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Fußballweltmeisterschaft

Note Sechs für Doppelsechs

Exzellente Defensive: Paraguay wirft Deutschland aus dem WM-Turnier

Foto: David Butler Ii/REUTERS
Doppeldaumenrunter: Wenn einer nicht reicht

Es ist 1.28 Uhr. Hoeneß schießt den Ball in den Nachthimmel von Belgrad. Okay, nicht Belgrad, Boston. Und auch nicht 1.28 Uhr, 19.28 Uhr. Und verschossen hat nicht Uli Hoeneß, sondern Jonathan Tah. Das vorausgegangene Elfmeterpingpong darf hier nun wirklich mal dramatisch genannt werden. Nach dem dritten Durchgang lag Nagelsmanns Elf 2:3 hinten. Nicht aus dem Turnier zu scheiden, mussten die Deutschen einmal treffen und Paraguay zweimal verschießen. Statistisch werden Elfmeter mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent verwandelt. 20 von 80 von 20 macht 3,2 Prozent. Dass Deutschland es überhaupt in den Tiebreak schaffte, war schon ein Wunder, ein kleines. Das Wunder von Boston – das Wunder von Bern des kleinen Mannes.

Die deutsche Elf, gedanklich schon damit beschäftigt, in die drohende Niederlage gegen Frankreich zu resignieren, ist bereits in der ersten Playoffrunde ausgeschieden. Gegen Paraguay nach einem herbeigekrampften 1:1, Verlängerung inklusive. Elfmeterschießen sind bestes Entertainment, hier eine Art Entschädigung.

Julian Nagelsmann hatte am 4-2-3-1 festgehalten, personell gab es allerdings eine Veränderung. Undav lief für Musiala auf. Gar keine so schlechte Rochade, denn Musiala scheint physisch nicht so fit, seine ­Klasse auszuspielen. Ihn gegen Ende des Spiels zu bringen, wenn die gegnerischen Spieler müde sind, war eine plausible Überlegung. Die Abläufe dann waren allerdings weniger gut. Bespielte Undav Musialas Position und Havertz die davor oder umgekehrt? Keiner der beiden schien dem anderen die Position des Stürmers ganz abtreten zu wollen. Entsprechend schwach war Undavs Auftritt in der ersten Halbzeit: neun Ballkontakte, Passquote 25 Prozent, Zweikampfquote 14 Prozent, ausgewechselt in der 63. Minute.

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In den wenigen Tagen zwischen Ecuador und Paraguay hatte die Personaldebatte eine neuerliche Wendung genommen. Es ging nun weniger um Undav und mehr um Kimmich, der aufgrund fehlender Schnelligkeit für rechts hinten nicht geeignet sei. Schon recht, doch Nagelsmann fehlten hier schlicht die Alternativen. Raum links hinten lassen und Brown nach rechts hinten rücken zum Beispiel hätte die rechte Seite defensiv stabilisieren können, aber zum Preis, die stärkere Offensive auf der Linken einzubüßen. Im ausgemachten Problem Kimmich war ein tieferes Problem enthalten, doch von der falschen Seite angepackt. Nicht, wozu Kimmich nicht geeignet sei, wäre die Frage gewesen, vielmehr wozu er besser geeignet ist. Neuers Schwäche im Tor, das Fehlen eines echten Goalgetters, ein offensives Mittelfeld, das im Zentrum Kurzpässe spielen soll, doch lieber mit dem Ball am Fuß in die gegnerische Staffel hinläuft – diese eklatanten Baustellen hatten die heikelste verdeckt. Nmecha und Pavlovic funktionierten auf der Doppelsechs weder zusammen gut, noch haben sie für sich gut gespielt. Jene Instabilität, die das deutsche Team sein ganzes Turnier hindurch zeigte, kommt hauptsächlich daher, dass die beiden im Spielaufbau zu schwach und defensiv zu anfällig waren. Gegen Paraguay hat Nmecha denn auch den entscheidenden Fehler gemacht, der zum Rückstand führte, wie bereits gegen Ecuador. Nagelsmann wechselte ihn zur zweiten Halbzeit aus.

Die deutsche Mannschaft hat nun in drei aufeinanderfolgenden Partien alle drei Varianten reaktiven Gegenspiels erlebt und fand gegen keine geeigneten Mittel: beim physisch starken Pressing der Côte d’Ivoire, beim situativen Schwanken zwischen ­Pressing und tiefer Raumdeckung Ecuadors und bei den tiefen Staffeln Paraguays. Eisern hielt der Bundestrainer an seiner Spielidee fest, vor allem durchs Zentrum zu spielen, auch wenn die Spieler, die er dafür aufstellte, diese Spielweise nicht bevorzugen. Immer wieder dribbelten Sané und Wirtz sich in den Halbräumen fest, die Außenbahn blieb kaum genutzt. Tatsächlich änderte sich das im Verlauf der zweiten Halbzeit. Die deutsche Offensive bespielte nun mehr die Außenlinien und versuchte es mit hohen Bällen. Auf die Art fand sie tatsächlich ein wenig ins Spiel, in der Verlängerung gelang Tah sogar das 2:1 mit dem Kopf. Nach Konsultation des VAR wurde der Treffer allerdings annulliert, was man durchaus als Fehlentscheidung werten kann.

Ins Achtelfinale zieht ein Paraguay, das von dieser Entscheidung profitiert, sich den Sieg aber im Rahmen seiner Mittel hart erarbeitet hat. 7 gegen 21 Torschüsse, 255 gegen 805 Pässe, 24 gegen 76 Prozent Ballbesitz bezeugen eine reaktive Spielweise, allein, Paraguays Defensive funktionierte nahezu perfekt, die Spieler verschoben gut und deckten den Raum wie ein Organismus. Ob die Deutschen aufs Tor schossen oder Pässe gen Strafraum versuchten, fast immer hatte ein Spieler Paraguays den Fuß dazwischen. Was allein durch Kampf nicht zu erklären ist, man kann das nur, wenn man sich intelligent antizipierend im Raum verhält.

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.07.2026, Seite 16, Sport

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