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Aus: Ausgabe vom 10.10.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Bildreportage

Nach dem Feuer

Die Geflüchteten im griechischen Lager Moria haben erneut alles verloren Hunger trieb sie in das nächste Gefängnis
Von Valerio Nicolosi, Lesbos
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Asche und Metallstangen: Viel mehr blieb nicht übrig vom Zeltlager Moria, in dem zuletzt 12.000 Menschen lebten

September 2020. Die Straße, die das abgebrannte Lager von Moria auf der griechischen Insel Lesbos mit dem spontan errichteten Geflüchtetencamp verbindet, ist voller Menschen, die alles mitnehmen, was sie finden können und was ihnen nützlich scheint. Kilometer um Kilometer ziehen sie Plastikkisten an Seilen hinter sich her, die sie sich um die Taille gebunden haben. Ihre Hemden sind wegen der Hitze vollkommen durchnässt vom Schweiß.

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Keine Hilfe für die Geflüchteten am Straßenrand: Griechisches Militär auf Lesbos

»Wir haben alles verloren, und deshalb kann alles brauchbar sein. In dieser Nacht (des Feuers, jW) wurden wir von den Schreien der Menschen geweckt und sind nur mit unseren Kleidern weggelaufen. Es ist ein Wunder, dass wir noch am Leben sind«, erklärt ein Junge, der im Westen des alten Lagers von Moria umherirrt. Er nimmt einen großen Stoffbären und wirft ihn in einen Behälter. »Wir hatten Glück, der Müllcontainer hat Räder und kann mehr Dinge aufnehmen als ein Plastikkasten«, fügt er hinzu, während er mit einem Freund anfängt, ihn in Richtung der neuen Siedlung zu schieben, die aus Bambusstangen und Decken besteht. Abgesehen von dem Bären und einigen anderen Objekten, die gerettet wurden, ist das Lager von Moria vollständig zerstört: Von den Habseligkeiten der 12.000 Menschen, die hier lebten, ist nur noch die Asche der Zelte und Container übrig geblieben sowie eine große Population von Katzen und Hunden, die jetzt hungrig und desorientiert umherirren.

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Luftaufnahme vom niedergebrannten Geflüchtetenlager Moria

»In der Nacht des Feuers war ich am Rande des Lagers, um Erste Hilfe zu leisten, während meine Kollegen in unserer Klinik in Bereitschaft waren«, sagt Giovanna Scaccabarozzi, Medizinerin bei Ärzte ohne Grenzen. Sie hat bereits mit NGO-Seenotrettungsschiffen und bei der Ebolakrise in Afrika gearbeitet. »Es war fast unwirklich zu sehen, wie die riesigen Flammen nach und nach das Lager auffraßen, aber zum Glück gelang fast allen Menschen die Flucht«, fügt sie hinzu. Sie bereitet sich darauf vor, in die »rote Zone« zu gehen, in das große Ad-hoc-Lager. »Wir haben viele Patienten, die täglich versorgt werden müssen, schwangere Frauen, von denen wir aber nicht wissen, wo sie sind, sowie Patienten mit mentalen Problemen in unserer Klinik in Mytilene«, erklärt die Ärztin gegenüber jW.

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Eine endlose Karawane von verzweifelten Menschen zieht durch die Straßen von Lesbos

In der ersten Woche nach dem Brand mussten mehr als 11.000 Menschen ohne Schutz auf der Straße unter der Sonne leben – ohne ausreichend Essen und Wasser. Knapp 1.000 von ihnen willigten sofort ein, in das neue Lager einzuziehen, das von der griechischen Armee in Rekordzeit auf militärischem Boden errichtet wurde. Die meisten jedoch weigerten sich. »Wir wollen nicht in ein anderes Gefängnis. Wir sind seit einem Jahr in Moria und jetzt wollen wir auf das Festland«, erlärte die Afghanin Shamsia damals, während sie in der Nähe ihres Zeltes ein kleines Feuer improvisierte, um Brot für ihre Familie zu backen. »Sie sagten uns, wenn wir nicht einwilligen, in das neue Lager zu gehen, werden wir nicht an Land gebracht. Aber wir haben die Fotos gesehen, und dort zu leben wird schlimmer sein als in Moria«, fügte die 19jährige Tochter hinzu. Sie träumt davon, in Italien zu studieren.

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NATO-Stacheldraht als Wäscheleine entlang eines provisorischen Camps am Straßenrand

Wenn im improvisierten Lager einmal am Tag Essen verteilt wurde, standen die Menschen in einer kilometerlangen Schlange – am Ende war nicht genug für alle da. »Sie werden uns verhungern lassen, aber wir halten durch, solange wir können«, war der Satz, den sie alle wiederholten, wenn sie mit leeren Händen von der Verteilung zurückkamen. Aber sie wussten, dass es nicht lange gehen würde, und behielten recht. Nach einer Woche mussten sie alle in das neue Lager, getrieben vom Druck der Polizei und vor allem vom Hunger.

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Das neue Gefängnis: Das Zeltlager wurde auf einem ehemaligen Militärgelände errichtet – Munitionsreste inklusive

Proklamationen der griechischen Regierung überzeugen die Menschen nicht. Der Minister für Katastrophenschutz, Michalis Chrysochoidis, hat angekündigt, dass »bis Weihnachten die ersten 6.000 auf das Festland verlegt werden und die anderen 6.000 bis Ostern«. Und auch die vor Ort gemachten Versprechungen des Präsidenten des Europäischen Rats, Charles Michel, dass man daran arbeite, »die Dinge besser zu machen«, helfen den Geflüchteten nicht weiter. Die neue Siedlung besteht aus Plastikzelten, die im Sommer heiß und im Winter kalt sind, und die auf einem Boden stehen, der sich bei den ersten Regenfällen in eine Schlammwüste verwandeln wird.

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