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Kino

Eitelkeit und Führerliebe

James Vanderbilts missglückter Spielfilm »Nürnberg« mit Russel Crowe als Hermann Göring

Foto: Kata Vermes/Sony Pictures
Übereinstimmungen mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig: Russell Crowe als Hermann Göring

Hermann Göring beugt sich nach vorn. Im väterlichen Ton erzählt er dem deutlich jüngeren Seelenklempner, der ihm gegenübersitzt, von seiner Kindheit. Von der Affäre, die seine Mutter mit einem vermögenden jüdischen Arzt hatte. Davon, wie er sich als Bub ein Leben als Ritter imaginierte, der über das gesamte Land herrscht, das er überblicken konnte. Die beiden, der Hermann und sein Arzt, spielen Karten. Der Doc bringt dem Nazi sogar ein paar Zaubertricks bei. Nachdem Göring leicht belustigt den heute als völlig wertlos erkannten Rohrschach-Test über sich ergehen lässt, attestiert der Psychologe ihm anerkennend »große Phantasie«.

»Nürnberg« heißt der Film, mit dem Hollywood sich heute, 80 Jahre nach den Nürnberger Prozessen gegen die Nazielite, dem ersten internationalen Völkerrechtsgericht annimmt. Tatsächlich spielt die Verhandlung aber nur eine untergeordnete Rolle. »Spiderman«-Drehbuchautor James Vanderbilt nutzt die Weltkriegskulisse, um ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Obernazi und seinem psychologischen Gutachter, Douglas Kelley, zu inszenieren.

Das Schauspielpersonal, das ihm dafür zur Verfügung steht, ist prominent. Den Psychodoc gibt Rami Malek (»Bohemian Rhapsody«), der Ex-Gladiator-Mime Russell Crowe zwängt sich in die ordenbehangene Uniform des Reichsmarschalls. Das Duell der beiden missrät allerdings in mehrfacher Hinsicht. Das fängt schon damit an, dass die Figuren einander ständig gegenseitig erklären, wen sie da vor sich haben. Wohl, weil die Filmemacher ihrem Publikum wenig Geschichtswissen zutrauen. Als ob der eigens zu ihrer Begutachtung angereiste Psychologe Kelley nicht wüsste, wer Göring, Dönitz oder Hess sind. Wer sich die englischsprachige Version des Films gönnt, kommt außerdem in den Genuss eines Hermann Göring, der mit englischem Akzent Deutsch, dafür aber mit aufgesetztem deutschen Akzent Englisch spricht. Das ist unfreiwillig komisch bis irritierend unlogisch. Etwa wenn Göring und Hess sich aus unerfindlichen Gründen miteinander auf Englisch unterhalten.

Weniger witzig und genauso geschichtsvergessen ist die gesamte Inszenierung Görings als intelligenter Superganove, der den ganzen Prozess heimlich lenkt und sowohl seine Mitinsassen wie die Wärter mit seinem unwiderstehlichen Charme für sich einnimmt. Die Verklärung eines der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts geht so weit, dass der drei Schweinehälften schwere Reichsmarschall dabei gezeigt wird, wie er sich in seiner Zelle mit Liegestützen für seinen letzten Kampf in Form bringt, als wäre er Rocky Balboa. Währenddessen darf Kelley Briefe an die Frau des Massenmörders schmuggeln und seinem weltbekannten Patienten anschließend von den Fortschritten beim Klavierspiel seiner Tochter berichten. Die Zutraulichkeiten zwischen den beiden gipfeln darin, dass Göring Kelley später einen »Freund« nennen wird.

»Nürnberg« nimmt die Perspektive Kelleys ein, wie er sie später in seinen Aufzeichnungen und einem Buch hinterlassen hat. Das schließt mit ein, dass Kelley Göring wenigstens zeitweise abnimmt, tatsächlich nichts vom Holocaust gewusst zu haben. Ganz so, als wären Eitelkeit und Führerliebe die einzigen Schwächen des zeitweiligen Gestapo-Chefs, Rüstungsministers und Auftraggebers der Judenvernichtung gewesen.

Die Naivität, mit der diese verharmlosende Wahrnehmung Kelleys im Film übernommen wird, versucht Vanderbilt mit dokumentarischen Aufnahmen zum Holocaust aufzuwiegen, die gegen Mitte des Dramas zu sehen sind. Der Einschub wirkt aber wie ein Fremdkörper in einem Film, der über weite Strecken Konzentrations- und Vernichtungslagern nur als »Arbeitslager« kennt und den Judenmord als »das, was mit den Juden geschah« sprachlich ausklammert.

Und so wird aus einer tablettensüchtigen, fettleibigen Nazigröße ein süffisantes Onkelchen, das in einem abgekarteten Prozess seinen Anklägern hier und da ein Schnippchen schlägt – und schließlich im eigenen Selbstmord auch noch über die vermeintliche Siegerjustiz triumphiert. All das wird nicht nur der Bedeutung des Prozesses und den Opfern der Naziverbrechen nicht gerecht, es gibt zudem einen mauen Filmstoff ab. Die endlosen Passagen mit Gossip aus Görings Jugend über Nacherzählungen seiner anfänglichen Führerbegeisterung bis hin zu küchenpsychologischem Kumpelgequatsche mit Kelley blähen das Drama völlig unnötig auf eine Spielzeit von beinahe zweieinhalb Stunden auf.

Der Eindruck, der vermittelt wird, dass Göring ohne die Hilfe Kelleys vor Gericht keines seiner Verbrechen hätte nachgewiesen werden können, ist genauso abstrus wie historisch grob falsch. Tatsächlich verbrachte Kelley nur rund einen Monat in Nürnberg und wurde dann durch den Psychiater Leon Goldensohn ersetzt. Auf den Ausgang der gut zehnmonatigen Verhandlung hatte er demnach keinerlei Einfluss.

Die der Handlung vorangestellte Einblendung, der Film erzähle »die Geschichte derer, die überlebt haben und derer, die es nicht haben«, hätte demnach treffender geheißen: »Übereinstimmungen mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.«

→ »Nürnberg«, Regie: James ­Vanderbilt, USA 2025, 148 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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