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Tarifstreit im Handel

Händler ziehen rotes Tuch

Sonntagsöffnungen: Handelsverbände fordern Geschäftstätigkeit an allen Tagen. Verdi lehnt das erwartungsgemäß ab

Foto: IMAGO/Müller-Stauffenberg
Verschleiern, wer hier blockiert: Die Handelsverbände wissen, dass der freie Sonntag für Verdi nicht verhandelbar ist

Die Tarifverhandlungen im Einzel- und Großhandel stehen still. Die Gewerkschaft Verdi, die die Beschäftigten vertritt, monierte zuletzt, die Handelsverbände hätten in bis zu 35 Verhandlungsterminen und 20 Tarifgebieten allenfalls Reallohnverluste und Nullmonate in Aussicht gestellt. Auch wenn es sich im Groß- und Einzelhandel in Nuancen unterscheidet, das Fazit ist dasselbe: »Blockadehaltung«.

Am Montag sollten die Verhandlungen für den Landesbezirk Hessen weitergehen. Die Handelsverbände nahmen das zum Anlass für neue Angriffe. Über Redakteure des Springer-Boulevards holten sie das rote Tuch hervor, für alle, die in den Häusern der großen Warenschieber Dienst schieben müssen: Sonntagsöffnungen.

Man solle den Sonntag doch endlich »in das Ermessen der Kaufleute und Kunden stellen«, ließ sich Nils Busch-Petersen, Vorsitzender des Handelsverbands Berlin-Brandenburg (HBB), zitieren. Sich zu Zeiten des Internethandels für den Verkauf eines Hemdes am Sonntag strafbar zu machen, sei schließlich »von vorgestern«, meinte er. Stefan Genth, Vorsitzender des Handelsverbands Deutschland (HDE), sprach gar von einer »gewerkschaftlichen Totalverweigerung«, die »großen Schaden« anrichte. »Gerade in der jetzt schwierigen Konsumlage wären diese Sonntage besonders für unsere Textilhändler wichtig«, so seine Klage.

Es macht sich einer nicht unbedingt zur Leuchte, spricht er angesichts von zusammen 60 ergebnislosen Verhandlungsrunden in Groß- und Einzelhandel bundesweit von »gewerkschaftlicher Totalverweigerung«. Die großen Handelskonzerne machen Jahr für Jahr riesige Gewinne. Von den Pandemiejahren über die Preisexplosionen seit Beginn des Ukraine-Kriegs haben sie noch von jeder Krise mächtig profitiert. Von ahnbarem Verhalten hatte Nils Busch-Petersen also gesprochen?

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Der Hauptgeschäftsführer, dessen Verband in der letzten Gesprächsrunde gegenüber Verdi ein Angebot vorgelegt hatte, das der untersten Entgeltgruppe nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn zugestehen wollte. Soviel zu »von vorgestern«. »An den superheißen Tagen strömen die Menschen in Einkaufszentren, um ein bisschen Kühle und Schatten zu haben. Auch das wollen wir ihnen gerne immer bieten«, hatte Busch-Petersen gegenüber dem Springer-Boulevard noch erklärt. Man ist sich offenbar für keinen Kniff zu schade.

Doch der Schritt war erwartbar, schließlich hatte die Bundesregierung im Koalitionsausschuss längere Sonntagsöffnungszeiten für Bäckereien, Konditoreien und Bibliotheken angekündigt. Ab dem kommenden Jahr sollen diese gelten. Auch Silke Zimmer, Verdi-Bundesvorständin und Verantwortliche für den Handel, zeigte sich am Montag nicht überrascht. »Sonntagsöffnungen sind ein starkes Instrument im Verdrängungswettbewerb der großen Handelskonzerne: Sie führen zur Verlagerung von Umsätzen vom Land hin zu den Städten und von kleinen mittelständischen Betrieben hin zu den Handelsriesen, die Sonntagsarbeit viel leichter organisieren können«, erklärte sie auf jW-Anfrage.

In der Folge zeigten sich »immer trostlosere Innenstädte mit den immer gleichen Ketten«, so Zimmer. Essig mit der von Handelsriesen gern vorgebrachten »Belebung« der Citys. In der laufenden Tarifrunde will Verdi für die rund 5,2 Millionen Beschäftigten sieben Prozent mehr Lohn erstreiten, mindestens aber 225 Euro pro Monat mehr. Die Tarifforderung sieht einen Abschluss über zwölf Monate Laufzeit vor.

Der Einzelhandel wartete zuletzt lediglich mit einer Erhöhung um 2,4 Prozent auf, von August kommenden Jahres dann mit weiteren zwei Prozent, bei doppelt so langer Laufzeit. Die Verhandlungen sind schwierig, teilen sie sich doch im Versand- und Einzelhandel in 16 Tarifgebiete auf, im Außen- und Großhandel auf sogar 20. Während einige Verhandlungen schon im April starteten, begann Verdi in anderen Gebieten erst vor gut einem Monat mit Gesprächen. Schwer, da wirkliche Kampfkraft zu entfalten, zumal der Gewerkschaft noch ein großer Brocken im Wege liegt.

Denn 80 Prozent der Betriebe im Handel arbeiten ohne Tarifvertrag – eine riesige, wachsende Tarifwüste, die erschlossen werden müsste. Doch zunächst gilt es, für die tarifgebundenen Beschäftigten bessere Bedingungen zu erzielen. Der arbeitsfreie Sonntag ist für Verdi dabei keine Verhandlungsmasse. »Freie Zeit für alle zur gleichen Zeit ist eine soziale Errungenschaft, die wir verteidigen werden, notfalls bis vor das Bundesverfassungsgericht«, erklärte Silke Zimmer gegenüber jW. Statt den einzigen, planbar arbeitsfreien Tag der Woche zu nehmen, sollten die Handelsverbände lieber ihr Tarifangebot verbessern.

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.07.2026, Seite 5, Inland

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