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Aus: Weihnachten, Beilage der jW vom 24.12.2025
Literatur

Die volle Dröhnung

Muff-Potter-Sänger Thorsten Nagelschmidt hat keinen Bock auf Weihnachten. Statt dessen schaut er zwei Wochen »Die Sopranos« und schreibt mit
Von André Weikard
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Es gibt Dinge in der Welt, bei denen verhält es sich wie mit Schrödingers Katze. Manchen bedeuten sie alles, anderen absolut nichts. Sie sind unverzichtbar und völlig überflüssig zugleich. Weihnachten ist so eine Sache. Und die »Sopranos«. Die einen verehren die HBO-Serie kultisch, andere konnten bislang auch ohne leben. Genauso das Weihnachtsfest. Hier über Monate geplant und zelebriert, nach strengen Ritualen und zum Höhepunkt des Familienlebens stilisiert, da bestenfalls ignoriert oder gar gemieden.

Thorsten Nagelschmidt gehört zu denen, denen Weihnachten nicht nur egal ist, er leidet darunter. Deshalb ist er auf den verwegenen Plan verfallen, den einen Hype durch den anderen zu ersetzen. Sprich: sich über die Weihnachtstage zu verkrümeln. Weit weg, in ein All-inclusive-Hotel auf den Kanaren, um sich dort die volle Dröhnung zu geben. Sechs Staffeln »Sopranos« am Stück. 86 Stunden, zwölf Minuten, verteilt auf knapp zwei Wochen, das macht acht Stunden täglich. Was das mit einem Menschen anstellt und noch viel mehr hat er in »Nur für Mitglieder« aufgeschrieben.

Vorweg: Eigentlich lernt der Germanist es im ersten Proseminar. Niemals darfst du den Autor eines Buches mit dem Erzähler verwechseln. Hier geht das nicht. Nagelschmidt berichtet schonungslos offen nicht nur von seinem »Soprano«-Trip, sondern auch aus seinem Leben. Er erzählt von einer Jugend als Trennungskind, vom Heile-Familie-Zwang zum Weihnachtsfest, vom Nichtverhältnis zur Religion, von Partyexzessen, um dem unvermeidlichen Weihnachtsblues etwas entgegenzusetzen, von Depressionen. Auch vom Tagebuchschreiben ist oft die Rede. Von Notizen, die er zu diesem oder jenem Weihnachtsfest gemacht hat und die in Summe vor allem eines zeigen, nämlich dass diese Zeit des Jahres »eine gespenstische Macht über mich erlangt hatte«, so Nagelschmidt. »Nur für Mitglieder« ist also ein journalistisches Buch, dokumentarisch, rund um ein Selbstexperiment angeordnet, aber hoffnungslos persönlich. Keine Chance, hier Fiktion und Person auseinanderzu­sortieren.

Und genau darin liegt die Magie dieses Buches. Weil Nagelschmidt seine Leser so nah an sich heranlässt, folgen sie ihm. Man beginnt tatsächlich, sich dafür zu interessieren, ob er am Abend Weißwein oder Cocktails trinkt, ob er Kopfschmerztabletten oder Schlafmittel schluckt, ob das entzündete Nagelbett verheilt oder der ­provisorisch vor Abreise verarztete Backenzahn hält. Die knappen Inhaltsangaben zum täglichen Serienpensum überfliegt der Leser mutmaßlich, entweder, um sich die Kultserie selbst nicht zu spoilern, oder weil man die Handlung ja längst kennt. Andere Absätze liest man dafür zweimal. Die süffisanten Schilderungen des vorweihnachtlichen Lebens in einer kanarischen Hotelanlage etwa, inklusive dem verschämten Einhalten von Privatsphäre (»Alle sollen allen aus der Sonne gehen in diesem 4-Sterne-Puff«). Von »kindersarggroßen Adiletten« ist da die Rede, in denen am Pool »umhergegockelt« wird.

In den Bann ziehen auch die Schilderungen von Selbstverletzung »mit Scherben, Messern und Korkenziehern«, bis hin zum Eingeständnis von Suizidgedanken.

Natürlich schwingt beim Projekt einer »Sopranos«-Klausur David Foster Wallace’ Kreuzfahrtbuch mit: »Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich«. Auch Jochen Schmidts Erfahrungsbericht über das Lesen von 3.900 Seiten »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« (»Schmidt liest Proust«) erwähnt Nagelschmidt.

Aber auch jenseits von solchen formalen Vorbildern hat der hauptberufliche Muff-Potter-Sänger seinen Selbstversuch mit Recherchen unterfüttert und allerlei Wissenswertes und Heiteres zum Thema Weihnachten zusammengetragen. Erich Mühsams Gedicht »Heilige Nacht« etwa: »Minister und Agrarier / Bourgeois und Proletarier – / es feiert jeder Arier / zu gleicher Zeit und überall / die Christgeburt im Rindviehstall. / (Das Volk allein, dem es geschah, / das feiert lieber Chanukka.)«

In »Nur für Mitglieder« lässt sich außerdem erfahren, dass die englischen Puritaner das Feiern von Weihnachten zwischen 1645 und 1660 verboten, wohl wissend darum, dass in der Bibel kein Wort vom 25. Dezember als Geburtstag Jesu steht und die Christen 381 nach der Zeitenwende mit ihrem Weihnachten schlicht den heidnischen Wintersonnenwendbrauch kontern wollten. Von dem haben sie dann auch gleich die meisten Rituale, vom Kerzenabbrennen bis zum Begrünen der Wohnung mit Zweigen, geklaut. Überhaupt sei die ganze Weihnachtsgeschichte eine »zusammengebastelte Geschichte voller Übersetzungsfehler«, weiß Nagelschmidt.

Eine Weihnachtsnörgelei hat er trotzdem nicht geschrieben. Im Gegenteil. Er gesteht, dass er sich zur Heiligen Nacht auch mal in die Christmesse schleicht und ganz hinten in der letzten Bank sitzt, weinend. Und er erkundigt sich nach den aus Grinch-Sicht höchst verschrobenen Weihnachtsbräuchen der Familie seiner ­Freundin.

Die »Sopranos« interessieren ihn dagegen ab Staffel fünf nicht mehr. »Die redundanten (…) Sorgen und Nöte dieser kleingeistigen Trottel, ihre angeknacksten Egos und albernen Wehwehchen. Das ist wie Dallas oder Denver Clan«, schimpft er. »Die Sopranos« sind also kein Serien­tipp. »Nur für Mitglieder« ist dagegen eine Leseempfehlung, eine, die auch ohne Mafiamorde und exzessives Fluchen zum Binge-Reading animiert.

Thorsten Nagelschmidt: Nur für Mitglieder. März-Verlag, Berlin 2025, 236 Seiten, 24 Euro

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