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Große Angst vor Italo

Rückbau von Bahnverbindungen

Foto: Rüdiger Wölk/IMAGO
Die Wriezener Bahn ließe sich doch hervorragend quersubventionieren, wäre da nicht Italo

Privatisieren, Infrastruktur zer­stören, Verbindungen einstampfen: Der mögliche Einstieg des italienischen Bahnbetreibers Italo in das deutsche Fernverkehrsnetz löst plötzlich Panik aus, etwa von der größten Gewerkschaft im Deutsche-Bahn-Konzern, der EVG. Diese stellte in einer ­Analyse nun fest, dass der Italo-­Betrieb im Fernverkehr 16 Städte vom Intercity-Verkehr abkoppeln könnte. Das liege daran, dass die Bahn dann weniger lukrative Strecken nicht mehr »quersubventionieren« könne, wenn sie »gewinnbringende Trassen« mit Italo teilen müsse, hieß es in Bild am ­Sonntag, die über die EVG-Überlegungen berichtete. Wer von Hamburg nach Frankfurt am Main will, ist womöglich nicht betroffen. Aber vielleicht, wer von Jena nach Bamberg will.

Über »Rosinenpickerei« von Italo beschwerte sich also EVG-Chef Martin Burkert, dieser könne den Bahn-Konzern von den Hauptstrecken »verdrängen«, und das wiederum »zerlegt unseren Fernverkehr«. Dasselbe Bild bemühte auch Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter, der auch Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz ist. »Dem Fernverkehr muss auferlegt werden, dass die Regionen in der Fläche angebunden sind«, ließ er mitteilen. Ein frommer Wunsch, der bislang an der Realität zerplatzt ist – das schafft die Deutsche Bahn aber ganz ohne die Konkurrenz aus Italien.

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Denn auf weniger lukrativen Strecken kürzt sie das Angebot bereits zusammen: Etwa der IC zwischen Karlsruhe und Leipzig, wo ab Dezember nur noch zwei anstelle von aktuell fünf Zügen in beide Richtungen fahren sollen. Betroffen sind dann vor allem Städte in Thüringen. Jena, Saalfeld, Rudolstadt – kennt das irgendwer im Westen? Nö, kann weg: Wegen der geringeren Auslastung rechne es sich einfach nicht, die Züge anzubieten, so die Begründung. Italo, du verfluchter Rosinenpicker!

Mit einem gewinnorientierten Konzern, der sein Netz zurückbaut, die Preise in die Höhe treibt und Menschen in der Fläche abhängt, ist keine bessere Verkehrsanbindung zu machen. Der Gefährder Italo ist da bloß ein Pappkamerad, der vom eigenen Kahlschlag an der öffentlichen Daseinsfürsorge ablenkt. Die gelebte Betriebspraxis bei der Deutschen Bahn ist seit nun 30 Jahren dieselbe: privatisieren, Infrastruktur zerstören, Verbindungen einstampfen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.06.2026, Seite 1, Ansichten

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→ Leserbriefe
  • Rainer Perschewski, Betriebsrat / EVG-Bundesbetriebsgruppensprecher aus Berlin 15. Juni 2026 um 16:56 Uhr
    Der Kommentar in der jungen Welt kritisiert die Deutsche Bahn als profitorientierten Konzern, der Verbindungen abbaut und die Fläche vernachlässigt. Das ist nicht falsch. Doch ausgerechnet dort, wo eine marxistische Zeitung die gesellschaftlichen Ursachen freilegen sollte, bleibt die Analyse erstaunlich einseitig. Beim Lesen könnte man meinen, die Bahnführung habe die Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte allein zu verantworten. Tatsächlich gehört die Deutsche Bahn zu 100 Prozent dem Bund. Ob Bahnreform, Marktöffnung, Ausschreibungswettbewerb oder die chronische Unterfinanzierung der Infrastruktur – die entscheidenden Weichen wurden von den jeweiligen Bundesregierungen gestellt, nicht im Bahntower. Deshalb greift es zu kurz, die Warnungen der EVG vor einer möglichen »Rosinenpickerei« durch Italo einfach abzutun. Wer nur auf den profitabelsten Strecken fährt, trägt nichts zur Finanzierung weniger lukrativer Verbindungen bei. Genau darin liegt doch der Widerspruch der Marktöffnung: Einerseits beklagt der Kommentar den Rückzug aus der Fläche, andererseits nimmt er die Sorge vor zusätzlichem Wettbewerb auf den ertragreichen Strecken nicht ernst. Man muss die heutige Geschäftspolitik der DB keineswegs verteidigen, um diesen Zusammenhang zu erkennen. Was ebenfalls fehlt, ist der Blick auf die politischen Verantwortlichen. Die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner haben weder die Bahnreform beschlossen noch die Unterfinanzierung des Netzes organisiert. Wer die Probleme der Bahn verstehen will, muss sich mit der Verkehrspolitik der Bundesregierungen beschäftigen – von Kohl über Schröder bis in die Gegenwart. Eine linke Analyse sollte beides leisten: die Profitlogik im Bahnkonzern kritisieren und zugleich die politischen Entscheidungen benennen, die diese Logik hervorgebracht haben. Der Kommentar schafft leider nur die Hälfte davon. Für eine marxistische Tageszeitung ist das eine bemerkenswerte Leerstelle.
  • Reinhard Hopp aus Berlin 15. Juni 2026 um 14:58 Uhr
    Das ist eben der entscheidende Unterschied zwischen privater Bereicherung und öffentlicher Versorgung, euphemistisch »Marktwirtschaft« genannt.
  • Olaf aus derzeit in Odense/Fyn/Danmatk 15. Juni 2026 um 08:39 Uhr
    Kennt das wer im Westen? Nö. Völlig richtig. Aber im Halt. Hof, Plauen, Reichenbach, Zwickau, Chemnitz und Freiberg sowie Marktredwitz und weitere Orte bis Regensburg und möglicherweise darüber bis München sind schon länger ohne wirklichen Fernverkehr. Mit der Einstellung der IR-Linien Dresden/Leipzig - Karlsruhe/München - Oberstdorf fuhr in Bayern der ALEX, doch war dies kein Fernverkehr. Eher ein RE. Und 2006 wurden die ICs Dresden - Nürnberg eingestellt. Eine ganze Region ohne Fernverkehr.
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