Zenit der Börsenexzesse
Welch wundervolle Superlative! Space X ist mit 75 Milliarden US-Dollar der größte Börsengang der Weltgeschichte. Space X wird so mit 1,78 Billionen US-Dollar das teuerste, je frisch an der Börse notierte Unternehmen. Dem stolzen Mehrheitseigentümer dieses Wunders, ein gewisser Elon Musk, fließen mit dem Verkauf von 555,6 Millionen Space-X-Aktien so viel zusätzliche Dollars zu, dass er sich als der erste Dollarbillionär des Globus feiern lassen kann. Noch nie zuvor hat ein frisch an die Börse kommendes Unternehmen so wenig Gewinn gemacht wie Space X. Oder anders gesagt: Noch nie wurden Aktien beim Börsendebüt mit einem so hohen Verlust des betreffenden Unternehmens (von fünf Milliarden US-Dollar im vergangenen Geschäftsjahr) mit einem so hohen Preis (135 US-Dollar je Stück) verkauft. Auch die hilfsweise Betrachtung des Börsenwertes bezogen auf den Umsatz hat noch nie zuvor das 93fache wie bei Space X erreicht.
Innovativ ist auch die Preisgestaltung des Börsengangs. Der einzige Fachmann, nämlich Elon Musk selbst, entschied, dass für die Aktie 135 US-Dollar zu bezahlen seien. Dafür erhalten die »begleitenden« Banken für ihre Mühen vorab 500 Millionen US-Dollar Honorar. Keine größere US-Bank fehlt in der Reihe. Goldman Sachs ist Konsortialführer. Morgan Stanley ist Marktmacher. Die größte US-Bank J. P. Morgan, deren Chef Jamie Dimon sich zuletzt skeptisch zum sensationellen Aufwärtstrend am US-Aktienmarkt geäußert hatte, ist selbstverständlich bei der großen Verkaufsaktion dabei. Dank einer geschickten Änderung der Regeln wird Space X schon 15 Tage nach dem Börsengang in den Nasdaq-Index aufgenommen. Das hat zur Folge, dass Fondsanbieter die Aktie zur Nachbildung ihrer Index-ETF unbedingt kaufen müssen. Die Begeisterung des Publikums für die Aktien soll erheblich sein. Bis zum Donnerstag berichteten die Konsortialbanken davon, die Emission sei drei- bis vierfach überzeichnet.
Im Börsenprospekt von Space X wird haarklein festgelegt, dass für den Fall, dass die Firma eine Kolonie mit mindestens einer Million Bewohnern errichtet und Space X an der Börse einen Wert von 7,5 Billionen US-Dollar erreicht, ihr CEO (Chef) Elon Musk zusätzlich eine Milliarde mit dem zehnfachen Stimmrecht ausgestattete B-Aktien erhält. Das absolut Phantastische wird hier feinsinnig mit detailliert rechtlich klaren Vertragsvereinbarungen verknüpft. Kein Wort allerdings dazu, wie die Etablierung einer Besiedelung des Mars zu Einnahmen führen könnte. Der Plan, im Erdorbit Rechenzentren zu errichten, deren Energiebedarf von dem dort reichlich verfügbaren Sonnenlicht gedeckt werden soll, reiht Space X in den real existierenden KI-Boom ein. Schon jetzt vermietet die Musk-Firma eigene Rechenzentren für gutes Geld an »Künstliche-Intelligenz-Betreiber«. Der Aktienmarkt wird schon seit zwei Jahren vor allem von der Spekulation auf künftige Supergewinne aus KI-Anwendungen angetrieben.
Weil am verrückten Kursaufschwung im Moment fast alle Finanzfirmen profitieren, machen auch fast alle bei den verrückten Exzessen dieser Space-X-Emission mit. Wie der erste Tag an der Börse am Freitag tatsächlich gelaufen ist, stand gestern bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Gut möglich, dass er den Höhepunkt des Wahnsinns markiert.
→ Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen
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