Vertrieben und interniert
Von Barbara Eder, Wien
Der KZ-Verband in der Wiener Lassallestraße zeigte bis Ende November eine kleine, seitens des Fachbereichs für Geschichte der Universität Salzburg kuratierte Ausstellung mit dem Titel »Grenzen überwinden – Jüdische Flucht im Salzburger Hochgebirge 1947«. Im Zentrum stand ein kaum bekannter Passweg durch die österreichischen Alpen: die Route über die Krimmler Tauern, in amerikanischen Berichten auch »Path to Italy« genannt. Menschen, die während des Naziterrors als Juden verfolgt wurden, nutzten ihn nach Kriegsende, um über das Hochgebirge zunächst nach Italien und von dort aus nach Palästina zu gelangen. Die Fluchten erfolgten meist nachts, begleitet von Helfern, die Grenzposten umgehen und Lawinenhänge einschätzen konnten. Viele, die es über den Hochgebirgspass bis ans Mittelmeer schafften, wurden unterwegs aufgegriffen und in Internierungslager auf Zypern verbracht. Bis zur legalen Einreise harrten dort Tausende jüdische Flüchtlinge aus.
Von Mai 1939 bis Mai 1948 hatte die britische Mandatsmacht die Einwanderung nach Palästina streng reguliert: Pro Monat durften nur rund 1.500 Personen einreisen. Die Beschränkung galt bis zur Staatsgründung Israels – ein Jahrzehnt, in dem Zehntausende Jüdinnen und Juden staatenlos waren und nur illegal die Begrenzung umgehen konnten. Schiffe wie die »Exodus«, die 1947 nach der Abfahrt aus Frankreich von der Royal Navy abgefangen und gewaltsam zurück nach Europa gebracht wurde, stehen exemplarisch für diese Phase der »Alija Bet«, der heimlichen Einwanderung von Österreich aus über Südfrankreich, Italien oder den Balkan. Zu den gezeigten Dokumenten aus dieser Zeit zählen neben historischen Aufnahmen gefälschte Papiere, Transitstempel und verzweifelte Telegramme an Freunde und Verwandte.
Seit August 1945 existierte in Saalfelden im österreichischen Bundesland Salzburg das Lager »Givat Avoda« (»Hügel der Arbeit«) für jüdische Vertriebene, Displaced Persons (DP) genannt. Überlebende, die weder nach Hause zurück noch sofort auswandern konnten, wurden dort von der US-Besatzungsmacht untergebracht. Zwischen Baracken, Kantinen und lose eingerichteten Schulen bildete sich eine provisorische Gemeinschaft von Emigranten. Viele der dortigen DP sollten später nach Israel, Nordamerika oder Australien auswandern, nur wenige fanden in Österreich einen endgültigen oder vorläufigen Aufenthaltsort. Anhand der auf Schautafeln gezeigten Fotos wird sichtbar, wie das Lagerleben organisiert war: Es gab Lesezirkel, Zeitungen, Jugendgruppen und Selbstverwaltungsausschüsse. Das DP-Lager in Saalfelden war damit nicht bloß Wartesaal, sondern Labor für neue Lebensentwürfe.
In »Givat Avoda« wirkten zahlreiche jüdische Hilfsorganisationen, darunter die »Bricha«. Ihre Mitglieder erstellten Auswanderungslisten, organisierten Transporte oder beschafften Visa. Bilha und Moshe Talit, die als Jugendliche aus Wien vertrieben wurden, waren vor Ort in der Selbstverwaltung aktiv und konnten 1947 über die Krimmler Tauern nach Italien gelangen, von wo aus sie mit einem illegalisierten Transport nach Haifa aufbrachen. Ihnen zur Seite stand Bernard Dov Protter, der selbst über die Tauern geflohen war und sich anschließend der »Bricha« anschloss, um anderen die Flucht über jene Route zu ermöglichen, die er nur mit Glück überlebt hatte. Seine Tätigkeit reichte von der Organisation nächtlicher Ausweichpfade bis zur Begleitung von Gruppen nach Südtirol.
Die Lebenswege der Talits und Protters verlaufen entlang der Bruchlinien des vergangenen Jahrhunderts: Verfolgung während der Nazizeit, Zwischenlager und Emigration. Sie eint der Versuch, sich nach dem Zivilisationsbruch eine Zukunft außerhalb Österreichs aufzubauen. An ihre Geschichte knüpft die jährliche Gedenkwanderung des Vereins »Alpine Peace Crossing« an. Sie verbindet aktive Erinnerungsarbeit mit politischer Bildung: Die Teilnehmenden durchqueren gemeinsam eine Landschaft, die Fluchtkorridor für Tausende jüdische Flüchtlinge war.
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