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Wie leiden Kinder unter der Erderwärmung?
Auch die psychischen Risiken der Klimakatastrophe sind für Minderjährige mitunter hoch, erklärt Sonja Ernste
UNICEF konstatiert im neuen Klimareport 2026, dass die Klimakrise fast jedes Kind bedroht. Zu den globalen Gefahren zählen: Hitze über 35 Grad, Dürren, Brände, Überschwemmungen und Stürme. Wie arbeiten Sie zu den vom Kinderhilfswerk geschilderten Risiken?
Ich arbeite zur berechtigten Klimaangst, was die Zukunft betrifft, sowie zu Ängsten vor bereits auftretenden Folgen. Emotionales Wahrnehmen von Zukunftsszenarien verwandelt sich zunehmend in direkte Betroffenheit von realen Auswirkungen durch die Klimakatastrophe. Sind Kinder bereits von der Zukunftsangst vor einer Klimakatastrophe geprägt und kommt ein Extremwetter, etwa eine reale Hitzewelle, hinzu, dann potenziert sich ihre Angst. Unsicherheit oder Traurigkeit angesichts der ökologischen Zerstörung – wie sich unser Alltag oder Lebensraum verändert – sind besonders für Kinder emotional schwer zu bewältigen.
Was genau schränkt Kinder ein?
Dabei geht es um die Klassenfrage. Vor allem ärmere Kinder treffen Hitzewellen verschärft: Fällt die Schule aus, können sich Kinder vermögender Eltern in klimatisierten Räumen aufhalten. Für arme Familien kann es in einer überhitzten Dachgeschosswohnung heiß, eng und anstrengend werden. Den Kindern fehlt da oft der nötige Rückzugsort, auch um sich auf Hausaufgaben zu konzentrieren. Nach einer Census-Studie zu Los Angeles gibt es in städtischen Vierteln, in denen einkommensschwächere Familien wohnen, viel weniger Grün als in Villenvierteln. Entsprechend schneller werden Hitze und Trockenheit zum Problem.
Laut UNICEF bekommen in der BRD 97,5 Prozent der Kinder mindestens eine der Folgen der Erderwärmung zu spüren – 66,5 Prozent mindestens zwei auf einmal. Denken Sie, das ist bei den politisch Verantwortlichen angekommen?
In einigen Städten in Rheinland-Pfalz und Hessen gibt es mittlerweile Pläne, auf denen kühle Orte in der Stadt eingezeichnet sind. Aber nicht alle davon sind kostenfrei. Sind Kinder noch klein, können sie diese Orte auch nicht selbständig aufsuchen. In den Kommunen arbeiten teilweise Stabsstellen zum Klimawandel. Die Bundesregierung lässt sie aber damit alleine. Oft müssen sie schon geschaffene Anpassungsleistungen wegen leerer Kassen teils wieder kürzen. Dringend benötigte Infrastruktur fehlt dann. Obendrein fährt die Bundesregierung ihren rigiden Sparkurs bei den Sozialleistungen.
Im Vergleich mit Ländern wie Bangladesch, Myanmar und Pakistan oder mit der Sahelzone ist es hierzulande noch erträglich, oder?
Schlimmer geht immer – etwa durch Krieg oder Kinderarbeit. Hier aber gibt es heftige Probleme aufgrund extremer sozialer Ungleichheit. Den Kommunen fehlt nicht nur Geld, sich für die Klimakrise zu wappnen, etwa Schulen entsprechend auszustatten oder um Gebiete in der Stadt zu entsiegeln und mehr Grün anzupflanzen. Insbesondere veraltete Schulgebäude sind auf all das nicht eingerichtet.
Was hilft es da, Menschen individuell zu beraten, wenn politische Rahmenbedingungen grundsätzlich nicht stimmen?
Der UNICEF-Report bezieht sich auf physische Gesundheitsfolgen. Ich beschäftige mich mit psychischen Belastungen. Sind Eltern aufgrund schlechter finanzieller Situation nicht in der Lage, ihre Kinder zu schützen, kann das eine traumatische Erfahrung sein. Es kommen aber auch Kinder zu mir, die unter chronischen Folgeerkrankungen leiden wie Asthma, Autoimmunerkrankungen oder großer Müdigkeit und Erschöpfung. Wichtig ist, dass wir als Erwachsene jetzt Verantwortung übernehmen, nicht etwa nur unsere Kinder zu künftigen »Helden« erziehen. Es gilt jetzt, für Anpassungsleistungen zu sorgen und uns zu engagieren, damit die Emissionen endlich zurückgehen.
Sie sind Mitbegründerin des Bündnisses Klimapsychologie. Worum geht es Ihnen dabei?
Unser 2020 gegründetes Bündnis dient dem Austausch derer, die sich professionell mit dem Thema beschäftigen, weil es auch für sie sehr belastend sein kann. Mit »Mainz im Wandel« dagegen sorgen wir dafür, dass Initiativen ihre Kräfte bündeln, ob im Umwelt- und Klimaschutz oder antifaschistisch. Dort stellen wir Infrastruktur bereit, um den Wandel der Stadt gemeinsam solidarisch und nachhaltig zu gestalten.
Sonja Enste ist Erziehungswissenschaftlerin, berät Eltern und Kinder tiefenpsychologisch zu multiplen Krisen und ist als Weiterbildnerin tätig
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