Aus: Ausgabe vom 24.08.2018, Seite 4 / Inland

Pharmaskandal weitet sich aus

Razzien in Hessen und der Schweiz. Kriminelles Netzwerk vermutet

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Im Pharmaskandal um gestohlene Krebsmedikamente hat die Staatsanwaltschaft Potsdam elf Wohn- und Geschäftsräume in Hessen durchsuchen lassen. Dabei seien Unterlagen und elektronische Daten sichergestellt worden, teilte ein Behördensprecher am Donnerstag mit und bestätigte damit Informationen des ARD-Magazins »Kontraste« und des Spiegel. Die Zahl der Beschuldigten habe sich zudem von zwei auf sieben erhöht.

Das Unternehmen Lunapharm soll gestohlene Krebsmedikamente von einer griechischen Apotheke bezogen und in mehrere Bundesländer geliefert haben. In Brandenburg steht deshalb Gesundheitsministerin Diana Golze (Die Linke) unter Druck, weil die Medikamentenaufsicht trotz Hinweisen zunächst nicht durchgegriffen haben soll. Es ist weiter unklar, ob die teuren Medikamente womöglich wegen falscher Lagerung nicht mehr richtig wirkten. Allein in Berlin und Brandenburg sind mindestens 220 Patienten betroffen.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sollen die neuen Beschuldigten im Alter von 29 bis 67 Jahren aktive oder ehemalige Geschäftspartner von Lunapharm sein. Ihnen wird wie den bisherigen Beschuldigten gewerbsmäßige Hehlerei und Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz vorgeworfen. Die Fahnder durchsuchten die elf hessischen Objekte in Frankfurt am Main, Dreieich, Offenbach, Schlangenbad, Bad Homburg und Wiesbaden bereits am Mittwoch. Laut »Kontraste« war unter anderem eine Wiesbadener Firma betroffen, die wie Lunapharm von einer griechischen Apotheke illegal beschaffte Krebsmedikamente bezogen haben soll. Aus griechischen Ermittlungsakten gehe hervor, dass das Unternehmen allein 2016 für mehr als 1,4 Millionen Euro dort Medikamente geordert habe. Die Firma habe aber keine Berechtigung zum Großhandel gehabt.

An Lunapharm sollen zwischen 2013 und 2016 Medikamente im Wert von mehr als 20 Millionen Euro gegangen sein, wie »Kontraste« unter Berufung auf dem Magazin exklusiv vorliegende griechische Ermittlungsakten berichtete. Der Handel ging demnach bis März 2018 weiter. Die Potsdamer Gesundheitsministerin räumte gegenüber den Reportern der Sendung ein, dass ihr davon bislang nichts bekannt sei.

Nach gemeinsamen Recherchen des ARD-Magazins und von Schweizer Medien durchsuchte die Schweizer Arzneimittelaufsicht Swissmedic am Donnerstag auch im Schweizer Kanton Zug Geschäftsräume eines Pharmagroßhändlers. Er soll ebenfalls Geschäftskontakte zu der griechischen Apotheke gehabt haben. Weitere Spuren führen dem Bericht zufolge in die Niederlande und nach Italien. Sie deuten nach ARD-Einschätzung auf ein »paneuropäisches Netzwerk krimineller Medikamentenhändler« hin.

(dpa/jW)


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