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Rock

Die Macht war mit ihnen

Creams Meisterwerk »Wheels of Fire« wird mit einer »Super Deluxe Edition« gewürdigt

Foto: IMAGO/mptv
Heavy-Powertrio Cream: Ginger Baker, Jack Bruce, Eric Clapton (v. l. n. r.)

Eric Clapton ist unzufrieden bei den Yardbirds, weil Bassist Paul Samwell-Smith sich zum musikalischen Direktor aufschwingt und ihren rüden Sound weichspülen will, und so steigt er nach 16 erfolgreichen Monaten endlich aus. John Mayall, einer der wichtigsten Agitatoren des weißen Blues, will ihn als Leadgitarristen. Clapton sagt sofort zu, zieht eine Weile sogar zu ihm, um sich akribisch durch dessen umfangreiche Plattensammlung zu hören. Aber der zwölf Jahre ältere Familienvater geht ihm bald gehörig auf die Nerven mit seinem eisernen Arbeitsethos. Clapton verschwindet für eine Weile nach Griechenland, schwänzt Auftritte, arbeitet nebenher mit anderen Musikern. Aber Mayall verzeiht ihm alles. »Ich war damals ein ziemlich launischer und arroganter Typ«, meint er später. Kein Wunder. Ein Graffito an der U-Bahn-Station Islington spricht sich schnell herum in der Szene – »Clapton is God«.

Im Juni 1966 trennen sich schließlich ihre Wege. Der junge Gitarrengott macht von nun an mit Ginger Baker und Jack Bruce von der Graham Bond Organisation die Konzerthallen unsicher und transzendiert den Blues in Richtung Psychedelic Rock. Auch optisch. Sie tragen neckische Fantasiekostüme, bunte Samthosen, Paisleyhemden, Glitzerwesten. Alle drei sind begnadete Solisten, die stilistisch aus unterschiedlichen Ecken kommen. Vor allem Clapton wird durch den Jazz- und Klassikhintergrund seiner Kombattanten herausgefordert – und durch LSD. »Als ich zum ersten Mal nach San Francisco gekommen bin, ist mir dieser andere Umgang mit unserer Musik aufgefallen«, erzählt er später. »Das ging wohl Hand in Hand mit den halluzinogenen Drogen und dem Gras und was da sonst noch in Umlauf war. Es hat mir wirklich Mut gemacht, aus den herkömmlichen Mustern auszubrechen.«

In späteren Jahren wird er diesen stilistischen Befreiungsschlag als Irrweg von der reinen Lehre abtun. Aber zunächst ist er angetan von der Energie des ersten Heavy-Powertrios, die sich vor allem auf der Bühne in langen Improvisationsschleifen entlädt. Die übliche Dauer von Liveauftritten ist damals eine gute halbe Stunde, Cream zerdehnen ihr Set auf die dreifache Länge und werden damit zur Livesensation 1966/67. Auch schon in den USA. »Es hat nicht gerade viele Bands gegeben, die das gemacht haben«, erinnert sich Clapton später. »Ich hab’ keine Ahnung, woher wir den Mut genommen hatten, nach Amerika zu gehen. Wir sind einfach hingefahren und haben uns über San Francisco hergemacht. Dann sind wir quer durch Amerika getourt und haben das Land sozusagen im Sturm erobert.«

Und ihre neuen, höllisch lauten Marshall-Stacks sorgen dafür, dass die Hippies eine bleibende »sinnliche Erfahrung« davontragen. Vor allem in San Francisco, der Hauptstadt der Bewegung, in Bill Grahams Fillmore West, liegen sie ihnen zu Füßen. »Sie wollten gar nicht tanzen. Die meisten Leute haben einfach auf dem Boden gesessen und in die Lightshow gestarrt. Total weggetreten.«

Auf ihrer ersten kurzen US-Tour lernen sie den Multiinstrumentalisten Felix Pappalardi kennen, der nun ihre Alben produziert und den limitierten Triosound im Studio mit Viola, Trompete, Flöte oder Orgel erweitert. Ende 1967 erscheint das zweite Album »Disraeli Gears« und wird ein großer kommerzieller Erfolg (# 5 USA/UK). Atlantic glaubt anfangs nicht an das Hitpotential des Heavy-Riffers »­Sunshine of Your Love«, er wird dann ihre bis dahin erfolgreichste Single. Pappalardi tut der Band gut, weil er ihnen den Blues-Purismus endgültig austreibt.

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Doch schon bald darauf kracht es im Gebälk. Ginger Baker ist auf Heroin und ein ziemlicher Choleriker, er liegt sich ständig mit Jack Bruce in den Haaren. Clapton muss die Rolle des Vermittlers einnehmen. Das ewige Touren zermürbt obendrein. Die enorme Lautstärke geht ihnen langsam auf die Ohren, und vor allem läuft sich die extensive Improvisationsmasche tot. Den Kritikern bleibt das nicht verborgen, und sie machen natürlich Clapton dafür verantwortlich. Jon Landau schmäht ihn im Rolling Stone als Langweiler und »Meister des Blues-Klischees«. Die drei haben schon längst keine Lust mehr und regeln jetzt ihren Abgang.

Im August 1968 erscheint aber noch ihr Doppelalbum »Wheels of Fire«, ihre erfolgreichste Produktion (# 1 USA, # 3 UK), der man die Supergruppenprätention deutlich anhört. Schon der Opener, Jack Bruce’ psychedelischer Geniestreich »White Room« beginnt melodramatisch wie der Soundtrack einer Bibelverfilmung, und dann legt Eric Clapton los und zeigt, was man mit einem Wah-Wah-Pedal Schönes anstellen kann. »Pressed Rat and Warthog« und »Passing the Time« spielen mit der Vaudeville-Tradition und klingen stellenweise wie Vorwegnahmen von Monty Pythons Jokesongs, und im sinistren Riffer »Politician« kübelt Cream-Hauslyriker Pete Brown ordentlich Spott aus über die politische Klasse.

»I support the left / Though I’m leaning to the right / But I’m just not ­there / When it’s coming to a fight«.

Richtig zur Sache geht es aber erst auf dem Live-Album – mit dem verhuschten, ansprechend zergniedelten Robert-Johnson-Klassiker »Crossroads« oder dem ausufernden Jam über Willie Dixons »Spoonful«. Nur »Toad«, den erbärmlichen Prügelvater aller Drumsoli, hätte ich lieber zum Bierholen oder zum Bauen der nächsten Monstertüte genutzt. Aber die Zeiten waren andere damals, das zeigt der frenetische Jubel anschließend.

Die »Super Deluxe Edition« ergänzt die Live-Aufnahmen des Originals um weitere Mitschnitte der großartigen San-Francisco-Gigs vom 7. bis zum 10. März 1968, die man bereits von den offiziellen Live-Kompilationen kennt. Den aufgedrehten Delta-Blues-Klassiker »Rollin’ and Tumblin’« zum Beispiel (von »Live Cream«) oder das emotionale »We're Going Wrong« (von »The Winterland Concert 1968«).

Die Raritätensammler werden bei diesem umfangreichen Boxset allerdings doch noch fündig, ebenso wie die Soundfetischisten. Letztere können sich an diversen Mixvarianten ergötzen. Für erstere gibt es den als mittelgroße Sensation avisierten Fund von Pappalardis Referenzbändern, die seine New Yorker Vermieterin damals aufgehoben hat und die hier nun in sehr gut aufgearbeiteter Form erscheinen. Wer sich mal wieder in völliger Detailpuzzlelei verlieren und nachträglichen Editierungen und Overdubs auf die Schliche kommen will, der kann hier aus dem Vollen schöpfen. Es soll auch Menschen geben, die sich das Boxset unausgepackt ins Regel stellen, als so eine Art Wertanlage. Das prangern wir an!

Cream: »Wheels of Fire« – Super Deluxe Edition (Universal)

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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