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WM-Kolumne

Schnäppchen

Gras

Foto: Sven Simon/imago
Um nichts lässt sich schöner schnacken, als wenn in Madrid ein Tor umfällt (1.4.1998)

Leser S., den ich unbekannterweise grüße, schreibt – mir notabene entschieden zugeneigt –, er benötige bei meinem Tinnef »ständig ein Fremdwörterbuch, einen Englischübersetzer und ein Nachschlagewerk über Philosophie und Literaturwissenschaft«.

Ich verstehe ihn, da könnt’ ma’ grantig werden. Der Verdacht, es obwalte meinerseits ein nicht unerhebliches Maß an Bildungsdünkel, ist eventuell schwer von der Hand zu weisen. Ich möchte allerdings versichern, dass mir nichts ferner liegt.

Richtig: Warum benutze ich zum Beispiel das Verb »molestieren« statt des Tuworts »belästigen«? Weil »molestieren«, dem Gegenstand angemessen, gemeiner klingt und zugleich eine sprachgeschichtliche Schicht freilegt. Das Deutsche ist ein Schwamm, der lateinische und französische Lexeme aufgesogen hat. Es artikuliert sich in der Verwendung altmodischer Buchstabenformationen eine Wertschätzung der paneuropäischen Kulturgenese.

Der Krempel aus den Fächern Philosophie und Literaturwissenschaft hat einen Sitz in meinem Schädel, tut mir leid. Und die englischen Einsprengsel mögen als parodistische Reaktionen auf den zumal telemedial beförderten kulturellen Verfall interpretiert werden. Angloamerikanische Songtexte indes sollte man nicht verdeutschen.

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Die Idiosynkrasie des freundlichen Herrn S. verspüre ich, wenn Jürgen Klinsmann in der dreiteiligen Dokumentation »Mission Sommermärchen« (ZDF 2026) hinausposaunt: »Du bist innerlich richtig aufgeschäumt«; wenn die interstellare Merkel den Fußball zum Regierungsvorhaben erkiest; wenn man den blasierten Einpeitscher aus dem Südwesten rührselig zu einem empathischen Gutdeutschen hochjuckelt (»Echt – Christian Streich«, ZDF 2026); wenn ich in »Kapitän Kimmich« (ZDF 2026) drei Minuten lang dabei zusehen soll, wie jemand einkauft; wenn mich Ingo Zamperoni in »Spielfeld der Macht – Die WM in Trumps Amerika« (ARD 2026) gereizt angähnt.

»Rudi Völler – Eine deutsche Fußball-Legende« (ZDF 2026), der Film über den hilfsbereiten »Gassebub« aus dem kleinbürgerlichen Hanau, über dieses »Schlitzohr« (Klaus Augenthaler) und »schützenswerte Kulturgut« (Marcel Reif), der haut hin. Ebensosehr passt die eine oder andere halbcineastische Erkundung zu denkwürdigen Fußballturnieren.

Und was hat Tom »Hörbare Euphorie der Kulisse« Bartels (ARD) aus dem Regeninterruptionsmatch Frankreich – Irak herausgeholt? Er hat es »ins Nichts gespielt« (Bartels), verschenkt, vergeudet. Es wäre eine Okkasion gewesen wie am 1. April 1998, als Günther Jauch und Marcel Reif eine halbe Ewigkeit über ein in Madrid umgefallenes Tor schwadronierten.

Nun, ich wähne, »dass wir es für aufgeklärt genug halten« (Bartels).

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.07.2026, Seite 16, Sport

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