Gemeinderat
Aus der Provinz
Ich hatte im Amtsblatt gelesen, dass am Mittwoch um 19 Uhr eine öffentliche Gemeinderatssitzung abgehalten werde, und so ging ich los, weil mich das ja sehr stark interessierte, mich interessieren die Vorgänge in einem solchen Gremium außerordentlich, weshalb ich also die Bahnhofstraße entlang- und hinüber zum Rathaus ging, und ich fand aber um fünf vor sieben Uhr lediglich ein vollständig verrammeltes und geschlossenes Rathaus vor, und kein Rütteln an den vielzähligen und sehr teuren Türen und kein Sich-bemerkbar-machen-Wollen mit Hilfe der zahllosen und sehr guten Klingeln half, und ich schloss daraus, dass das Interesse an öffentlichen Sitzungen des Gemeinderats das allgemein allergeringste ist, weshalb man diese Sitzung einfach abgesagt und gestrichen haben musste, ohne einen Hinweiszettel an einer der sehr gelungenen Türen für nötig gehalten und angebracht zu haben, vielleicht war ich durch das Amtsblatt auch in die Irre geführt, gewissermaßen auf einen falschen Pfad geleitet worden, absichtsvoll, um einen Bericht von mir über diese öffentliche Sitzung des Gemeinderats, die überhaupt nicht stattfinden würde, zu verhindern, alles lag still da, kein Amtsträger, kein Volksvertreter ließ sich blicken, ich pirschte zwei- oder sogar dreimal um das ganz und gar verwaiste und im Grunde sehr gute Rathaus herum und entdeckte auf diese Weise wortwörtlich und buchstäblich nichts, die Verwaisung des politischen Lebens in diesem Ort war ganz offensichtlich eine abgeschlossene, eine fugendichte, und wahrscheinlich hatte mich, den erstklassigen Chronisten der vollends banalen und dummen Vorgänge in diesem in seiner Tiefe durchaus total sinnlosen Ort, das politische Personal durch seine Abwesenheit abwehren wollen, so, als habe man mich in einen Roman über den Wahnsinn hineingestopft, um mir jeden Kontakt zur Wirklichkeit abzugewöhnen, ich rätselte also jedenfalls ein bisschen herum und setzte mich mit einer Selbstgedrehten auf die sehr schönen Portalstufen und schaute die alte Kastanie gegenüber an, und während ich dort saß, kam eine Dame in Hotpants und mit einem Hündchen die Straße hinunter, und nachdem ich kurz darauf aufgestanden war und immerhin ins Seven Bistro ging, durchs Rottler Gässchen wohlgemerkt, schloss ich notgedrungen rasch zu der Hotpantsfrau auf, und die Hotpantsfrau machte stante pede kehrt und flüchtete also vor mir, zurück Richtung Rathaus, weil sie in mir offenbar einen Barbaren vermutete, der sie augenblicklich ins Gebüsch zerren und ihr die Hotpants herunterreißen würde usw., so ist diese Gesellschaft beschaffen oder verfasst, alles geschieht nur noch in einer Art kubistischer Phantasie, alles ist zerteilt, verkeilt, verschroben und verschoben, so dass, wie ich in diesem Moment dachte, dies alles insgesamt eine und vor allem meine vollständige, meine totale Niederlage war, meine zwangläufigste Erledigung in einem geradezu nichts bedeutenden Nichts, im lautlosen Strudel der Nichtvorkommnisse, genaugenommen eine sanfte Vernichtung der sozusagen Unmaßgeblichkeit, und im Seven Bistro keulte ich in größtmöglicher Geschwindigkeit zwei kalte Gutmann, um diese Welt aus meinem Kopf zu werfen und mich nicht darüber zu grämen, keinen Gemeinderatssatz vernommen haben zu können wie jenen, den mir mein Vater 2003 aus dem Gremium übermittelt und welcher gelautet hatte: »Die Tatsache, dass ein vorhandener Kanal schon da ist, ist richtig.«
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