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Metal

Reaktionär im romantischen Sinne

Nostalgieritt zum Wacken Open Air 2026 – Stargehabe und Weltflucht inklusive

Foto: Frank Molter/dpa
»Mallorca, Sommer, Sonne, Herzinfarkt« – Wenn Wacken, dann richtig (a. a. O., 29.7.2026)

So global ist das W:O:A, dass auch die aufgeblähteste WM nicht dagegen anstinken kann. Speziell beim Nachwuchs-Metal-Battle, der U 21 der Szene, ist quasi bald jede Nation schon mal vertreten gewesen. Fast hätte auch Grönland eine Band zum Wacken Open Air geschickt, doch die politische Lage sprach dagegen. Statt dessen durften die Progger von Midhaven »mit westlicher Härte und indischen Ragas« ihren Subkontinent repräsentieren. Ihr Song »Zhitro« handelt auch nicht von Südfrüchten, sondern von tibetanischen Gottheiten.

Ein bizarrer Abstecher führt am Mittwoch zu den Butcher Sisters – und was soll ich sagen? Die Mannheimer Hardcore-Deutschrapper kalauern durchaus professionell über Nudeln und Arbeitszeitbetrug, reißen mit bunter Show auf großer Bühne echt was ab und bieten in »Bierosaufus Ex« sogar eine schräge Hommage an Lorna Shores Blutkehlchen Will Ramos. Das ist ebenso unernst wie unterhaltsam und leitet den ersten Abend erfrischend ein.

Rose Tattoo, die Hard-Rock-Urgesteine aus Down Under, hat man zwar schon auf größeren Bühnen gesehen, aber egal, auch die kleineren Bretter bedeuten nicht weniger als die Welt. In unserem Fall die Unterwelt natürlich. Namen wie Crematory, Kadavar oder – offensichtlich Ergebnis eines eher flüchtigen Brainstormings – »Blood Fire ­Death« von Bathory deuten zielsicher aufs Jenseitige.

Auch der Donnerstag groovt gut los mit thrashigem Tech-Core der kroatischen E.N.D.; die slowakischen GÁGOR knüpfen knüppelflott daran an, und mit dem filigranen Melo-Deathcore der Südafrikaner Human Nebula sind wir auch wieder ganz wach. Und erneut riecht’s nach Grill: »Oh, lecker! Wisst ihr, ich bin mit zwei Veganerinnen unterwegs …« Ehrensache, da hilft man doch gern.

Anschließend wird dem Personenkult gefrönt: Unterschiedlicher können zwei Gitarrenhelden kaum auftreten als der ewige Hippie Uli Jon Roth, mit allerlei Tüchern und Bändern behangen, und unser Goldkettchen Yngwie J. Malmsteen. Wir kriegen die Dokuszene nicht aus dem Kopf, in der Yngwie den Journalisten im roten Ferrari abholt und die Karre vor dem Interview zwischen einem halben Dutzend weiterer Superschlurren abstellt. »So geht Rockstar!« weiß da der eine Metalbrother, und der andere: »Ach, backstage ’ne Tüte reicht doch auch …« Muss jeder selbst wissen. Nicht wenige Virtuosen auf dem Festival jedenfalls sind hörbar von beidem beeinflusst.

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Den Gassenhaudegen von Europe sei es dann gegönnt, textsichere Stimmgewalt aus uns herauszukitzeln und zu einem tollen Finale überzuleiten mit Savatage und Def Leppard. Die Floridianer haben ja schon mehrfach die hiesigen Bühnen mit üppigen Auftritten beehrt und überzeugen wieder auf ganzer Linie. Herzzerreißende Einspieler zu den Gebrüdern Oliva tun ihr übriges. Das ist noch Powermetal aus einer Zeit, bevor »ZDF-Fernsehgarten«-Tauglichkeit Begriff und Subgenre jeglicher ­Credibility beraubte.

Und die Engländer, die ja den Stadionrock amerikanischer machten, als der ICE erlaubt, zeigen unmissverständlich, woher der Erfolg kommt: Die Musik ist einfach gut, allem Zuckerguss zum Trotz. Nebenbei, Lautstärke ist open air kein Problem, doch Taubheit gelegentlich schon. Während Def Leppard als eine sozusagen gezähmte Katze durchaus metaphorisch den Stil der Band trifft, wird’s am Freitag bei Deafheaven aus San Francisco atheistisch und schnell auch politisch. Für Blackgaze gibt die Band überraschend viel Gas.

Ihre französischen Genregenossen von Alcest dagegen verabreichen spät am Abend die erwartet homöopathischen Dosen Härte. Das Projekt um Schlagzeuger Winterhalter und Neige, der alles komponiert, textet, singt und sonst alle Instrumente einspielt, bleibt ganz auf sich konzentriert, die Musik wabert wellenartig, geschmeidig und geradezu hypnotisch, um gelegentlich stimmig zu vielbeinigen Schüben dunkleren Metalls anzuschwellen.

Wie so oft, wenn Black Metal anklingt, gibt’s Berührungspunkte mit rechtem Sud. Weltekel und Realitätsflucht sind sinnhafte poetische Motive, doch Neiges frühere Kollaboration mit Famine, Peste Noire und dem ganzen kernfaschistischen NSBM-Schmonz ist ein Fakt, der fickt. »Aber er distanziert sich doch klar von diesem Teil seiner Vita!« – »Und?« – »Was kann die Musik denn dafür?« – »Alter, gut gemacht waren die KZ auch!« – »Yo Bros, heute werden wir das nicht mehr ausdiskutieren …« Die polierte Produktion des Blackgaze ist ohnehin gewissermaßen das Gegenteil von Black Metal, das Ergebnis reaktionär nur mehr im romantischen Sinne.

Am abschließenden Sonnabend ist zur Kaffeezeit noch mal Opulentes angesagt: Crimson Glory und Nevermore knüpfen beide nach mehrfachen Besetzungswechseln an gute alte Zeiten an. Dass sie dabei leichtes Spiel mit uns haben, liegt nicht zuletzt an den Sängern Travis Willis und Berzan Önen, die Fußstapfen von Midnight († 2009 )und Warrel Dane († 2017) sind nicht zu groß.

Was noch? Ein besonders buntes, emotionales Tüpfelchen setzt die kölsche Schwulenikone Jürgen Zeltinger, ob er es will oder nicht. Auf einem gepolsterten Schemel sitzend genießt der »Asi mit Niwoh« den Auftritt sichtlich, wie so viele Newcomer an diesem ausführlichen Wochenende auch. Man freut sich mit ihm. Und mit »Mallorca, Sommer, Sonne, Herzinfarkt« gibt uns De Plaat einen Nostalgieritt ins Jahr 1982, der nach Wacken passt wie das Stück zum fantastischen Wetter.

Natürlich werden Arch Enemy auch mit Lauren Hart abgefeiert, der mittlerweile dritten Sängerin (einen Kerl hatten sie anfangs mal, doch den kennt kaum noch einer). Welche aber nun die schönste Stimme im ganzen Land ist, darüber streiten die Spiegel noch lange. Da feiern wir längst mit dem australischen Deathcore-Quintett Thy Art Is Murder und einer angemessenen Menge Pyro einen würdigen Abschluss.

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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