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Kampagne »Stop Nakba Now«

Warum ist der Hafen ein zentraler Knotenpunkt?

Das »Stop Nakba Now«-Camp findet in Hamburg statt, weil von dort Munition verschifft wird, sagt Nikodem Kaddoura

Foto: Marcus Golejewski/dpa
»Schiffe der Schande«: Demonstranten fordern ein Ende der Waffenlieferungen nach Israel und Freiheit für Palästina (Hamburg, 20.9.2025)

Vom 9. bis 16. Mai findet in Hamburg das »Bridges of Resistance«-Camp statt. Am 16. Mai soll es schließlich auch eine Demonstration geben. Was ist in diesem Rahmen geplant?

Auf der Moorweide in Hamburgs Zentrum organisieren wir rund um den Nakba-Gedenktag eine bundesweite Aktionswoche unter dem Kampagnen­motto »Stop Nakba Now«, um deutsche Komplizenschaft im Genozid in Gaza sichtbar zu machen und ihr organisiert entgegenzutreten. Gleichzeitig verbinden wir diesen mit anderen sozialen und internationalen Kämpfen unter dem Konzept »Bridges of ­Resistance«.

Diese »Brücken des Widerstands« sollen mehrere Themen verbinden. Welchen Effekt erhoffen Sie sich davon?

Um Veränderung zu erzwingen, müssen wir das System verstehen, das sie verhindert, und lernen, es zu durchbrechen. Wenn junge Menschen in Kriege gedrängt werden, wenn indigene Völker vertrieben und ermordet werden, wenn Umwelt zerstört wird, wenn Schulen und Krankenhäuser kaputtgespart werden, dann zeigt sich dahinter ein und derselbe Kern all dieser Krisen: ein Kapitalismus, der Profite über menschliche Bedürfnisse stellt und Ausbeutung zur Grundlage macht. So ist auch der Kampf für ein freies Palästina mit all diesen Kämpfen verbunden.

Gibt es einen besonderen Grund, warum das Camp in Hamburg stattfindet?

Wir waren in den vergangenen Jahren bundesweit auf den Straßen. Trotzdem nimmt die Gewalt kein Ende. Als Bewegung stehen wir vor der Frage, wie es weitergeht. Wir müssen den Schritt von der bloßen Empörung hin zur Strategie gehen: Deutsche Komplizenschaft nicht nur benennen, sondern ihr konkret entgegentreten. Die BRD ist dabei nicht nur politisch involviert, sondern materiell (am Genozid in Gaza, jW) beteiligt. Unternehmen profitieren vom Leid der Palästinenser. Der Hamburger Hafen ist dabei ein zentraler Knotenpunkt. In den vergangenen drei Jahren wurden mindestens 17.000 Kisten Munition von Hamburg nach Israel verschifft. Die Frage darf also nicht mehr sein, ob Deutschland beteiligt ist, sondern ob wir bereit sind, die Infrastruktur zu konfrontieren, die diese Verbrechen stützt. International gibt es Beispiele, die zeigen, was möglich ist. In Piräus blockierten Hafenarbeiter einen Munitionscontainer auf dem Weg nach Israel, in Genua gab es wiederholt Versuche, Waffenlieferungen zu stoppen. Da müssen wir hin.

Von welchen Gruppen wird das Camp getragen?

Die Kampagne wurde von »­Eye4Palestine«, »Thawra Hamburg« (migrantische Selbstorganisation, jW) und der BAG Palästina-Solidarität (in der Linkspartei, jW) initiiert. Bundesweit arbeiten wir mit weiteren palästinasolidarischen Gruppen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen.

Für diejenigen, die es nicht wissen: Was passierte während der ursprünglichen Nakba?

Die Nakba bezeichnet die gewaltsame Vertreibung und Enteignung von über 750.000 Palästinensern im Zuge der Staatsgründung Israels 1948. Über 500 Dörfer wurden dabei zerstört. Tausende Menschen wurden getötet. Sie war keine bloße Fluchtbewegung, sondern Teil einer systematischen Vertreibung im Kontext zionistischer Siedlungspolitik. Bis heute leben Millionen Palästinenser im Exil, in Zeltlagern oder unter Besatzung als Fremde im eigenen Land, während ihnen das Rückkehrrecht verweigert wird. Die Nakba ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern fortlaufend.

Sehen Sie in dem Völkermord an den Palästinensern eine Fortsetzung der Nakba oder eher eine Zuspitzung der Gewaltherrschaft?

Es ist eine Fortsetzung der Nakba und ihre bislang brutalste Zuspitzung. Was wir heute in Gaza sehen, begann nicht am 7. Oktober 2023, sondern ist Teil einer langen Geschichte von Siedlerkolonialismus, Vertreibung, Besatzung, Blockade, Apartheid und militärischer Gewalt.

Gibt es eine positive Perspektive?

Ja, aber sie ergibt sich nicht aus den Institutionen, die diese Gewalt mitgetragen haben. Sie entspringt den Menschen, die sich weltweit organisieren: den Schülern, die streiken. Den Arbeitern, die Waffenlieferungen blockieren. Sie zeigt sich in allen, die sich weigern, still zu bleiben. Diese Perspektive ist keine passive Hoffnung, sondern aktives Handeln. Sie bedeutet, dass aus Trauer Widerstand wird, aus Solidarität Strategie und aus einzelnen Kämpfen gemeinsame Gegenmacht.

Nikodem Kaddoura ist Sprecher der Kampagne »StopNakba Now«

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.05.2026, Seite 3, Inland

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