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Kino

Ein Hund namens Panda

Der Augenblick ist der Star: Hlynur Pálmasons minimalistischer Arthousefilm »The Love That Remains«

Foto: Hlynur Pálmason
Um so größer der Schmerz, wenn das Heim zerbricht (Filmszene)

Gleich am Anfang wird abgerissen. Regisseur Hlynur Pálmason richtet den Blick seines Publikums auf eine leere Halle. An der ist nichts Ungewöhnliches zu finden, ein bisschen alt vielleicht, schmutzig an den Wänden. Dann sind im Hintergrund Maschinengeräusche zu hören und plötzlich bricht ein Greifarm durchs Dach, durch immer mehr Risse dringt das Sonnenlicht, endlich hebt sich der ganze Gebäudedeckel. Damit ist der Grundton für »The Love That Remains« gesetzt. Hier ist nicht bloß etwas aus den Fugen, hier ist richtig was kaputt. Nämlich die Beziehung zwischen Anna (Saga Garðarsdóttir) und Magnús (Sverrir Guðnason). Wie es dazu gekommen ist, interessiert nicht. Hlynur Pálmason macht sich auch nicht die Mühe, seine Figuren einzuführen. Da sind neben dem Paar noch drei Kinder und ein Hund namens Panda. Ihr Alltag steht im Zentrum des leisen, einfühlsamen Films.

Wir sehen Anna, die ihre Kinder ermahnt, das Essgeschirr in die Spülmaschine zu räumen. Die älteste Tochter, wie sie die Hühner füttert. Magnús, der zum Abendessen kommt und den Anna, kaum dass er seinen letzten Bissen gegessen hat, ermahnt: »Du solltest jetzt gehen.«

Kinder spielen Ball. Kinder bauen eine Art Vogelscheuche im Freien. Die Familie sammelt Beeren. Äußerlich geschieht wenig. Was passiert, erzählt Pálmason zwischen den Zeilen, oft auch zwischen den Bildern. Etwa wenn von Kindern, die mit Küken spielen, auf den Grill geschnitten wird, auf dem Hähnchenschenkel braten. Der Alltag, der Augenblick ist der Star. Der Pilz, den die Familie im Wald findet, ist erst in Großaufnahme zu sehen. Die Freude der Kinder beim Sammeln. Dann Annas Hände, die den Pilz langsam aufbrechen.

»Vielleicht wäre die Welt ein besserer Ort, wenn sich die Menschen nur um ihren Garten kümmern, ihre Nachbarn respektieren und für ihre Kinder sorgen würden«, sagt Pálmason in einem Pressestatement zu seinem Film. Ein sehr isländischer Gedanke. Historiker spekulieren darüber, warum die Isländer Amerika, das sie ja entdeckt hatten, nie besiedelten. Vielleicht, weil ihnen das Land, der Garten, die See, die sie hatten, einfach genug waren?

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Umso größer der Schmerz, wenn dieses Heim zerbricht. Magnús, der auf einem Fischkutter arbeitet, leidet. Er weicht Gesprächen mit seinen Kollegen aus. Anna, eine erfolglose Künstlerin, kümmert sich um die Kinder, arbeitet, muss sich hin und wieder plumper Anmachen von Männern erwehren, die nach ihrer Trennung eine Chance bei der Alleinerziehenden wittern. Darüber vergeht die Zeit.

Es wird Herbst, es wird Winter und wohl auch wieder Frühjahr. Die Vogelscheuche wird von den Kindern immer wieder anders dekoriert, trägt schließlich eine Rüstung und wird mit Pfeilen beschossen. Anna, die ihre Bilder in der Natur auslegt, über den Winter rosten und verwittern lässt, sammelt sie zum Beginn der feuchten Jahreszeit wieder ein. Viele Aufnahmen finden im Freien statt. Island spielt immer eine Rolle, ohne dass Geysire oder Mondlandschaften zu sehen wären. Dafür kommen wilde Pferde vor, die Annas Bilder zertrampeln, oder Aufnahmen von Magnús beim Einholen der Fangnetze.

Viel gesprochen wird nicht. Wer beim Wort »ficken« jedes Mal einen heben würde, wäre nach der ersten Stunde des Films dennoch redlich betrunken. Kinder unter sich spekulieren, ob ihre Eltern noch Sex miteinander haben. Magnús unternimmt aussichtslose Versuche in diese Richtung. »The Love That Remains« möchte echt sein. Möchte das Leben abbilden und verkünstelt dann doch. Gegen Ende mehren sich fantastische Elemente. Der Blechritter im Garten erwacht zum Leben. Ein Huhn nimmt Rache dafür, dass es geschlachtet wurde. Ein etwas pathetisches offenes Ende auf offenem Meer bahnt sich an. Das wäre nicht nötig gewesen. Hier verhält sich das Familiendrama wie die Sängerin Björk, es schreit etwas zu schrill: Ich bin Kunst.

Das eigentliche Kunststück dieses Arthousefilms besteht in seinem Minimalismus, in der Ernsthaftigkeit, mit der er dem Alltag begegnet, und dem Geschick, die Dinge so zu arrangieren, dass sie miteinander Verbindungen eingehen. Der Hahn, der zu laut kräht und weg muss. Der Vater, der schon zu oft weg war, bevor das Elternpaar sich getrennt hat. Die Kunstwerke im Regen. Das Kinderspiel im Regen.

Hlynur Pálmason hat bereits mit seinen letzten beiden Langfilmen in Nebenreihen der Filmfestspiele von Cannes Premiere gefeiert. Auch »The Love That Remains« wurde diese Ehre zuteil. Die Kritik lobt die Arbeiten fast uneingeschränkt. Die Zuschauer sollten aber darauf vorbereitet sein, dass viele Aufnahmen sich nicht von denen unterscheiden, die sie auf ihren Handys gespeichert haben. Vom Spiel der eigenen Kinder im Urlaub, von Familienfeiern. Vielleicht macht genau das aber auch den Charme von Pálmasons Werk aus.

→ »The Love That Remains«, Regie: Hlynur Pálmason, Island 2025, 109 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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