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WM-Kolumne

Am Nullpunkt der Literatur

Gras

Foto: IMAGO/Photo News
Seine Zeit war nie gekommen: Kevin De Bruyne, Sieger der Herzen

Selbst mich, den fürwahr gestählten Medieninspekteur, kann man überraschen. Ausgerechnet das Springer-Fernsehen überzeugt mich – nicht aufgrund der Moderatoren von Welt-TV, deren sprachlicher Code um den Nullpunkt herumschlingert (»Messi hat allen ein Besseres gelehrt«), sondern wegen des exzellenten, charmanten Sportkorrespondenten Christian Beilfuß und der Experten.

Dem besonnenen, mit einer Eins-a-Stimme gesegneten Thomas Helmer (den, nebenbei, mein enger Freund Günther Koch verachtet, ich erwähne das Phantomtor von 1994) kann man am Antlitz ablesen, was er denkt: »Bescheuerte Frage. Hat jeder gesehen. Was soll ich dazu sagen?« Und er stuft den DFB als institutionalisierte »Katastrophe« ein: »Jetzt haben wir diesen Mist.«

Und: Jens Lehmann.

Nach der antikischen Niederlage der Belgier gegen Spanien war ich zum ersten Mal seit Äonen aus Fußballereignisgründen einige Minuten traurig. Ich mag Belgien so sehr. Ich kenne kein besseres Völklein auf unserer gebeutelten Erde. Höchstens die Portugiesen sind den Dany Boons einigermaßen auf den Fersen.

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Das lässt sich überhöhen, ich befleißige mich dessen gerade. Oder man wirft die Klimaanlage an, gleich Jens Lehmann. Eine Studiodame fragte ihn, wie spannend das Match gewesen sei. Lehmann zuckte mit den Schultern und breitete die Arme aus, zögerlich: »Ich weiß gar nich’. Ich bin beinahe auch mal zwischendurch eingeschlafen.« Worin gründe das ontologische Scheitern der Red Devils? »Kann ich nich’ sagen. Keine Ahnung. Irgendwas klappt nich’. Und warum das so is’? Ich kenn’die belgische Mentalität zu wenig. Weiß ich nich’. Unerklärlich.«

Lehmann grinst zart süffisant. Er pflegt einen ungetrübten Blick auf die Realität. »Wenn die Abwehr gut is’, kommt man weiter.« – »Das wird man sehen.« – »Das erste Tor ist immer das wichtigste.« (Herberger revisited.) »Gesetzt is’ ja nichts.« Der Schweizer an und für sich schaffe nie den Sprung an die Spitze. »Es ist auch immer ein bisschen das Niveau des Leidens, was am Ende auch den Erfolg definiert.«

Jens Lehmann spielt die Leere im platten Fußballimbus, indem er sie ausleuchtet und dadurch in eine neue, eine schopenhauerische Leere hineinschubst. Er hat auf nichts Bock. Er ist ein Punker. Vor dem Turnierbeginn statuierte Lehmann: »Fußball ist interessant. Beim Fußball gibt’s immer ’nen Wettbewerb, da muss man sich anstrengen.« Und kurz darauf: »Wir sind hier im Fernsehen, wir dürfen alles vermischen.«

Man schustere ihm eine Professur für Medienwissenschaft zu.

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.07.2026, Seite 16, Sport

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