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Aus: Ausgabe vom 10.02.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Nahostkonflikt

Palästina kämpft um Bildung

Israelische Armee attackiert Universitäten und Schulen in den besetzten Gebieten. Das siedlerkolonialistische Regime will die kulturelle Identität zerstören
Von Helga Baumgarten, Jerusalem
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Dem Erdboden gleichgemacht: Von der israelischen Armee zerstörte Al-Aksa-Universität in Khan Junis, 14. April 2024

Diesen Dienstag fahren die »Combatants for Peace« (Kämpfer für Frieden) aus Israel in Solidarität mit den palästinensischen Schulen nach Nablus. Die palästinensisch-israelische Graswurzelbewegung will darauf aufmerksam machen, wie desolat die Lage für die Kinder dort geworden ist: Teilweise sind die Schulen nur an drei Tagen in der Woche geöffnet. Die Lehrer werden kaum noch bezahlt, die Zugangswege sind vollständig oder teilweise versperrt. Nichts ist mehr berechenbar.

Schon vor einem Monat kamen die Kinder nach Ende der Ferien wieder zurück in ihre Schulen in den israelisch besetzten Gebieten. Mit einer Ausnahme: Christliche Privatschulen in Jerusalem blieben nach einer Intervention der Stadt geschlossen, darunter die aus Deutschland betriebene Schmidt-Schule sowie die katholische Rosary Sisters’ School, beide für Mädchen, sowie die anglikanische St. George’s School und die katholische Freres-Schule für Jungen. An ihnen werden insgesamt etwa 10.000 Kinder unterrichtet. In Solidarität mit ihnen streikten alle Privatschulen in der Stadt. In einem langen Interview mit dem Wadi Hilweh Information Center in Jerusalem prangerte der Direktor der St. George’s School das Eingreifen der Stadt in die Freiheit von Schulen und Unterricht an. Selbst die Times of Israel zitierte ihn. Aber für eine lange Woche, bis die Stadt alle Einschränkungen zurückzog, mussten Tausende Kinder zu Hause bleiben – eine enorme Herausforderung für berufstätige Eltern.

Mit scharfer Munition

Und die Zukunft ist finster. Alle Jerusalemer, die an einer palästinensischen Universität studiert haben und mit diesen Abschlüssen als Lehrer arbeiten, dürfen nach einem eben verabschiedeten Gesetz nicht mehr an Jerusalemer Schulen unterrichten. Für Absolventen des Medizinstudiums an palästinensischen Universitäten gilt das schon etwas länger: Ihre Zertifikate werden nicht mehr anerkannt, und sie können deshalb nicht mehr an den Jerusalemer Krankenhäusern, ob palästinensischen oder israelischen, arbeiten. Das Ziel ist offensichtlich: Israel will Ostjerusalem zusehends isolieren und alle Verbindungen zum palästinensischen Umland kappen – Annexion nicht mehr nur formal, sondern im Alltag und auf allen Ebenen. Wem das nicht passt, der kann gerne gehen, so die siedlerkolonialistische Position.

Die Universitäten in der Westbank, allen voran die Universität Birzeit, werden derweil regelmäßig von der Armee angegriffen. Meist sind es nächtliche Razzien, bei denen das jeweilige Armeekommando alles kurz und klein schlägt, was ihm in den Weg kommt. Erstes Ziel ist immer das kleine Gebäude des Studentenrates. Eine Eskalation war der letzte Angriff auf Birzeit am 6. Januar, am hellichten Tag. Die Studenten hatten eine Solidaritätsdemonstration mit Gaza organisiert. Anschließend sollte der Film »Die Stimme von Hind Rajab« gezeigt werden. Aber dann drang die Armee auf den Campus ein, schoss erst mit Tränengas, dann mit scharfer Munition. Neun Studenten wurden verletzt: Atemnot und Augenentzündungen sowie Schussverletzungen, zum Glück nur an den Beinen, also keine schweren, lebensgefährlichen Verletzungen.

Die Universität gab eine offizielle Erklärung heraus, in der sie den Angriff politisch einordnete: »Die militärische Invasion mitten am Tag ist Teil einer systematischen Politik des zionistischen siedlerkolonialistischen Regimes, mit der Studenten eingeschüchtert und ihr Recht auf Bildung untergraben werden soll. Der zionistische Staat kriminalisiert das palästinensische Erziehungs- und Bildungssystem. Er tut dies in klarer Verletzung internationaler Normen und Konventionen. Birzeit ruft internationale Menschenrechtsorganisationen auf, Druck gegen Israel aufzubauen, um die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Wir in Birzeit betonen, dass Erziehung und Bildung Teil des antikolonialen Widerstandes sind. Wir werden darauf bestehen, dass unsere Universität ein freier Ort für Wissen und die Freiheit, Bildung zu erwerben, bleibt, trotz aller Versuche der Unterdrückung und der damit verbundenen Aggression.«

Die Universität blickt auf eine lange Geschichte der Unterdrückung zurück, seit sie 1975 gegründet wurde. Während der Ersten Intifada ab Dezember 1987 war sie wie alle Universitäten für Jahre geschlossen. Die Entwicklung des Internets hat heute Onlineunterricht ermöglicht. Inzwischen schaltet die Universität automatisch auf online um, wenn die Armee die Zugangswege nach Birzeit sperrt. Das passiert leider regelmäßig. Wenn Studenten und Professoren morgens die Universität erreichen können, heißt das nicht, dass sie am Ende des Tages wieder problemlos nach Hause kommen. Denn die Mobilität in den besetzten Gebieten wird systematisch eingeschränkt. Die Menschen reagieren darauf mit einem Informationssystem auf ihren Mobiltelefonen, auf Telegram. Dort kann man erfahren, welche Armeesperre gerade offen ist, wo es lange Schlangen gibt und wo man überhaupt nicht durchkommt. Kein Ort in der Westbank ist inzwischen ohne die berüchtigten militärischen Absperrungen mit gelben Schranken. Wer versucht, diese zu umfahren, den erschießt die Armee gnadenlos. Und die Lage spitzt sich seit Monaten von Tag zu Tag weiter zu.

Folter und Mord

Trotzdem ist die Westbank mit Ostjerusalem »relativ« privilegiert im Vergleich zu Gaza. Seit Beginn des Völkermordes im Oktober 2023 sind Schulen und Universitäten weitgehend zerstört, sie wurden aus der Luft bombardiert oder mit gezielt angebrachtem Dynamit gesprengt. Zehntausende von Kindern, Schulkindern, Studenten, Lehrern und Universitätsprofessoren sind ermordet worden. Unter den 200 ermordeten Akademikern sind Universitätspräsidenten wie Sufijan Taja von der Islamischen Universität, ein international renommierter Physiker, und sein Vorgänger Mohammed Schbair, zahllose Akademiker mit internationalem Ruf sowie schließlich Adnan Al-Bursch, Chirurg und Professor der Medizin, der am 19. April 2024 durch Folter in israelischer Haft starb. Selbst weltbekannte Literaten wie Refaat Alareer, Professor für englische Literatur, blieben nicht verschont.

Die israelischen Absichten sind dieselben wie in der Westbank: Israel führt einen Krieg gegen die kulturelle Identität der Palästinenser und versucht, deren »menschliches Kapital« zu zerstören, also »alle, die unser Wissen repräsentieren und unsere Führung sind«, so die offiziellen Stellungnahmen aus Gaza. Aber die Menschen in Gaza, Lehrer, Schüler, Akademiker und Studenten, geben nicht klein bei. Sie bestehen auf ihre Rechte und stellen sich den Herausforderungen in fast übermenschlichen Anstrengungen. Noch mitten im Völkermord und vor dem Waffenstillstand im Oktober – der alles ist, nur kein Waffenstillstand, denn die Angriffe gehen weiter, nur auf kleinerer Flamme, wenn man so formulieren darf –, also noch im Sommer 2025, machten Jugendliche ihr Abitur auf dem Mobiltelefon. Studenten schlossen ihr Studium ebenfalls per Mobiltelefon ab. Viele versuchen seitdem, im Ausland weitere akademische Abschlüsse zu erwerben. Große Hilfe kommt aus Irland, das viele Stipendien an Palästinenser aus Gaza vergibt. Deutschland glänzt durch Ablehnung. Sind nicht alle Menschen aus Gaza, jung oder alt, Professorinnen oder Professoren, Terroristen? Schließlich predigt dies die israelische Propaganda, die als faktische Information übernommen wird.

Die Islamische Universität hat inzwischen einige Stockwerke eines einigermaßen erhaltenen Universitätsgebäudes notdürftig repariert, um Präsenzlehre möglich zu machen. Und am 3. Januar hat ein ganzer Jahrgang – das waren insgesamt 230 junge Menschen – von Medizinstudenten der beiden größten Universitäten in Gaza, Al-Azhar und Islamische Universität, sein Studium abgeschlossen. Wahrscheinlich gibt es nirgendwo in der Welt junge Mediziner mit soviel praktischer Erfahrung unter den extremsten Bedingungen – für Außenstehende kaum nachvollziehbar.

Der Völkermord in Gaza geht weiter, in der Westbank zeichnet sich ein schleichender Völkermord ab. Die internationale Solidaritätsbewegung ist aktiv, aber nicht stark genug, um effektiven Druck auf Israel und dessen engste Verbündete USA und Deutschland auszuüben. Das lässt den Palästinensern vor Ort nur einen Weg: unbeirrt auf ihrem Recht auf Erziehung und Bildung, auf Selbstbestimmung, auf Freiheit und auf ein Leben in Würde und in Frieden zu bestehen. Vor allem auf ein Leben ohne Völkermord, »ethnische Säuberung« und gewaltsame Vertreibung.

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