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Stationäre Pflegeeinrichtungen

Welche Folgen hat die Billigkost?

Wenn Ernährung ausschließlich hochverarbeitet ist, steigen die Risiken für ernste Erkrankungen, sagt Christian Heerdt

Interview: Annuschka Zak
Foto: IMAGO/photothek
Ob es schmeckt oder krank macht, ist der Kalkulation dubioser Dienstleister im Zweifel egal (Borkum, 16.10.2023)

Der Verband Deutscher Alten- und Behindertenpflege kritisierte kürzlich, dass die Verpflegung in stationären Einrichtungen unterfinanziert sei. Wie nehmen Sie die Qualität der Kost in Einrichtungen für Senioren wahr?

Unterschiedlich. Wir sehen Einrichtungen, die trotz knapper Budgets eine abwechslungsreiche, personenzentrierte und qualitativ hochwertige Ernährung anbieten. Gute Ernährung bedeutet mehr als Nährstoffversorgung. Sie trägt zur Gesundheit, Selbständigkeit, Teilhabe und Lebensqualität bei. Gerade bei Menschen mit Hilfebedarf oder Mangelernährung sind individuelle Speiseplanung, Essbegleitung und die Zusammenarbeit von Pflege, Hauswirtschaft und Küche entscheidend. Problematisch wird es dort, wo Verpflegung nahezu ausschließlich unter Kostengesichtspunkten betrachtet wird. Dann leidet häufig nicht nur die Qualität der Speisen, sondern auch die gesamte Ernährung. Gleichzeitig steigen Lebensmittel-, Energie- und Personalkosten kontinuierlich. Für eine evidenzbasierte Kalkulation, welcher Ressourceneinsatz für qualitativ hochwertige Ernährung tatsächlich notwendig ist, fehlen bislang wissenschaftliche Grundlagen.

Gerade einmal 6,50 bis 7,50 Euro pro Bewohner und Tag sollen für Essen und Trinken zur Verfügung stehen. Frühstück, Mittagessen, Abendbrot, zwei Zwischensnacks plus Getränke sollen davon finanziert werden. Wie geht das?

Diese Zahl beschreibt nur den Wareneinsatz für Lebensmittel und Getränke, nicht die gesamten Verpflegungskosten. Hinzu kommen Aufwendungen für Personal, Küchenorganisation, Energie, Logistik, Hygiene, Lagerhaltung und die Speisenzubereitung.

Pflegebedürftige müssen derzeit durchschnittlich rund 3.500 Euro pro Monat Eigenanteil für einen Platz im Pflegeheim zahlen. Wie setzt sich diese Summe zusammen?

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Der Eigenanteil umfasst die pflegebedingten Kosten, Unterkunft und Verpflegung sowie Investitionskosten für Gebäude und Ausstattung. Die Kosten spiegeln reale Aufwendungen wider und sind nicht willkürlich entstanden. Die meisten Menschen können sich diese Eigenanteile nicht leisten. Wir brauchen nicht nur eine gerechtere Finanzierung der Pflegekosten und eine gezieltere Entlastung von Menschen mit niedrigen Einkommen, sondern auch eine grundlegende Weiterentwicklung unseres Pflegesystems. Die Heimkostenfrage lässt sich nicht dauerhaft lösen, indem wir ausschließlich über die Finanzierung stationärer Pflege sprechen. Wir müssen gleichzeitig Prävention stärken, Rehabilitation konsequenter nutzen sowie Wohn- und Unterstützungsangebote so weiterentwickeln, dass Menschen möglichst lange selbstbestimmt leben können.

Wie muss eine für die Pflegebedürftigen sinnvolle Ernährung aussehen, und wieviel würde eine solche ungefähr kosten?

Eine gute Ernährung orientiert sich am individuellen Bedarf. Sie berücksichtigt Erkrankungen, Ernährungsrisiken, persönliche Vorlieben und kulturelle Gewohnheiten. Gleichzeitig ist Ernährung ein wichtiger Bestandteil von Prävention, Gesundheitsförderung und Lebensqualität.

Wissenschaftlich gibt es bislang keinen belastbaren Referenzwert dafür, was eine qualitativ hochwertige Ernährung in der stationären Langzeitpflege kosten müsste. Wir wissen aber sehr genau, welche Anforderungen gute Ernährung erfüllen sollte. Mahlzeiten sind ein wichtiger Bestandteil von Lebensqualität, Selbstbestimmung und sozialer Teilhabe. Entscheidend ist deshalb nicht nur, was auf dem Teller liegt, sondern auch, wie Mahlzeiten gestaltet werden, ob Menschen mitentscheiden können, Unterstützung beim Essen erhalten und ob persönliche Vorlieben und kulturelle Gewohnheiten berücksichtigt werden.

Welche Folgen hat die Billigkost?

Problematisch wird es dort, wo Ernährung ausschließlich hochverarbeitet und unter Kostengesichtspunkten betrachtet wird. Dann steigen Risiken für Mangelernährung, Funktionsverlust und vermeidbare Krankenhausaufenthalte. Ernährung sollte deshalb als Bestandteil guter Pflege und des guten Lebens verstanden werden. Wir brauchen wissenschaftlich fundierte Qualitäts- und Finanzierungsmaßstäbe – allerdings keine zusätzliche Bürokratie.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie wir möglichst billig verpflegen, sondern wie Ernährung den größtmöglichen Beitrag zu Gesundheit, Selbständigkeit und Lebensqualität leisten kann.

Christian Heerdt ist wissenschaftlicher Leiter des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA).

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.08.2026, Seite 3, Inland

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