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»Je mehr Kinder dabei sind, desto besser«
Leichtathletikolympiasiegerin Silke Renk-Lange über das bundesweit einmalige Projekt »Talentfindung und Talentförderung« in Sachsen-Anhalt
Sie haben einst selbst von einer Sichtung profitiert und reiften anschließend zu einer Weltklassespeerwerferin. Können Sie sich noch an Ihre »Stunde eins« erinnern?
Den entscheidenden Tag gab es für mich als Schülerin der sechsten Klasse, als alle Talente nach Halle eingeladen wurden und wir dort bestimmten Sportarten zugeteilt wurden. Vorausgegangen waren dieser Weichenstellung meine ersten Schritte bei Schulsportfesten sowie bei den Kreis-Spartakiaden in Sangerhausen, wo ich bereits früh durch meine Fähigkeiten im Bereich Stoß und Wurf aufgefallen war. Auch wegen dieser sehr persönlichen Erfahrungen ist unser Projekt »Talentfindung und Talentförderung«, bei dem der Landessportbund Sachsen-Anhalt (LSB) von Beginn an als koordinierende und treibende Kraft wirkte, eine echte Herzenssache. Mit meiner eigenen Biographie bin ich bei dem, was wir machen, äußerst glaubhaft.
Das Projekt »Talentfindung und Talentförderung« gibt es in Sachsen-Anhalt seit zehn Jahren. Wie fällt die Bilanz aus?
Den Impuls dafür hatte mein Vorgänger Andreas Silbersack als LSB-Präsident gegeben, ich war damals seine Stellvertreterin. Wir waren uns einig, dass es in diesem Bereich unbedingt eine Systematik braucht, um Kinder für den Sport zu begeistern und um gleichzeitig herauszufinden, in welchen Sportarten sie besondere Talente haben. Je mehr Kinder dabei sind und je mehr Breite wir haben, desto besser. Inzwischen wissen wir, dass aus diesem Ansatz eine echte Erfolgsgeschichte geworden ist. Aktuell gibt es landesweit 59 sogenannte Talentgruppen, in denen rund 600 Kinder trainieren. Mittlerweile sind 27 Jugendliche in den Bundeskader berufen worden. Elf Jugendliche gehören inzwischen dem Juniorteam von Sachsen-Anhalt an, das als »Sprungbrett zu Olympia« gilt. Die große Hoffnung ist, dass 2028 die ersten Olympioniken aus diesem Projekt kommen und bei den Sommerspielen in Los Angeles an den Start gehen dürfen.
Wie muss man sich die Projektarbeit in der Praxis vorstellen?
Am Anfang stehen landesweite Sportmotoriktests in allen dritten Klassen. Jährlich nehmen etwa 18.000 Kinder daran teil. Die Kids mit überdurchschnittlichen motorischen Fähigkeiten werden anschließend zu den »Sachsen-Anhalt-Spielen« eingeladen, wo sie verschiedene Stationen in unterschiedlichen Sportarten durchlaufen und dabei von Landes- bzw. speziellen Sichtungstrainern beobachtet und beurteilt werden. In diesem Jahr haben über 2.000 Kinder an diesem Ereignis teilgenommen. Anschließend entscheiden die Fachleute, wer von den Mädchen und Jungen in eine der Talentgruppen aufgenommen werden sollte. Das ist die erste strukturierte Förderstufe im Nachwuchsleistungssport, von der der weitere Weg an die »Eliteschulen des Sports« in Magdeburg oder in Halle (Saale) führen kann. Im Vorjahr ist 68 Kindern über das Talentfindungsprojekt dieser Sprung gelungen. Es liegt auf der Hand, dass es für diese ausgereifte Systematik zahlreicher Partner bedarf, insbesondere der Sportvereine und der Sportverbände im Land, doch ebenso der Sportlehrer an den Schulen und der Unterstützung durch Innen- und Sportministerin Tamara Zieschang und ihr Ministerium. Nur in diesem großen und weiterverzweigten Verbund kann es funktionieren.
Welche Sportarten sind besonders gut vertreten, welche eher unterrepräsentiert?
Wir können nicht sämtliche olympischen Sportarten abbilden, das würde ein solches Projekt überfordern. Unser Leistungssportkonzept priorisiert die Sportarten Schwimmen, Leichtathletik, Rudern, Kanurennsport und Wasserspringen. Leicht abgestuft dahinter folgen Handball und Turnen männlich sowie Judo, Bob- und Parasport. Wichtig ist, dass alle Kinder den Spaß an Sport und Bewegung behalten, auch wenn sie es nicht bis auf eine »Eliteschule« schaffen. Diese Art von sportlicher Nachhaltigkeit ist vielleicht sogar das wichtigste Axiom unseres Projekts.
Warum ist in anderen Ländern nicht möglich, was Sie in Sachsen-Anhalt auf die Beine gestellt haben?
Wir hatten den großen Vorteil, dass hier nach der »Wende« nicht sämtliche Strukturen des Sports in die Brüche gingen. Das war eine gute Ausgangssituation. Hinzu kommt das klare Bekenntnis zu Leistung und Leistungssport. In den alten Bundesländern existieren aus der Tradition heraus mitunter andere und spezifische Modelle, die nicht einfach aufgegeben und ausgetauscht werden können. Trotz allem wären unser Ansatz und unsere Methodik übertragbar, und wir stehen als Gesprächspartner jederzeit gern bereit.
Wie steht es um die Zukunft von »Talentfindung und Talentförderung«, falls die AfD am 6. September die Landtagswahl gewinnt?
Das ist keine einfache Situation, doch eines ist klar: An diesem Grundpfeiler wollen wir nicht rütteln lassen und dieses Projekt steht auf keiner Streichliste. Unsere sportpolitische Forderung, die wir als LSB gemeinsam mit unseren Partnern zusammengetragen haben, ist deutlich formuliert: Die Förderung des Kinder- und Nachwuchsleistungssports ist unverzichtbar und dem muss weiterhin die Aufmerksamkeit gelten wie dem Sportstättenthema. Ganz im Gegenteil sehen wir der Zukunft mit breiter Brust entgegen und sind als LSB der Meinung, dass es höchste Zeit ist, dieses Erfolgsmodell nach zehn Jahren von seinem Projektstatus zu befreien und in die institutionelle Förderung des Landes zu überführen. Oder anders: Es zur Normalität werden zu lassen.
Christiane Schnederlein wurde jüngst als Staatsministerin für Sport und Ehrenamt abberufen und als Parlamentarische Staatssekretärin ins Gesundheitsministerium beordert. Wer ihr ins Kanzleramt nachfolgt, ist noch nicht entschieden. Würden Sie für dieses Amt bereitstehen, wie es der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Sven Schulze neulich ins Gespräch brachte?
Das ist die alleinige Entscheidung von Bundeskanzler Friedrich Merz. Ich für meinen Teil habe meine Visitenkarte in über 30 Jahren im Ehrenamt und sowohl im Breiten- als auch im Spitzensport abgegeben. Ich weiß, wie die Sportvereine vor Ort ticken und womit sie sich herumschlagen. Zugleich habe ich gute Kenntnisse von der aktuellen Situation des Leistungssports. Als ich 2009 LSB-Vizepräsidentin wurde, hatte ich mich damals als ehemalige Athletin allerdings bewusst gegen dieses Ressort entschieden, sondern wollte zunächst als »Vize« im Bereich Frauen und Gleichstellung tätig sein, um auch dort wichtige Erfahrungen und Kenntnisse zu sammeln.
Silke Renk-Lange (59) stammt aus Querfurt und war eine Weltklasseleichtathletin. Ihren größten Erfolg feierte die an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig diplomierte Sportwissenschaftlerin 1992 bei den Sommerspielen in Barcelona mit Olympiagold im Speerwerfen. 1991 wurde sie in Tokio WM-Dritte. Seit 2019 ist sie Präsidentin des Landessportbundes (LSB) Sachsen-Anhalt und engagiert sich zugleich u. a. im Vorstand des SV Halle.
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