Der Versicherer: Ein Nachruf auf Alan Greenspan
Vor 39 Jahren, am 19. Oktober 1987, gab es einen Crash am Aktienmarkt, der mit einem Minus von 22,6 Prozent im New Yorker Dow-Jones-Index der höchste je erreichte Tagesverlust an dieser Börse war. Der Aufwärtstrend der Aktien war damals schon mehr als fünf Jahre alt. Ronald Reagan hatte als seit 1981 amtierender Präsident der USA den Politikschwenk der herrschenden Klasse zum Neoliberalismus durchgesetzt. Die Gewerkschaften hatten in den USA (und in Großbritannien) schwere Niederlagen erlitten. Die Löhne waren gesunken, und die Profite waren explodiert. Im Wall Street Journal, dem Leib- und Magenblatt der Kapitalisten, war in der Woche vor dem Crash eine Grafik erschienen, die den Börsenverlauf der Jahre vor 1929 und den vor 1987 verglich und verblüffende Ähnlichkeiten feststellte. Als der Crash am 19. Oktober dann eintrat, war auch die Angst gegenwärtig, dass dieser »schwarze Montag« ähnliche Folgen haben könnte wie der »schwarze Freitag« im Oktober 1929, der den Beginn der großen Weltwirtschaftskrise markierte.
Präsident Reagan hatte erst zwei Monate vorher einen gewissen Alan Greenspan zum Präsidenten der US-Notenbank »Fed« ernannt. Greenspan handelte rasch. Die Fed versorgte die Wall-Street-Firmen schnell und billig mit frischem Geld und ermunterte die Banken dazu, Spekulanten freizügig Kredit zum Kauf von Wertpapieren zu geben. Sie begann unter ihrem damals neuen Vorsitzenden zum Garanten für steigende Wertpapierpreise zu werden. Der Crash von 1987 wurde so zum Geburtstag der rasanten Ausweitung des Finanzsektors, die erst in der Finanzkrise 2007 (und der folgenden Weltrezession) vorübergehend unterbrochen wurde.
Greenspan warnte 1996 zwar vor »irrational exuberance« (irrationalen Überschwang) der Marktteilnehmer, änderte aber nichts an den Regeln, die den sich selbst nährenden Kursaufschwung begünstigten. Die Internet- und Dotcom-Blase platzte im Frühjahr 2000. Gegen die resultierende Wirtschaftsschwäche setzte Greenspan noch billigeres Geld und den Abbau von Regularien ein, um die Immobilienpreise zu stützen. Im Sommer 2002 formulierte er die grundsätzliche Politik der US-Notenbank in Kurzform wie folgt: Spekulationsblasen seien unvermeidbar. Sie als solche zu erkennen, sei nicht immer einfach. Sie mit den Mitteln der Notenbank, also höheren Zinsen, zu bekämpfen, sei hochriskant. Die Folge sei möglicherweise genau die Rezession, die man als Folge des Platzens der Spekulationsblase ohnehin zu befürchten habe. Greenspan empfahl daher genau die Handlungsweise, der er und seine Kollegen gefolgt waren. Es gelte, nicht die Spekulationsexzesse zu bekämpfen, sondern die negativen Folgen für die Realwirtschaft, wenn die Spekulationsblase geplatzt sei. Die Notenbank tritt als Versicherung gegen den Crash und dessen Folgen auf. Sie verleiht der Spekulation damit Flügel.
Alan Greenspan ist am vergangenen Montag im reifen Alter von 100 Jahren gestorben. Seine Lehrsätze gelten im heiteren Finanzkapitalismus von heute unverändert weiter.
→ Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen.
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