Zum Inhalt der Seite
Kino

Fahrstuhl zum Faschismus

Geschichtsunterricht: Norbert Lechners Kinderfilm »Das geheime Stockwerk«

Von André Weikard
Foto: Farbfilm
Zwei aus zwei Welten: Hannah Friedländer (Annika Benzin) staunt über Karlis (Silas John) Smartphone

Fahrstühle bringen Menschen hoch und wieder runter. Im Kinderfilm »Das geheime Stockwerk« katapultiert einer den zwölfjährigen Karli (Silas John) in die Vergangenheit. Und zwar nicht, wie für das Genre zu erwarten wäre, in die Zeit von Dinos, Burgfräuleins oder Westernhelden, sondern ins Jahr 1938. Das faschistische Deutschland hat sich gerade Österreich einverleibt. Das macht sich auch in einem Grandhotel im Salzburger Land bemerkbar. Da faucht eine Nazigröße (Max Simonischek) die Gäste am Nachbartisch an: »Schon beim Frühstück muss man sich hier die Juden anschauen.« Das Hotel müsse einmal gründlich »gereinigt« werden.

Wie das konkret gemeint ist, geht dem jungen Karli erst im Laufe des Films auf. Vom Holocaust hat er nämlich noch nie gehört. Über die Reichspogromnacht klären ihn Youtube-Videos auf. Deshalb schließt er auch zunächst ganz unbefangen Freundschaft mit einer jüdischen Hotelbewohnerin, der etwa gleich alten Hannah ­Friedländer (Annika ­Benzin). Die beiden werden zufällig Zeugen eines Diebstahls im Hotel und gehen der Sache gemeinsam auf den Grund.

Und so entwickelt sich der Kinderfilm zu einer Mischung aus Zeitreise- und Kriminalgeschichte im Stile von Erich Kästners »Emil und die Detektive«. Hannah staunt also über Karlis Smartphone, für sie eine Mischung aus Grammophon und Telefonapparat. Damit ihr Freund Karli nicht direkt die Aufmerksamkeit aller Hotelgäste auf sich zieht, verpasst sie ihm Hemd und Krawatte. Außerdem wird an Hotelwänden entlang von Zimmer zu Zimmer geklettert, sich hinter Blumenkübeln versteckt und ein geheimer Koffer geknackt – auch hierbei hilft Youtube-Wissen.

Natürlich haben die Freunde auch Gegenspieler. Zwei stramme Pimpfe in Lederhose und Braunhemd, die am liebsten mit Zinnsoldaten Krieg spielen und Hitlerparolen nachbeten, suchen ebenfalls den Hoteldieb. Sie wollen das Verschwinden von Wertsachen – wie alles andere auch – den Juden in die Schuhe schieben.

»Das geheime Stockwerk« profitiert von gut aufgelegten Kinderdarstellern, einer imposanten Kulisse und der Leichtigkeit, mit der der Spielfilm sich dem eigentlichen Thema annähert. Bilder aus Auschwitz gibt es keine zu sehen. Vom millionenfachen Mord kündet nur der stumme Abspann. Erst gegen Ende des Films berichtet Karli, mittlerweile aufgeschlaut, mit niedergeschlagenem Blick davon, es werde noch »schlimm« für die Juden, »sehr schlimm«.

Diesen Kompromiss muss Filmemacher Norbert Lechner machen, um die Altersfreigabe für Kinder ab sechs nicht zu gefährden. Das ist für erwachsene Zuschauer zwar etwas befremdlich. Steht da doch für anderthalb Stunden ein gewaltiger Elefant im Raum, der vom Drehbuch umschifft wird. Für Erwachsene ist der Film aber auch nicht gemacht. »Das geheime Stockwerk« ist Einstiegsmaterial für Geschichtslehrer, eine behutsame Annäherung an das Thema für Kinder vom Grundschulalter bis weit darüber hinaus und nebenbei recht unterhaltsam.

Lieblingsfigur ist der Schuhputzjunge Georg (Maximilian Reinwald), auch Teil der Detektivbande. Er repräsentiert, unschwer zu erkennen, die Arbeiterschaft. Plappert naiv Tischgespräche der Eltern nach, in denen es darum geht, dass der Führer Arbeit schaffe und Deutschland wieder groß mache. Ins Salzburger Land komme der Krieg ja sowieso nicht. Ob er es dann doch tat, oder der Georg umgekehrt aus dem Salzburger Land hinaus in den Krieg musste, kann der Zuschauer nur ahnen. Eine gute Nachricht hat Karli aber dann doch für seine Freunde im Jahr 1938: »In meiner Zeit sind die Nazis nicht mehr an der Macht.«

»Das geheime Stockwerk«, Regie: Norbert Lechner, Deutschland/Luxemburg/Österreich 2025, 95 Min., Kinostart: heute

junge Welt

Du findest junge Welt Journalismus wichtig – aber ein Abo ist (noch) nichts für dich?

Dann unterstütze uns jetzt mit einer monatlichen oder einmaligen Spende – ganz unkompliziert, ohne Verpflichtung, aber mit großer Wirkung.

Werde Teil einer engagierten Community, die die Weltsicht der Herrschenden nicht übernimmt, sondern kritisch hinterfragt. Dein Beitrag hilft uns dabei.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Danke für Deine Spende.
Sie macht junge Welt Journalismus erst möglich.
Erschienen in der Ausgabe vom 12.03.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!