Einmal wegfahren und zurückkommen
Immer mehr Familien leben in Unterkünften für Wohnungslose – und das über Jahre. Ein Besuch in der Notunterkunft »Teupe« in Berlin-Neukölln
Das Gebäude mehrere Stockwerke hoch, auf jeder Etage lange kahle Gänge. Links der Flure gehen Waschraum und Küche ab, darin eine Metallküchengarnitur – funktional und leicht zu reinigen. Rechts der Korridore sieben Türen, dahinter etwa 20 Quadratmeter große Zimmer mit dem Nötigsten: Betten, Schrank, Tisch, Kühlschrank. Die beige-weiß-graue Farbgebung von Türen, Boden, Wänden steht unter Denkmalschutz, so wie das ganze Haus. Als Obdachlosenasyl gebaut und 1930 eröffnet, diente »Die Teupe« in der Teupitzer Straße im Westberliner Bezirk Neukölln, von einer Unterbrechung während des Faschismus abgesehen, durchgängig als Unterkunft für in Not geratene Menschen. »Die einen sind schockiert, wenn sie herkommen. Andere sind begeistert«, sagt Meike Johannssen im Gespräch mit jW. »Je nachdem, wo sie vorher gewohnt haben, ob es für sie ein Ab- oder Aufstieg war.« Was aber alle schätzen, ist die Unterstützung und Betreuung, die sie in der Erstaufnahmeeinrichtung der Gebewo erhalten.
Beziehungsweise erhalten haben. Anfang Juni ist der Mietvertrag ausgelaufen und wurde von dem Vermieter Kubus, einer GmbH, die in dem Gebäude selbst eine Kindertagesstätte, eine Suppenküche, Werkstätten und eine Notunterkunft unterhält, nicht verlängert. Nach gut 24 Jahren ist hier Schluss. Der Leiter, die drei Sozialarbeiter und die Erzieherin werden an anderen Stellen in der Gebewo eingesetzt. Einziger Trost ist, die Familien können bleiben. Kubus selbst wird die Erstaufnahmeeinrichtung in der Teupe übernehmen und will das Betreuungsangebot nach eigenen Angaben nicht nur erhalten, sondern ausbauen. Die Regel ist das nicht. Die meisten Obdachlosen werden gemäß Ordnungsrecht (in Berlin ASOG) untergebracht und nicht auf Grundlage des 12. Sozialgesetzbuchs (Paragraf 67). Das heißt, Kommunen sind ordnungsrechtlich verpflichtet, unfreiwillig obdachlose Menschen unterzubringen. Zwei Drittel dieser Unterbringungen werden von privat-gewerblichen Unternehmen betrieben. Meist ohne qualifiziertes Betreuungspersonal vor Ort.
Unnötig kompliziert
Johannssen und ihre Kollegen führen jeden Tag Gespräche. Kurz vor dem jW-Besuch hatte die Sozialarbeiterin zwei Frauen verabschiedet, die fast täglich kommen. Der einen hilft sie derzeit intensiv bei der Wohnungssuche. Denn man muss wahnsinnig schnell sein. Wohnungsangebote im geschützten Segment – also für Arme – sind in Sekundenschnelle weg. Die Mutter zweier Kinder ist seit drei Jahren in der Teupe. Vorher war sie im Frauenhaus, nachdem sie ihren Mann wegen häuslicher Gewalt verlassen hatte. Zu der ohnehin kräftezehrenden Wohnungssuche kommt ein Sorgerechtsprozess, worüber sie regelmäßig im Austausch ist mit Johannssen.
Mit der anderen Bewohnerin hatte sich Johannssen verabredet, um einen weiteren Versuch zu starten, »endlich ›Jobcenter digital‹ zu installieren«, eine App, über die Bürgergeldbezieher »informiert bleiben«. Doch das ist »erstaunlich schwierig«, wundert sich Johannssen. »Warum machen die das so kompliziert? Wenn ich das nicht hinkriege, wie sollen das dann meine Klientinnen hinbekommen«, die zum Teil schlecht Deutsch sprechen und Schwierigkeiten haben, die Bürokratie zu verstehen. Aber auch in dem Fall ist die Jobsuche nicht die einzige Aufgabe. In den Gesprächen geht es außerdem um Kita, Schule, Arzttermine, Ergo- und Logotherapie für die Kinder und um Entlastungsgespräche für eine Mutter, die mit drei sehr aktiven Jungs in einem Zimmer wohnt. So ist die Aufteilung in aller Regel: Eine Familie, ein Zimmer.
Von draußen dringt das Gewirr von Kinderstimmen in das Besprechungszimmer im zweiten Stock. Ganz unten im Haus ist die Kita. Und neben der Teupe gibt es weitere Unterkünfte. Insgesamt wohnen hier an die 500 Menschen auf einem gut anderthalb Fußballfelder großen Areal, in der Nähe des S-Bahnhofs Sonnenallee, zwischen den Gleisen der Berliner Ringbahn, der Laubenkolonie »Rübezahl« und dem Neuköllner Schiffahrtskanal. Neben Kubus und Gebewo stellt Vita domus Plätze bereit. Für Familien, Frauen, Alleinstehende und Paare, die zum Teil psychische Erkrankungen und Suchtprobleme haben.
In der Familieneinrichtung der Gebewo leben zur Zeit des jW-Besuchs im Mai 20 Familien (Stand 19. Juni: 90 Personen, davon 40 Kinder). Die meisten hier stammen aus Osteuropa und arbeiten in Deutschland unter prekären Bedingungen, zum Beispiel auf dem Bau. Johannssen sagt: Den typischen Obdachlosen – »alt, Mann, Alkoholiker« –, der in den 1990er Jahren den Ausschlag zur Gründung der Gebewo in Pankow gegeben hatte, gibt es nicht mehr. Es kann jeden treffen. Mehr als eine Million Wohnungslose gibt es laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe mittlerweile. Immer öfter sind Familien betroffen.
Eine Romakönigin
Eine von ihnen ist die von Natalia. Gemeinsam mit dem Bruder und ihren Eltern lebt sie in der Familienunterkunft der Teupe (bzw. inzwischen »neuen Teupe«). Ihre Mutter ist Romni, ihr Vater Rumäne. Er arbeitet in einer Schule als Reinigungskraft, erzählt Natalia im Gespräch mit jW. Vor fünf Jahren sei die Familie nach Deutschland gekommen, damit die Kinder zur Schule gehen können, es einmal besser haben. Seither leben sie in Wohnheimen. Ihre Eltern können kein Deutsch, auch nicht lesen oder schreiben, erklärt Natalia. Müssen sie zu Behörden, geht sie oder ihr Bruder mit. Sie selbst besucht die sechste Klasse. Gerade plaudern sie und ihre Eltern in der Küche mit der Zimmernachbarin. Die macht Sarmale, einen Eintopf mit kleinen Kohlrouladen. Ab und zu stapft ein fröhlicher kleiner Begleiter in die Küche, der offenbar gerade laufen gelernt hat.
Es ist eine lockere, herzlich-warme Stimmung in der ansonsten kühl anmutenden Küche. Natalia erzählt, dass sie Fußballerin werden möchte, dass im Jobcenter und Sozialamt die Übersetzung durch die Kinder nicht erwünscht ist, es eine andere aber auch nicht gäbe. Und sie erzählt von einer Unterrichtseinheit speziell zu Roma. Von ihren Klassenkameraden werde sie seither »Romakönigin« genannt – was ihr schmeichelt, denn sie ist die einzige Romni in ihrer Klasse. Was sie sich wünscht? Dass ihre Eltern gesund bleiben und sie eine Wohnung finden. Einen Wohnberechtigungsschein haben sie inzwischen. Eine Garantie für eine Wohnung ist der nicht.
In den Sommerferien wollen sie ihre Verwandten in Rumänien besuchen. Ob sie hinterher wieder in der Teupe wohnen können, weiß sie nicht. Natalia sagt das gefasst, aber doch merklich besorgt. Das Modell der Notunterkunft sieht Abwesenheiten nicht vor. Auch wenn sie für so viele bereits zur Dauerunterkunft geworden ist. Die Einrichtung wie ihre Finanzierung sind auf kurzfristige Aufenthalte ausgelegt, erklärt Jan Wendt, der bis Juni die Einrichtung geleitet hat. Bezahlt wird pro Tag und Kopf. Deshalb müssen alle auch jeden Tag da sein. Kinder dürfen nicht woanders übernachten, außer im Rahmen von Klassenfahrten. Heimaturlaube müssen beim Bezirksamt beantragt werden. Was dieses in der Regel aber ablehnt, auch im Todesfall. Allein Krankenhausaufenthalte werden genehmigt – aber auch das nur für eine begrenzte Zeit. »Der häufigste Grund für Auszüge ist tatsächlich«, erklärt Wendt, »dass die Familien nach zwei, drei Jahren oder eben bei einem Todesfall sagen, sie müssen jetzt aber mal in die Heimat fahren, und dann das Zimmer aufgeben.« Wenn sie wiederkommen, müssen sie in der sozialen Wohnhilfe vorsprechen. Alles geht von vorn los.
Dann erzählt Wendt von einem Projekt, das es einmal gab: Die Erzieherin ist mit den Kindern für ein oder zwei Tage an die Ostsee gefahren, was sehr gut angenommen wurde. Denn die Familien, insbesondere die Kinder, die seit Jahren in Wohnheimen leben, kennen keine Urlaube. Wenn sie weggefahren sind, dann um auszuziehen. Wegfahren und zurückzukommen – das ist das Besondere.
Profit und Goodwill
Und was kostet das alles? Wendt rechnet nüchtern vor: »Die Tagessätze variieren von etwa 25 Euro bis 40 Euro pro Person pro Nacht. Das wird bei einer Familie schnell sehr teuer. In der Regel kann sich das keiner leisten.« Wer Einkommen hat, muss es aufwenden, um die Unterkunftskosten mitzutragen. Aber beim niedrigsten Tagessatz ist man bei einer vierköpfigen Familie im Monat bei 3.000 Euro. Da müsste man schon ein sehr gutes Einkommen haben, um das Zimmer unabhängig vom Jobcenter oder Sozialamt bezahlen zu können. »Da das die meisten nicht sind, unterstützen wir die Familien dabei, Anträge zu stellen.« Gerade bei »Menschen mit Migrationshintergrund« haben sie die Erfahrung gemacht, dass die Bewilligung auch bis zu vier oder sechs Monate dauern kann.
Dass Wohnraum günstiger ist als Obdachlosigkeit, ist seit langem bekannt. Bereits 1987 hatte der Deutsche Städtetag vorgerechnet, dass die Verhinderung von Wohnungsverlusten nicht nur den betroffenen Menschen zugute kommt, sondern zugleich für die Kommune der kostengünstigere Weg ist. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wohnungslosigkeit ist lukrativ. Eine hohe Nachfrage nach Wohnraum befeuert Mietwucher und Ausbeutung. Gleichzeitig gibt es »Sozialunternehmen, die unter dem Dach von Diakonie und ähnlichen Trägern ganze Häuser kaufen – also regulären Wohnraum dem Markt entziehen –, um daraus Obdachlosenunterkünfte zu machen, in denen Menschen dann nur zeitlich befristet wohnen können«, kritisierte etwa die Wohnungslosenstiftung Anfang des Monats. Das Interesse an knappem Wohnraum ist vielseitig.
Umgekehrt geraten Beratungsstellen, an die sich Menschen wenden können, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind, finanziell immer stärker unter Druck. Im Gegensatz zu den Notunterkünften beruhen sie nicht auf dem Ordnungsrecht und dem Recht auf Unversehrtheit. Sie sind abhängig vom Goodwill der Landesregierung. So auch bei der Gebewo. In dem Bereich, zu dem Johannssen inzwischen gewechselt ist, wurde erst kurz zuvor die Stelle einer Verwaltungskraft gestrichen.
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