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Pop

Ein neues Bild

Der Autor macht sich locker und findet das Album »News From Planet Zombie« von The Notwist super

Foto: Bernd Hofmann/Morr Music Distribution
Das Prinzip Neugier: The Notwist

The Notwist hatten immer meinen Respekt, wirklich begeistern konnten sie mich allerdings nie. Ich mochte Details, aber insgesamt war mir das alles zu sehr Indierock, zu schluffig schlaff, der Gesang unangenehm sentimental. Kurz: Die Acher-Brüder waren mir lieber mit ihrem instrumentalen Tied & Tickled Trio als mit The Notwist, und ich drückte mich immer davor, die Band zu rezensieren. Weil lauwarme Gefühle lauwarme Rezensionen hervorbringen können, für den Autor so langweilig wie für den Leser.

Faszinierend fand ich jedoch die Klanggestaltung der Alben. In ihr zeigte sich eine unbändige Neugier, eine Lust am Entdecken sowie eine Unlust, Dinge auf gewohnte Weise zu tun. Ein sympathisch wacher Geist. Der sich, so schien es mir, mit dem konventionellen Songformat Gewalt antat. Als wären die spielerischen Details in ein zu steifes Korsett gepresst. Dieses Bild, das ich mir in meiner Bequemlichkeit gemacht hatte, geriet ins Wanken, als mir von zuverlässiger Seite versichert wurde, dass The Notwist vor allem auch eine hervorragende, lockere und enthusiastische Liveband sind. Um mein über Jahrzehnte verfestigtes Bild mit der Realität abzugleichen, wagte ich den Deep dive in den Notwist-Output der letzten 35 Jahre. Und ich fürchte, ich muss Abbitte leisten. Vielleicht freue ich mich auch mehr darüber, als dass ich es fürchte.

Mit dem Blick auf das Gesamtwerk erschließen sich plötzlich Konstanten und Veränderungen, die mir vorher verborgen geblieben waren. Markus und Micha Acher (und wechselnde Mitstreiter) haben sich in den Jahrzehnten der Bandexistenz nie ausgeruht. Die Neugier, die ich im Umgang mit Klängen wahrgenommen hatte, spiegelt sich in einer entspannten Offenheit gegenüber Genres: Von Punk und Metal und Shoegaze (vor allem in den frühen Tagen) über Electronica, bis Folk, Jazz etc. haben sie alles untersucht und sich angeeignet. Ohne Gesang würde man viele Tracks vermutlich eher dem interessanteren Ende des Postrock zuordnen denn dem Indierock.

Auf dem neuen Album »News from Planet Zombie« ist die Band lockerer, auf jeden Fall direkter, rauher als je zuvor. Der Opener »Teeth« fängt als einfacher Folksong mit Gesang und akustischer Gitarre an, verändert seine Gestalt dann langsam durch Perkussion, Klarinette und Backgroundharmonien. Irgendwann steht man, ohne den Übergang bemerkt zu haben, in einer völlig anderen Landschaft. »X-Ray« ist im Anschluss ein unerwartet krachender Rocksong, der durch irgendwas, das verdammt nach Flöten klingt, von jedem Rockklischee befreit wird, beziehungsweise Klischees als bewusst eingesetzte Stilmittel erscheinen lässt.

Das gesamte Album strahlt eine freundliche Unbefangenheit aus, die ich der Band nie zugetraut hätte. Offenbar mussten nicht die Achers sich locker machen, sondern vor allem der Kasbohm. Auf einmal sind die sentimentalen Elemente auch gar nicht mehr sentimental, sondern auf charmante Weise romantisch. Dass ausgerechnet ein Album, das – nicht in der Struktur, aber im Sound – extrem indierockig (im Sinne von: weniger offensichtlich elektronisch) ist, mir die Augen für die von Indierock am weitesten entfernten Qualitäten der Band öffnet, ist eine Ironie, die mir gefällt.

→ The Notwist: »News From Planet Zombie« (Morr Music)

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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