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Geschichte der DDR

Ein Mann mit Kontakten

Eine politische Biographie Willi Stophs führt verstreute Informationen zusammen, erweist sich aber als nicht sonderlich begriffssicher

Foto: IMAGO/ITAR-TASS
Mit dem Mann Moskaus in Moskau: Erich Honecker mit Willi Stoph (2. v. l.) beim XXV. Parteitag der KPdSU (25.2.1976)

Willi Stoph, zumindest das ist sicher, war kein nahbarer und kein freundlicher Mensch. In einem Interview mit Horst Sindermann, in der Atmosphäre allgemeiner Auflösung Ende November 1989 in der Waldsiedlung Wandlitz von einem Journalisten des Neuen Deutschlands geführt, äußerte sich der einige Tage zuvor abgelöste Volkskammerpräsident, der von 1973 bis 1976 – bevor Stoph das Amt wieder übernahm – auch einmal Regierungschef der DDR gewesen war, am Rande über seinen ehemaligen Politbürokollegen: »Ich habe nie ein enges Verhältnis zu Willi Stoph gehabt. (…) Er ist kein Mensch, mit dem man Berührung haben kann.« Sindermanns Frau warf hier ein: »Das ist so ein Typ, der immer abgeschieden ist, von allen.«

Viele der zahlreichen verstreuten Äußerungen über Stoph in den seit 1990 herausgekommenen Erinnerungsschriften liegen auf dieser Linie. Sein »sauertöpfisches« Wesen wurde von ehemaligen Mitgliedern des Politbüros betont, während ehemalige Mitarbeiter der Waldsiedlung ein noch viel drastischeres Bild von der Persönlichkeit des langjährigen Ministerpräsidenten zeichneten. »Das Maß an Überheblichkeit, Unnahbarkeit und menschlicher Kälte, aber auch Habgier und Arroganz, was er gezeigt hat, wurde durch nichts übertroffen. Er hatte immer recht, und das hat er uns auch selbst mittels persönlicher Beleidigungen stets begreiflich gemacht«, hat der ehemalige Leiter der Verwaltung der Waldsiedlung, Gerd Schmidt, 1999 in einer Erinnerungsschrift festgehalten.

Platz garantiert

Die Frage, wie Stoph so geworden ist, wäre ein interessanter Ausgangspunkt für eine politische Biographie des Mannes, der jahrzehntelang Mitglied des Politbüros der SED und als Staatsratsvorsitzender ein paar Jahre auch protokollarisches Staatsoberhaupt der DDR war, vor allem aber als langjähriger Vorsitzender des Ministerrates in Erinnerung geblieben ist. Denn so erklärungsbedürftig wie der schnelle und steile Aufstieg des »farblosen«, 1945 in der KPD noch ganz unbekannten Stoph ist auch die Selbstverständlichkeit, mit der der in der »Roten Insel« in Berlin-Schöneberg aufgewachsene gelernte Maurer Jahrzehnte später »am stärksten und bedenkenlosesten« (Schmidt) Privilegien einforderte, auf die er einen Anspruch zu haben glaubte. Unter anderem der 1989 erreichte Grad des Ausbaus seines faktischen Wohnsitzes am Specker See im Kreis Waren (»Objekt Birkenheide«) legt nahe, dass Stoph irgendwann davon ausging, dass ihm sein Platz in der ersten Reihe auf Dauer garantiert war.

Bald drei Jahrzehnte nach Stophs Tod hat nun der ehemalige Deutschlandfunk-Redakteur Peter Joachim Lapp, der seit Jahrzehnten zur Politik- und Militärgeschichte der DDR publiziert, eine politische Biographie Stophs vorgelegt. Das Verdienst des Buches ist es, erstmals einen großen Teil der vielen verstreut veröffentlichten Informationen zu Stoph zusammengeführt zu haben. Auf der analytischen Ebene kann das weithin deskriptive, mitunter wie eine Materialsammlung anmutende Buch allerdings nicht überzeugen. Zumeist unternimmt Lapp nicht einmal den Versuch, bestimmte Entwicklungen (und Stophs Anteil daran) über die chronologische Darstellung hinaus vertieft zu besprechen. Das gilt auch für den Herbst 1989, in dem Stoph die Sequenz der Ereignisse, die zum schnellen Machtverlust und zur Selbstzerstörung der SED führten, mit dem von ihm am 17. Oktober im Politbüro gestellten Antrag, Erich Honecker als Generalsekretär abzuberufen, in Gang setzte. Stoph war es auch, von dem in diesen Tagen die Initiative zur Anfertigung einer »ungeschminkten« Analyse der wirtschaftlichen und finanziellen Lage der DDR ausging, mit der dann im November 1989 – flankiert durch die parallele Kampagne gegen »Korruption und Amtsmissbrauch« – zuerst im Zentralkomitee und dann in der gesamten Partei eine Kapitulationsstimmung erzeugt wurde. Längst ist bekannt, dass diese Analyse falsch – man kann auch mit Gründen behaupten: bewusst irreführend – war. Diese Zusammenhänge durchleuchtet Lapp aber nicht.

Wer sich mit Stoph beschäftigt, stößt schnell darauf, dass die Anfänge dieser dann vom politischen Gegner mit der Formel »DDR pleite« rasch adaptierten Erzählung von einer nicht mehr beherrschbaren wirtschaftlichen und finanziellen Krise der DDR rund zehn Jahre zuvor im Kreis jener »Moskau-Fraktion« im Politbüro entstanden sind, von deren Existenz zu Recht auch Lapp ausgeht.

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Die Frage ist, wie der Charakter dieser Fraktion, der man mindestens Stoph, Erich Mielke und Werner Krolikowski zurechnen muss, bestimmt wird. Hier ist Lapps Darstellung widersprüchlich und nicht überzeugend. Gleich zu Beginn erklärt er, dass die Sowjets Stophs Aufstieg förderten und ihn »von 1945 bis 1989/90 als einen ihrer Agenten führten«. Ein paar Seiten weiter heißt es allerdings, dass im Politbüro in den 80er Jahren »zwei Gruppen in einem grundlegenden, schwelenden Dissens in prinzipieller Gegnerschaft« einander gegenübergestanden hätten: eben die Moskau-Fraktion und die Genossen mit »Westdrall«. Lapp bezeichnet dabei die Moskau-Fraktion als die »Dogmatiker« und die »Westdrall«-Leute als »Realisten«.

Das geht gleich auf mehreren Ebenen nicht auf, und zwar nicht nur deshalb, weil »Agent« und »Dogmatiker« doch offenbar zwei recht unterschiedliche Sachverhalte bezeichnen. Um Stoph etwa zum »Dogmatiker« zu erklären, müssten »dogmatische«, also prinzipiell vertretene Haltungen und Äußerungen des Protagonisten angeführt werden können. Das ist allerdings schwierig, denn Stoph war immer flexibel – und zwar je nach den Maßgaben Moskaus. Er beteiligte sich an der Absetzung von Ulbricht, als Breschnew das wollte. Er begann, gegen Honecker zu arbeiten, als der wegen seiner Deutschland-Politik in Moskau in Misskredit geriet. Und er beteiligte sich an der Absetzung Honeckers, als Gorbatschow das wollte. Die Honecker nach 1989 als »Dogmatismus« angekreidete Ablehnung von Glasnost und Perestroika war Stoph völlig fremd: 1989 verbündete er sich mit der Perestroika-Gruppe in der Parteiführung gegen den Generalsekretär. Das wird von Lapp zwar »erzählt«, aber nicht wirklich auf den Begriff gebracht. Denn der anpassungsfähige »Realist« war offenbar Stoph.

Es ist umgekehrt auch ein etwas unglücklicher Zungenschlag, Stoph einen »Agenten« zu nennen. Stoph, der seine Laufbahn nach kurzer Kriegsgefangenschaft 1945 als Leiter der KPD im Berliner Stadtteil Baumschulenweg begann und schon 1950 im Zentralkomitee und dessen Sekretariat auftauchte, gehörte ohne Zweifel zu den Genossen, die Moskau in der Nachkriegszeit in der SED »einbaute«, um gewisse Kontrollaufgaben auszuüben. Diesen Typus gab es auf allen Ebenen und in allen Bereichen, und die eingegangene »Verpflichtung« sah im Einzelfall durchaus unterschiedlich aus. Stoph hatte von einem bestimmten Zeitpunkt an ohne Zweifel hochrangige Geheimdienstkontakte.

Gruppenbildung

Lapp führt Stophs Gegnerschaft zu Honecker, die spätestens 1984 in eine zielgerichtete Arbeit gegen den Generalsekretär und ein Drängen auf dessen Ablösung überging, auch darauf zurück, dass Honecker »seit Mitte der 1980er Jahre eher der Gruppe der ›Realisten‹ zuzurechnen« gewesen sei. Das ist eine etwas hilflose Interpretation und letztlich falsch, was schon dadurch bewiesen wird, dass die erste Bedingung für die Freisetzung des »Westdralls« der »Realisten« die Absetzung Honeckers war.

Plausibler ist es, für die 80er Jahre im Grundsatz von wenigstens drei relevanten Richtungen im Politbüro bzw. im Apparat des Zentralkomitees und im Staatsapparat auszugehen: von einer Gruppe Stoph/Mielke/Krolikowski, für die die Interessen Moskaus maßgebend waren (unabhängig davon, was dort für eine Politik gemacht wurde und wer dort Generalsekretär war); einer tatsächlich nach Westen orientierten und insgeheim bereits über Konföderations- und Wiedervereinigungsmodelle nachdenkenden Gruppe oder Strömung (Mittag/Beil/Schürer/Schalck-Golodkowski und andere); und schließlich einer Gruppe, für die die Sicherung der Existenz einer sozialistischen DDR Prämisse des politischen Handelns war (Honecker und andere).

Abgesehen von der Moskau-Fraktion waren diese Gruppen aber nicht klar konturiert und auch in taktischen Fragen uneins, was 1989 dazu führte, dass eine Mehrheit gegen Honecker im Politbüro zustande kam. Eines der größten »Missverständnisse« jener Jahre – das, wie bei Lapp einmal mehr deutlich wird, bis heute gepflegt wird – war die Annahme, dass Honecker und Mittag eine identische politische Konzeption vertreten haben. Dass Honecker über die Rolle Stophs als »Moskaus Mann« im Bilde war, unterliegt allerdings keinem Zweifel. Lapps Biographie bringt die Leser zumindest auf diesen Stand.

Peter Joachim Lapp: Willi Stoph. Moskaus Mann in der DDR-Führung. Eine politische Biographie. Engelsdorfer, Leipzig 2026, 274 Seiten, 29,90 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.07.2026, Seite 15, Politisches Buch

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