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Aus: Ausgabe vom 03.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Der Eigenwillige

Ich und meine Filme: Wim Wenders’ Neugier weckendes Buch »Wesentliches«
Von André Weikard
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Er sieht sich als Romantiker: Wim Wenders

Im August 2025 ist Wim Wenders 80 Jahre alt geworden. Das Haar ist weniger Beethoven, die Brillen sind weniger bunt. Der Mann dagegen ist neugierig wie eh und je. In den zahlreichen Radiofeatures und Interviews haben Journalisten den gebürtigen Düsseldorfer nicht selten als den »größten deutschen Regisseur seiner Zeit« gewürdigt. Vermutlich nehmen sie dasselbe Prädikat auch für Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog oder Volker Schlöndorff her. Sei’s drum. Dass Wim Wenders zu den ganz großen des deutschen Films gehört, trotz und vermutlich sogar wegen seiner eigenwilligen Art, Filme zu machen, seiner eigenwilligen Filme und seiner eigenwilligen Art, wird wohl keiner bestreiten, der je »Der Himmel über Berlin« gesehen hat.

Das weiß auch Wenders selbst. Weshalb er sein Werk für die Nachgeborenen erhält. Er tut’s, indem er die Rechte an seinen Filmen an die Wim-Wenders-Stiftung abgetreten hat, die alle Einnahmen nutzt, um die Klassiker zu archivieren, zu digitalisieren und zu verbreiten. Er tut’s aber auch in Vorträgen und Seminaren, in denen er seine Arbeit erklärt. Daraus wiederum ist nun ein Büchlein entstanden mit dem programmatischen Titel »Wesentliches«. Ein Kondensat all dessen also, was Wim Wenders über sich und seinen Film zu sagen hat.

Da kann man zum Beispiel erfahren, dass Wenders, der mal Arzt werden sollte und Maler werden wollte, vor allem deshalb in die Kinosäle der Pariser Cinémathèque geraten ist, weil die beheizt war. Anders als ein winziges Studentenzimmer. Oder dass der junge Wim zuweilen auf dem Balkon schlief, um die Sterne zu sehen. Dass er aus dem Rheinland mit dem Rad nach Amsterdam und später mit dem neun PS starken 2CV nach Afrika fuhr. Oder dass in seinem Kinderzimmer ein Bild von Van Goghs Sonnenblumen hing, das der Junge Nacht für Nacht beim Einschlafen studierte. Und wie die Lurchi-Comics aus den Salamander-Schuhläden seine Art, Geschichten zu erzählen, geprägt haben.

Man erfährt davon, wie Wim Wenders sich selbst als Romantiker sieht, der Entdeckungslust und der Schönheit verschrieben, und wie daraus etliche Roadmovies entstanden. Jahrzehnte bevor die Dänen um Lars von Trier und Thomas Vinterberg das Dogma-Manifest formulieren, das Originaldrehorte und Handkameras vorschreibt, künstliche Belichtung und Spezialeffekte aber verbietet, hat Wim Wenders seiner Arbeit eine viel strengere Askese auferlegt. Kein Drehbuch, statt dessen Freiraum für eine Handlung, die sich erst während des Filmens entwickelt. Offenheit für Zufälle, für Bilder, für Gelegenheiten gehört dazu. So pflegt Wenders zum Beispiel die Verschrobenheit, Orte allein wegen ihres Namens aufzusuchen. Er lotst sein Drehteam beispielsweise in ein Städtchen, das »Truth or Consequences« heißt, zu deutsch also: »Wahrheit oder Pflicht«. Dreharbeiten setzt er früh am Morgen oder am Abend an, um das richtige Licht einzufangen. Immer sorgt er dafür, dass noch Raum bleibt, für das Unerwartete, für die »Magie«.

»Wenn ich wüsste, wie man erfolgreiche Filme macht, würde ich lieber keine mehr machen«, lautet ein vielzitiertes Wenders-Bonmot. Und er hält, mitten im Kino, in der großen Illusionsmaschine, fest, an einem ganz eigenen Anspruch an Authentizität. »Wenn ich den Abendhimmel digital in das Bild hineinsetzen müsste (…), fände ich das abwegig und gar nicht mehr schön, weil gar nicht mehr wahr«, schreibt Wenders in »Wesentliches«. Schönheit und Wahrheit gehören für ihn, den Romantiker, zusammen. Ein Anachronismus im Kino von heute.

So wie die vermeintliche Langsamkeit von Wenders’ Erzählweise. Würde er die Filme aus den 70er Jahren heute noch so schneiden, wie er es damals getan hat? Mit minutenlangen Einstellungen, mit vielen Totalen? Bestimmt nicht, gibt Wenders bei. Aber damals war das Erzählen auf der Leinwand noch gar nicht erfunden, der Werbefilm mit seinen sekündlichen Schnittfolgen existierte noch nicht. Der Film war, nicht nur technisch, sondern auch erzählerisch, eine Aneinanderreihung von sorgsam inszenierten Bildern. Bildern, die zu verstehen der Zuschauer viel mehr Zeit brauchte. Wer sich die frühen Wenders-Filme noch einmal ansieht, Filme wie »Falsche Bewegung« (1975) oder »Im Lauf der Zeit« (1976), kann das leicht nachvollziehen.

Wenders berichtet davon, wie er und Mitstreiter die Kinosprache erst erfanden, erzählt von den Anfängen der Münchner Filmhochschule, als noch keine beweglichen Kameras für die Studenten zur Verfügung standen, und wie er sein Saxophon für eine erste eigene Kamera verpfändete.

»Wesentliches« ist aber nicht nur ein biographisches und filmtheoretisches Erinnerungsbuch, es gewährt zugleich an vielen Stellen auch einen Blick in das Handwerk des Filmemachens. Da spielen Musikrechte eine Rolle, das, was Wenders »die Rahmung« nennt, also die Wahl des Bildausschnitts, oder kleine Tricksereien, wie etwa, dass Wenders kiloweise Mehl auf die Straße streuen lässt, damit hinter dem vorbeifahrenden Auto Staubwirbel auffliegen.

»Wesentliches« ist eine Anleitung zum Filmeschauen, eine Wim-Wenders-Masterclass, ein Buch, das Lust macht, sein Werk neu zu entdecken. Und damit Pflichtlektüre für jeden Kinoliebhaber.

Wim Wenders: Wesentliches. Herausgegeben von Annette Reschke. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2025, 336 Seiten, 24 Euro

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