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Kino

Triple Agent

Autofiktionaler Film: »Bitteres Fest« von Pedro Almodóvar

Foto: El Deseo/Studio Canal
Ein Traum ist alles Leben, und die Träume selbst ein Traum

Nacheinander ­beziehungsweise abwechselnd stellt »Bitteres Fest« zwei Filmemacher in den Mittelpunkt, während ein dritter stets unsichtbar bleibt, aber zunehmend dennoch Präsenz gewinnt. Als Hauptfigur tritt zunächst Elsa (Bárbara Lennie) in Erscheinung, als sie wegen einer Panikattacke ein Madrider Krankenhaus aufsucht. Dort wird sie über Nacht in einem Zimmer untergebracht, in dem sie einst einen Spielfilm gedreht hat, der ihr den Ruf einer Kultregisseurin eintrug. Dieser schillernde Begriff umschreibe bloß einen Mangel an Profitabilität, erklärt die elegante Frau auf Nachfrage. Folgerichtig hat sie das Kino längst zugunsten der Werbeindustrie aufgegeben, deren Aufträge ihr nach eigenen Angaben den Kauf zweier Häuser ermöglichten, eins für sich und eins für die Mutter. Letztere ist genau ein Jahr zuvor gestorben, als Elsa wegen der Arbeit an einem Unterhosenwerbespot unabkömmlich war, was zugleich den Beginn ihrer Liebesbeziehung zum Feuerwehrmann und nebenberuflichen Stripper Bonficia (Patrick Criado) markierte.

Wenn unvermittelt dann Raúl (Leonardo Sbaraglia) auftritt, wird beiläufig deutlich, dass die vermeintliche Protagonistin ihrerseits nur ein Geschöpf dessen Phantasie ist. Dass Elsa in seinem neuen Drehbuch als Alter ego dient, stellt dieser Filmemacher bald im Gespräch mit seiner Assistentin Mónica (Aitana ­Sánchez Gijón) klar: Weil er 2004 die erste eigene Panikattacke erlebt habe, sei die Handlung seines neuen Projekts vor gut zwei Jahrzehnten angesiedelt. Da die Figur des Raúl als graubärtiger schwuler Spanier angelegt ist, der als Berühmtheit des internationalen Kinos gilt, drängt sich wiederum die Assoziation mit dem Regisseur und Drehbuchautor von »Bitteres Fest« auf – selbst wenn man noch nicht in Interviews gelesen hat, dass ­Pedro Almodóvar in seinem 24. Spielfilm unter anderem den Inhalt seiner letzten Unterhaltung mit der eigenen Mutter paraphrasiere.

Der 1949 geborene Filmemacher hat gegenüber El País bekannt: »Dieser Film spiegelt mich klar wider.« Doch diese Spiegelung ist zugleich noch reizvoller gebrochen als in der ebenso unverkennbar autobiographisch inspirierten Dramödie »Leid und Herrlichkeit« (2019), in der der Argentinier Sbaraglia bereits eine wichtige Rolle verkörperte und eine Musikeinspielung der mexikanischen Sängerin Chavela Vargas wie hier einen dramaturgischen Akzent setzte. Denn im Gegensatz zu Raúl und dem Protagonisten jenes Films ist Almodóvar offenkundig das Problem erspart geblieben, im Alter unter stockender Kreativität zu leiden. Dieser eklatante Unterschied warf schon in »Leid und Herrlichkeit« stets die Frage nach der Differenz der Autofiktion von der Wirklichkeit auf, die im neuesten Film nun durch eine Verdopplung des Alter egos in Gestalt von Elsa noch zugespitzt wird. Zugleich wird das dort nur nebenbei angeschnittene moralische Dilemma, dass von der kreativen Ausbeutung des eigenen Lebens auch das persönliche Umfeld berührt wird, hier zum eigentlichen Thema: Mónica reagiert empört, als ein Schicksalsschlag, der soeben eine Freundin getroffen hat, von Raúl zu einem Drehbucheinfall genutzt wird, der Elsa in Begleitung der gramgebeugten Freundin Natalia (Milena Smit) nach ­Lanzarote führt.

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Dieser Konflikt mündet in einer Schlusswendung, mit der Almodóvar implizit einzuräumen scheint, ein interessanteres Thema verfehlt zu haben. Doch die verblüffende Selbstkritik wird von einer Fabulierlust aufgewogen, mit der dieser Filmemacher einmal mehr ganz leichthändig die eine oder andere Erzählkonvention des Kinos beiseitewischt. Vordergründig führt er uns die Arbeit des Schreibens vor Augen, indem er am Computerbildschirm getippte Drehbuchzeilen gelegentlich bildfüllend auf der Kinoleinwand auftauchen lässt. Derweil scheint der Film-im-Film ganz unvermittelt Raúls Phantasie zu entspringen. Eine dramaturgische Behelfslösung, zu der der Filmemacher sich spät von Mónica überzeugen lässt, um die Plötzlichkeit von Natalias Auftauchen abzumildern, ist im entsprechenden Handlungsstrang denn auch längst umgesetzt worden. Folgerichtig sind die einzigen Dreharbeiten, die wir kurz zu sehen bekommen, die zu Elsas oben erwähntem Werbespot.

Entsprechend zauberhaft erscheinen unter diesen Vorzeichen einzelne Regieeinfälle, etwa wenn der abschließende Dialog von Raúl und Mónica als veritabler Showdown inszeniert ist – und somit nachträglich begründet, weshalb Komponist Alberto Iglesias zuvor regelmäßig Thrillerklänge eingestreut hat. Und plötzlich selbstverständlich wirkt auch, warum Almodóvar in diesem Film mal wieder ohne dramaturgische Not reichlich Designerklamotten und -möbel in satten Farben sowie auffallend gleichmäßiger Ausleuchtung ausstellt: nämlich einfach deshalb, weil ihn nichts daran hindert.

→ »Bitteres Fest«, Regie: Pedro Almodóvar, Spanien 2026, 111 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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