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Türkei

Nicht einfach verschwunden

Türkei: Wenn vermisste Frauen tot aufgefunden werden, ist die Suizidthese schnell bei der Hand. Politik und Behörden hängen jedoch oft tief mit drin

Foto: IMAGO/ZUMA Press
Die Demonstrantinnen in Istanbul haben kein Vertrauen in die Behörden, die bei Femiziden immer wieder abwiegeln (2.5.2026)

Seit dem 5. Januar 2020 gilt die kurdische Studentin Gülistan Doku als vermisst. Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens studierte sie an der Munzur-Universität in Dersim (türkisch Tunceli) in Ostanatolien. Sie war 21 Jahre alt und wird von Freunden und Familie als lebensfroher Mensch beschrieben. Ihr Verschwinden ist bis heute nicht aufgeklärt. Neue Ermittlungen weisen auf Vertuschung und Beweismanipulation durch Polizeibehörden und Justiz hin. Gegen 13 Personen wurden Festnahmen angeordnet, bei drei Einsätzen im April konnten elf Personen im Zusammenhang mit dem Fall verhaftet werden. Dokus Familie und Aktivisten sehen Überschneidungen mit ähnlichen Fällen in der Region.

Nachdem eine monatelange Suche nach Doku ohne Erfolg geblieben war, hatten die Behörden schnell eine Erklärung parat: Suizid. Ihr Mobiltelefon sendete demnach zuletzt im Bereich des Uzunçayır-Stausees ein Signal, was der damalige Gouverneur Tuncay Sonel zum Anlass nahm, öffentlich über einen Suizid zu spekulieren. Sein Sohn Mustafa Türkay Sonel ist einer der nun Festgenommenen, vorgeworfen wird ihm »vorsätzliche Tötung«. Diese Woche wurde er mit sechs weiteren Verdächtigen in das Hochsicherheitsgefängnis in Erzurum verlegt.

Die Angehörigen von Doku hatten der Suizidthese entschieden widersprochen, es habe keinen Abschiedsbrief und keinerlei Anzeichen für Depression oder psychischen Stress gegeben. Freunde und Angehörige wiesen darauf hin, dass es am Tag vor ihrem Verschwinden einen Streit mit ihrem – nun ebenfalls verhafteten – Exfreund gegeben habe. Dabei sei er auch gewalttätig geworden. Die Polizei ging diesen Hinweisen jedoch nur flüchtig nach, die Ermittlungen wurden sehr früh für beendet erklärt.

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Eine Wende brachte die im Juni 2024 nach Tunceli versetzte Generalstaatsanwältin Ebru Cansu. Sie ließ den Fall neu aufrollen und bildete ein Spezialteam, das umfassende Ermittlungen aufnahm, die schließlich zu den Verhaftungen im April führten. Gegen den ehemaligen Gouverneur selbst wird wegen Beweismanipulation und Vertuschung ermittelt. Dass die Ermittlungen wiederaufgenommen wurden, ist auch den Angehörigen und Unterstützern zu verdanken, die jahrelang Aufklärung und Gerechtigkeit für Gülistan Doku eingefordert und darauf hingewiesen haben, dass es Anzeichen für Mord gibt.

Gülistan Doku ist kein Einzelfall. Ihre beste Freundin Rojwelat Kızmaz verschwand am 9. Februar 2024 und wurde drei Tage später tot aufgefunden – für die Ermittlungsbehörden ebenfalls ein Suizid. Ihre Familie geht jedoch von einer Mitschuld der Behörden aus und wirft ihnen unterlassene Hilfeleistung vor. Das forensische Gutachten hat laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF festgestellt, dass zwischen Verschwinden und Todeszeitpunkt eine längere Zeitspanne lag. Kızmaz’ Angehörige schließen daraus, dass es ein Zeitfenster gegeben habe, in dem ein Eingreifen möglich gewesen wäre. Da sie diejenige war, die auf Dokus Verschwinden aufmerksam gemacht hatte, sehen sie zudem einen Zusammenhang. »Vielleicht hat das einen Prozess in Gang gesetzt, der sie an diesen Punkt gebracht hat«, vermutete ihr Bruder Mehmet im Oktober gegenüber ANF. Er verwies auch darauf, dass im Rahmen der Suche zwei weitere Frauen in der Stadt tot aufgefunden wurden und er 40 weitere ähnlich gelagerte Fälle in der Region recherchiert habe.

Auch ein Fall in Wan (türkisch Van) weist Parallelen auf: Die kurdische Studentin Rojin Kabaiş verschwand im Sommer 2024 und wurde 18 Tage später tot aufgefunden. Die Polizei nahm die Ermittlungen auf und ordnete auch diesen Tod als Suizid ein. Die Familie widersprach hier ebenfalls der These und forderte die Ermittlungsbehörden auf, in alle Richtungen zu ermitteln. Die Beweise erhärteten den Verdacht, dass es sich um ein sexualisiertes Gewaltverbrechen handelt. Am Körper der 21jährigen wurden zwar zwei unterschiedliche männliche DNA-Spuren entdeckt. Dass sich diese an Brust und Vagina befanden, wurde dem Gutachten jedoch erst knapp ein Jahr später hinzugefügt – mit dem Hinweis, dass es sich um eine Kontaminierung handeln könne. Bis heute wurde nicht geklärt, wem die DNA-Spuren zuzuordnen sind, und auch Kabaiş’ Handydaten wurden bislang nicht umfassend ausgewertet. ­Familie und Unterstützer haben deshalb am 20. April eine Unterschriftenkampagne gestartet, mit der sie vom Justizministerium eine transparente und effektive Untersuchung, die Offenlegung aller Beweise sowie die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen fordern.

Alle Betroffenen beklagen strukturelle Versäumnisse, die Verbrechen an Frauen begünstigen. Die Zahlen geben ihnen recht: Laut dem in Amed (türkisch Diyarbakır) ansässigen Forschungszentrum Samer sind im vergangenen Jahr in der Türkei mindestens 420 Frauen Opfer von Femiziden geworden. 508 Frauen sind »unter ungeklärten Umständen« gestorben. Die »Gerechtigkeitskommission für Rojin Kabaiş« sagt: »Dass Femizide als Suizid dargestellt werden, ist kein Zufall, sondern Teil einer Politik der Straflosigkeit.« Sie sieht Parallelen zwischen den Fällen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.05.2026, Seite 15, Feminismus

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