traum. München 2008
17 Hellbeck, S. 371
18 Kurt Pätzold u. Erika Schwarz: Tagesordnung Judenmord. Die Wannseekonferenz am 20. Januar 1942. Berlin 1992, S. 34 ff.
19 Hellbeck, S. 370 f.
20 Ebd., S. 506 ff.
21 Ebd., S. 509
Jochen Hellbeck: Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision. Frankfurt/M.: S. Fischer 2025, 688 Seiten, 36 Euro
→Reinhard Lauterbach schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. Mai 2026 über das Verhältnis zwischen Polen und den USA: »Erkaltende Liebe«.
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Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 26. Juni 2026 um 11:26 UhrEin stellenweise durchaus informativer Artikel. Aber es ist schon verrückt. Ausgerechnet die zitierte Passage aus Hellbecks Buch, die mir am besten gefallen hat, wird von Lauterbach kritisiert: Es handelt sich um die interessante Einschätzung von Hellbeck, dass nämlich »die Deutschen eben nicht mit dem ›antikolonialen‹ Widerstand der von der Revolution zu ›staatsbürgerlichem Verantwortungsbewusstsein und politischer Eigeninitiative‹ erzogenen Sowjetbürger gerechnet« hatten. Darauf Lauterbach: »Wie weit es damit nach den Säuberungen und den Repressionswellen der 1930er Jahre noch her sein konnte, ist ein Thema, das Hellbeck leider nicht diskutiert. Karl Schlögel etwa beschreibt die Sowjetunion dieser Zeit als eine in Anomie und Atomisierung versetzte Gesellschaft. In welchem Umfang die existentielle Bedrohung frühere, durch die Revolution geschulte Verhaltensweisen wiederbeleben konnte – vielleicht auch durch die vorübergehende Abwesenheit der sowjetischen Staatsmacht, angesichts derer Dinge möglich und sogar erforderlich wurden, die früher schon das Betriebsparteikomitee unterbunden hätte –, das wäre eine interessante Frage.« Hier wird unterstellt, dass in diesen Jahren des Aufbaus der Sowjetunion ein Zustand der Norm- und Gesetzlosigkeit (=Anomie) geherrscht habe, was an sich schon ein Widerspruch ist. Und dass in dieser Zeit die »durch die Revolution geschulten Verhaltensweisen« schon durch Betriebsparteikomitees unterbunden worden wären. Eine wirklich abenteuerliche Andeutung, obwohl sich der Autor selbst nicht sicher ist, weil er schreibt: »das wäre eine interessante Frage«. Eine interessante Frage sicherlich für jene, die ein Interesse daran haben, dass an der Legende vom bösen »Stalinismus« ewig weitergestrickt wird. Weil von Lauterbach mit Karl Schlögel ausgerechnet ein von links nach rechts gewendeter Historiker zitiert wird: Vielsagend und abschreckend schon der Buchtitel »Terror und Traum Moskau 1937«
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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