»Völkischer« Sozialismus
Dokumentiert. Reinhard Opitz über die Vorgeschichte des deutschen Faschismus bis zum Ersten Weltkrieg
Wie sah das (»völkische«) Modell dieser Demagogie in seinen Hauptzügen aus? (…) Es warb stets durch die vorangeschickte oder auch beliebig oft in den Argumentationsablauf eingeflochtene Versicherung um Gehör, dass im sozialistischen Wollen der Arbeiterschaft sich nur deren berechtigte Interessen und gerechten Bestrebungen ausdrückten. (…)
Es setzte ein mit dem Argument, dass jedoch der gegenwärtige marxistische Sozialismus von einem grundlegenden geschichtstheoretischen Irrtum oder Denkfehler ausgehe, nämlich der Meinung, dass das letztendlich alle Geschichte bewegende letzte, unteilbare Subjekt die Klasseninteressen oder Klassen seien, die Geschichte dementsprechend also eine Geschichte von Klassenkämpfen wäre. In Wirklichkeit aber – und nun die Gegenposition – sei dieses letzte unteilbare geschichtsbewegende Subjekt gerade ein die Klassen je national zusammenbindendes, sie zur Einheit verschmelzendes Element. Was könnte das sein? (…) Dies sei das Blut!, daher aber sei alle Geschichte nicht eine Geschichte von Klassenkämpfen, sondern der Kämpfe von »Blutsgemeinschaften«, das heißt von »Rassen« beziehungsweise von rassisch zu verstehenden Nationen.
Bis hierhin war das nur mit der Aussage des uns schon geläufigen rassistisch-sozialdarwinistisch begründeten Nationalismus identisch. Nun aber schließt sich die Einführung des rassistischen Antisemitismus in der folgenden, besonderen Weise an: Die hinterhältigste und der germanischen Rasse feindlichste Rasse der »Juden« führe ihren Kampf um die Vernichtung der Germanen, die das Haupthindernis (als die »tüchtigste« Rasse) auf ihrem Weg zur ersehnten Herrschaft über die Welt seien, hauptsächlich mit zwei für sie rassenspezifischen, ihrem rasseneigenen Geist entsprechenden Mitteln der »Zersetzung«: dem Internationalismus, den sie in die germanische Rasse und vor allem das deutsche Volk hineinzutragen versuche, um deren Kampfwillen im ewigen Lebenskampf der Rassen zu lähmen, und dem »Klassenkampfgedanken«, der den Versuch darstelle, auch die Kampffähigkeit des feindlichen Volkes von innen her zu paralysieren, indem er es in einander sich bekämpfende Teile zerreißt. (…)
Was sei also daran zu erkennen? Dass dieser gegenwärtig in der Arbeiterschaft verbreitete marxistische Sozialismus gar nicht ihr eigener, sondern ein vom Judentum mittels der Sozialdemokratie in sie hineingetragener, »jüdisch verfälschter« Sozialismus sei, der die Aufgabe habe, die Überlebenskraft des deutschen Volkes im ewigen Daseinskampf durch seine eigene Arbeiterschaft zerstören zu lassen. (…)
Ein von fremdrassigen Zielsetzungen freier, nicht jüdisch verfälschter, also wirklich eigener Sozialismus bekenne sich doch selbstverständlich zum nur einfach »lebensgesetzlichen« Kampf seines Volkes – hier also deutlich der Sozialdarwinismus –, der ein ewiger Kampf der Rassen »um Raum« auf dieser Erde sei – hier also unverhohlen der nur rassistisch verbrämte imperialistische Sinn des Ganzen: Er nehme an diesem Kampf teil und trage aus innerster Überzeugung zum Siege seines Volkes und dessen höchstmöglicher militärischer Stärkung bei, sei also kein »internationalistischer«, sondern ein »nationaler« Sozialismus. Und ein solcher nicht »jüdisch verfälschter«, also auch vom fremdrassigen »Klassenkampf«-Denken freier Sozialismus ist dann auch ein nicht nur auf eine Klasse bezogener – und damit die Klassen gegeneinander treibender –, sondern ein am ganzen, in seiner Blutseinheit und blutsbedingten Schicksalsgemeinschaft unteilbaren Volk orientierter, daher ein nicht klassenmäßiger, sondern ein volks-»ganzheitlicher«, ein »völkischer« Sozialismus. (…)
Alle Ausbeutung und entwürdigende Benachteiligung der Arbeiter habe ihre Ursache darin, dass das Judentum (…) auch ins deutsche Kapital eingedrungen sei. Dort bilde es nun neben dem rechtschaffenen, tüchtigen, deutschen, redlich für die notwendige Deckung des Güterbedarfs der Nation sorgenden »schaffenden« Kapital das rücksichtslose, egoistische, nur – seinem jüdischen Geiste entsprechend – verantwortungslos auf seinen eigenen Gewinn ausgehende »raffende« Kapital. (…)
Damit war die Argumentationsleistung vollbracht, im Namen von Sozialismus zur Bekämpfung und Zerschlagung des Sozialismus aufrufen und mobilisieren zu können und zugleich alle innen- und außenpolitischen Feinde und präsumptiven Aggressionsopfer des deutschen Imperialismus im Bilde eines einzigen Feindes, des »Judentums«, zusammenzuziehen. Mit diesem Demagogieschema war es jetzt möglich, den Marxismus auf der einen Seite und die »Wall Street« als angebliches Eldorado des »raffenden Kapitals« auf der anderen Seite zu einer letztlich einzigen, unter einer gemeinsamen Decke steckenden verschworenen Gemeinschaft gegen die »germanische Rasse« und das »Deutschtum« zu erklären, alle anderen unliebsamen politischen Erscheinungen gleichfalls auf diesen einen einzigen Weltverschwörungsnenner (…) zu bringen und zugleich doch bei alledem vermittels des Edelgütezeichens »arisch« eine Generalabsolution und Freifahrtermächtigung für das deutsche Großkapital selbst in der Hand zu halten.
→ Reinhard Opitz (1934–1986): Zur Entstehung der »völkischen« Richtung im politischen Kräftespektrum der bürgerlichen Gesellschaft. In: Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1984, und Akademie-Verlag, Berlin/DDR 1984, S. 26–29
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