Zum Inhalt der Seite

Böses Blut in Wien

Foto: Michael Kappeler/dpa

Um 16 Uhr MESZ begann am Mittwoch in der UN-Generalversammlung die Wahl von neuen nichtständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats für die Jahre 2027 und 2028. Um die beiden Sitze für Westeuropa bewarben sich Portugal (seit 2013), Österreich (seit 2011) und Deutschland (seit 2020). Erforderlich für die Wahl ist eine Zweidrittelmehrheit, die aktuell bei 128 Stimmen liegt. Das Ergebnis stand erst nach jW-Redaktionsschluss fest. Da Portugal auf breite Unterstützung aus Lateinamerika und Afrika setzen konnte, war eine Kampfabstimmung zwischen Wien und Berlin zu erwarten. Mediale Aufmerksamkeit fand das Duell international vor allem in Österreich.

Das Boulevardblatt Kronenzeitung veröffentlichte online einen Kommentar unter dem Titel »Neues ›Wunder von Córdoba‹?«: »Seit dem Fußballsieg über Deutschland bei der WM in Argentinien 1978 (›I werd narrisch‹) teilt Österreich seine Zeitrechnung zum Nachbarn in vor und nach Córdoba. Ein Hauch dieser Erinnerung liegt heute über der UNO-Abstimmung für die zehn zweijährigen Sitze (ohne Vetorecht) im UNO-Sicherheitsrat. Beide Staaten rittern in einer Kampfabstimmung um den Sieg.« Deutschland als einer der größten Geldgeber der UNO poche »auf sein angebliches Gewohnheitsrecht, alle acht Jahre Mitglied des Sicherheitsrates zu sein. Österreich pocht auf seine Nichtmitgliedschaft in einem Militärbündnis (im Gegensatz zu Deutschland). Die UNO-Generalversammlung sieht sich vor einem Dilemma: zwei deutschsprachige Nachbarstaaten, und beide stehen hinter Israel.«

Anzeige

Der Wiener Kurier hielt fest: »Deutschlands Kandidatur sorgt in Wien bis heute für böses Blut.« Und zeigte sich dann devot: »Dass sich die Deutschen entschieden, 2020 nachzuziehen und in einen Wettstreit mit Verbündeten zu gehen, war sicher kein kollegialer Akt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Deutschland zu Recht einen völlig anderen globalen Anspruch stellt. Es ist nicht mehr nur das bevölkerungsreichste Land der EU, sondern wahrscheinlich bald auch deren militärische Führungsnation. Dass Deutschland im Sicherheitsrat sitzt, wäre also unter Umständen in Österreichs Interesse. Umso ärgerlicher, dass man nun gegeneinander antritt.«

Der Standard sah’s pragmatisch: »Aus rein egozentrischer Sicht hat sich die Bewerbung schon gelohnt. Man kämpft diplomatisch mindestens kurzfristig wieder ein paar Gewichtsklassen höher. Zum Schaden Österreichs war das garantiert nicht. Zu inflationär hob man seit Jahren seine vermeintliche Brückenbauerrolle hervor. Im Sicherheitsrat hat man dazu tatsächlich die Möglichkeit.« (as)

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 04.06.2026, Seite 2, Ansichten

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!