Kahlschlag
Von André Weikard
Nur eine Minute«, sagt Man-su (Lee Byung Hun). Er steht im Garten seines Hauses, umarmt Frau und Kinder, zwischen die Beine der knuddelnden Familie zwängen sich zwei schwanzwedelnde Hunde. Doch das Idyll ist nicht von Dauer. Es gelingt Man-su nicht, das Glück festzuhalten. Amerikaner übernehmen die Papierfabrik, in der er 25 Jahre lang gearbeitet hat. Man-su muss gehen. Hier fällt zum ersten Mal der Satz, der Park Chan Wooks Film den Titel gegeben hat: Man habe leider keine andere Wahl.
Und so folgt eine logische Konsequenz aus der anderen. Man-su kann einen Kredit nicht mehr bedienen. Die Familie muss Auto und Haus verkaufen. Tennisstunden und Netflix-Abo sind gestrichen. Ehefrau Mi-ri (Son Ye Jin) entscheidet: »Wir können nicht mehr so viele Mäuler stopfen«. Sprich, die Hunde müssen auch weg.
Park Chan Wook (»Old Boy«, »Durst«, »Die Taschendiebin«) macht kein Drama draus. Stattdessen überdreht er die prekäre Situation der Familie ins Groteske. So verkriecht sich die heulende Tochter ein ums andere Mal in der verwaisten Hundehütte und muss an den Füßen herausgezogen werden. Man-su besucht Motivationskurse beim Arbeitsamt, in denen er Sätze wie »Ich trage keine Schuld an meiner Arbeitslosigkeit« im Chor mit anderen Betroffenen aufsagen muss. Dabei klopfen sich alle mit Zeige- und Mittelfinger an die Schläfe, als ließe sich der entlastende Gedanke so leichter im Hirn verankern.
Man-sus Hirn verfällt auf eine ganz andere Idee. Wenn da kein Arbeitsplatz für ihn frei ist, muss er eben Platz schaffen. Schon kurz davor, einen Papierarbeiter mit einem Blumentopf zu erschlagen, spinnt er den Gedanken weiter. Man-su muss auf Nummer sicher gehen und auch alle potentiellen Bewerber für die frei werdende Stelle ausschalten. Er will der Firma »keine andere Wahl« lassen, als ihn einzustellen. Und so wird der verschmuste Familienvater vom Anfang des Films zum Mehrfachkiller. Anfangs ungeschickt, später ausgefuchst, tötet er die besten seines Berufsstandes.
Serienfans fühlen sich vielleicht an »Breaking Bad« erinnert, wo der krebskranke Chemielehrer Walter White zum mordenden Drogenhändler Heisenberg mutiert. Freunde des südkoreanischen Kinos sehen Parallelen zu Bong Joon Hos »Parasite«. Hier wie da überträgt sich die brutale Rationalität der Märkte aufs Private. »No other choice« führt vor, was geschähe, wenn Menschen so amoralisch handeln würden wie Konzerne.
Weil mit Park Chan Wook ein Meisterregisseur am Werk ist, geschieht das auf wunderbar subtile Weise. Wir sehen Man-su, wie er die Äste von Bonsaibäumen mit Drähten in die richtige Richtung zwängen will, bis sie brechen. Sinnbild für die gequälte Schöpfung, die am Korsett der Gesellschaft kaputtgeht? Später im Film sind Aufnahmen von Forstmaschinen zu sehen, die Baum um Baum im Wald abknicken und entasten. Da hat der Kinozuschauer schon einige Morde gesehen. Trotzdem erscheint dieses Baumfällen als ein besonders brutaler Akt.
Während Man-su seine Opfer auskundschaftet, stößt er auf Menschen wie er selbst: Familienväter, Trinker, betrogene Ehemänner. Immer wieder deutet sich für den Zuschauer die Möglichkeit an, Man-su könne von seiner Tat ablassen, Mitgefühl entwickeln, sich mit seinen Opfern gar anfreunden. Doch statt Solidarität herrscht Konkurrenz. Erst das Fressen, dann die Moral. Dabei hat die schwarze Komödie mit Hitchcock-Vibes die ganze Zeit einen moralischen Subtext: dass da eben doch eine andere Wahl gewesen wäre.
»No Other Choice«, Regie: Park Chan Wook, Südkorea 2025, 139 Min., bereits angelaufen
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