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Abgrund Afghanistan
Vor fünf Jahren warfen die Taliban USA und NATO aus dem Land. Versprechen der Mäßigung haben die Islamisten schnell gebrochen
Es war die seit Vietnam größte Niederlage der USA. Am 15. August 2021 nahmen die Taliban Kabul ohne Widerstand ein und proklamierten ein »Islamisches Emirat Afghanistan«. Am 30. August verließ die letzte westliche Militärmaschine die afghanische Hauptstadt. Die Mitglieder des durch und durch korrupten US-Marionettenregimes von Aschraf Ghani hatten sich bereits zuvor mit Koffern voller US-Dollar abgesetzt.
Mit dem Abzug der US- und NATO-Einheiten waren der zwanzigjährige Krieg und die Bombardierungen in Afghanistan beendet. Niemand brauchte sich mehr vor Kampfjets, Kanonen und Drohnen zu fürchten. Auch sonst wurde die Sicherheit wiederhergestellt. Überfälle, Raub und Mord wurden gestoppt. Die Taliban, die zuvor an Anschlägen beteiligt waren, wurden über Nacht zu Beschützern. Aber das war es dann auch mit den positiven Veränderungen.
»Keine Sorge, alles wird gut«, hatte Pakistans damaliger Geheimdienstchef Faiz Hameed im September 2021 nach Kabul mitgereisten Journalisten versichert. Allerdings drehten die Taliban die Uhren rasch zurück und nahmen ihren Krieg gegen die Frauen wieder auf – obwohl sie verkündet hatten, sich im Vergleich zu ihrer ersten Herrschaft 1996–2001 mäßigen zu wollen. Sie versprachen Schulen für Mädchen, das Studium für junge Frauen und auch Arbeitsmöglichkeiten. Nichts davon wurde realisiert. Statt dessen verfolgen die Islamisten eine Bildungspolitik, die an finsterste Zeiten erinnert.
In keinem anderen islamischen Land werden Frauen so schlecht behandelt wie in Afghanistan. 2024 erging ein neuer »Tugenderlass«. Er besteht aus 35 Artikeln, in denen nochmals betont wird, dass Frauen in der Öffentlichkeit stumm bleiben müssen, weil ihre Stimmen »intim« seien. Gesichter und Körper haben sie selbstverständlich zu bedecken. Männer anzusehen oder allein Taxi zu fahren, ist ebenfalls verboten. Bei Missachtung können die Frauen und ihre Angehörigen verwarnt und verhaftet werden.
Das Alltagsleben ist aber auch für die Männer zur Hölle geworden. Krieg und Besatzung durch USA und NATO haben die Fundamente der afghanischen Wirtschaft zerstört. Die Regime von Hamid Karsai bis Aschraf Ghani haben eine Politik der »offenen Tür« betrieben und die Binnenwirtschaft zum Erliegen gebracht. Es existierte lediglich eine Dienstleistungsökonomie für die Versorgung der NATO, von NGOs und weiteren internationalen Organisationen. Dazu kam die Drogenökonomie, in die bis zur Familie des Präsidenten viele Personen verwickelt waren. Als die Taliban die Macht übernahmen, erbten sie ein Land mit einer zerstörten Wirtschaft. Hinzu kamen noch die westlichen Sanktionen, vor allem seitens der USA, und zuletzt der Krieg mit Pakistan. Was zur Folge hat, dass über die Hälfte der Bevölkerung heute vom Hungertod bedroht ist – eine Katastrophe, die außerhalb Afghanistans kaum jemand wahrnimmt.
Außenpolitisch haben die Taliban dennoch an Akzeptanz gewonnen. Im Juli 2024 hat der russische Präsident Wladimir Putin sie als »Verbündete im Kampf gegen den Terrorismus« bezeichnet. Die arabischen Scheichtümer, die mittelasiatischen Republiken, Pakistan, Iran, Indien, die Türkei, China, Russland und sogar Japan sind in Kabul auf Botschafterebene vertreten. Die diplomatische Isolation seitens der westlichen Staaten hat den Menschen in Afghanistan gar nichts gebracht. Eher hat sie das Gegenteil bewirkt und Taliban-Hardlinern in die Hände gespielt, die sich auf die westliche Feindseligkeit berufen und immer drastischere Schikanen verkünden, die vor allem Frauen treffen.
Die afghanische Diaspora und internationale Gegner der Taliban bleiben eine Antwort schuldig, wie sich die Lage von Mädchen und Frauen verbessern ließe, ohne dass man mit den Islamisten spricht. Denn so beraubt man sich jeglicher Einflussmöglichkeiten. »Gemäßigte Taliban« sind zwar kaum zu finden, aber sehr wohl realistische Kräfte, die man etwa mit projektgebundener Entwicklungshilfe für eine Zusammenarbeit gewinnen könnte. Deren Einfluss zu stärken, wäre ein wichtiger Schachzug und könnte die Kräfteverhältnisse unter den Taliban verändern. Dies wäre sowohl national als auch international von großer Bedeutung.
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