Chinas arme Reiche
Das wichtigste Einzeldatum für die Entwicklung der internationalen Handelsungleichgewichte ist der Wert der chinesischen Währung Renminbi Yuan zum US-Dollar. Die Außenhandelsüberschüsse Chinas gegenüber dem Rest der Welt übertrafen im vergangenen Jahr zum ersten Mal die Marke von einer Billion Dollar. Dank Herrn Bidens und Herrn Trumps Importschutzmaßnahmen ist das bilaterale Defizit der USA gegenüber China von 380 Milliarden (2022) auf nur noch 202 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr zurückgegangen. Das Defizit der EU gegenüber China betrug im selben Jahr 380 Milliarden Euro. Ein weiterer Anstieg wird erwartet.
Erstaunlicherweise sind sich alle drei Seiten – die politischen Führungen Chinas, der USA und der EU – einig darin, dass die chinesische Währung gegenüber Dollar und Euro zu niedrig bewertet ist. Das macht es den chinesischen Exporteuren leicht, ihre Waren in Nordamerika und in der EU zu verkaufen. Die chinesische Regierung und die Zentralbank haben oft schon betont, dass sie eine Politik der kontrollierten Aufwertung ihrer Währung betreiben.
Tatsächlich unterschritt der US-Dollar zum Jahreswechsel 2025/2026 den Wert von sieben Yuan. Die chinesische Währung ist seitdem weiter, ziemlich kontinuierlich im Wert gestiegen, und der Dollar steht zur Zeit bei etwas unter 6,80 Yuan. Das entspricht einer Aufwertung der Währung binnen eines halben Jahres um knapp drei Prozent. Staats- und Parteiführung haben oft schon betont, dass ein höher bewerteter Yuan bei billiger werdenden Importgütern den Konsum der breiten Masse befördern könnte. Warum läuft der Prozess so langsam ab? Könnte nicht eine Freigabe des Wechselkurses, wie es die ökonomische Theorie gebietet, dank der Importerlöse ein Überangebot an Fremdwährung und damit eine schnelle Aufwertung des Yuan erzwingen?
Schon möglich. Wahrscheinlicher aber wäre wohl, dass sich ein Schwall des in China in den vergangenen Jahrzehnten akkumulierten Reichtums vor allem in Richtung USA ergießt und den Yuan steil abstürzen lässt. Der sensationelle Boom der US-Techgiganten hat nicht nur für reiche Europäer seine Attraktivität, die unverdrossen überschüssiges Kapital in die USA lenken, sondern auch für die wachsende chinesische Finanzoberschicht. Der Aktienaufschwung in den USA seit der Covid-19-Krise wurde in Europa bescheidener nachvollzogen. In China blieb er aus.
Chinesen dürfen pro Jahr 50.000 Dollar außer Landes schicken. Um diese Grenze zu umgehen, arrangieren sie gerne eine Börsennotiz ihrer Firma im Ausland, meist jedoch im halbausländischen Hongkong, und gründen zugleich eine Familienholding dort, die die ausgezahlten Dividenden legal in Empfang nehmen kann. Die Zahl der Familienholdings hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Dennoch ist dieser halbreguläre Kapitalexport aus China verglichen mit der Größe der im Land angehäuften riesigen Finanzguthaben kümmerlich geblieben.
Für die armen Reichen Chinas ist das ärgerlich, werden sie doch ungebührlich an ihrem kapitalistischen Expansionsdrang gehindert. Für China bleibt es eine vernünftige Strategie, die Kapitalverkehrskontrollen beizubehalten. Für den Rest der Welt ist es vermutlich auch von Vorteil. Ein noch viel billigerer Yuan würde die noch verbliebenen Industrien in den altkapitalistischen Ländern wegfegen.
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