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Aus: Ausgabe vom 07.01.2026, Seite 3 / Ausland
Fluchtrouten

Wie hat sich die Migration nach Spanien entwickelt?

Immer weniger Geflüchtete kommen über die Kanaren, immer mehr über die Balearen, erklärt Mauricio Valiente
Interview: Carmela Negrete
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Empfang für Migranten am Hafen von Palma auf der spanischen Baleareninsel Mallorca (23.12.2025)

Laut dem Jahresbericht von CEAR, der spanischen Kommission für die Flüchtlingshilfe, sind Einreisen von Geflüchteten über die Kanaren zurückgegangen, während die Zahl der Ankünfte auf den Balearen gestiegen ist. Wie kommt das?

Die Ankunftszahlen in Spanien sind insgesamt rückläufig, aber es gibt sozusagen eine Neuordnung der Fluchtrouten. Während die Ankünfte auf den Kanaren, die immer die zahlreichsten waren, um bis zu 60 Prozent gesunken sind, ist die Zahl der Menschen, die über die Balearen nach Europa kommen, um rund 25 Prozent gestiegen. Der Rückgang auf den Kanaren ist eine Folge von Abkommen der spanischen Regierung mit Mauretanien und Senegal sowie verstärkter Abfangmaßnahmen auf See.

Das haben wir im Laufe der Geschichte immer wieder gesehen: Migrationsbewegungen verlagern sich entsprechend eingeführter Maßnahmen. Als der Weg über Ceuta und Melilla geschlossen wurde, öffnete sich die Route über Marokko. Als diese geschlossen wurde, verlagerte sich die Migration weiter nach Süden. Aktuell wird die Route, die den Norden Algeriens mit den Balearen verbindet, am häufigsten genutzt.

Das Abkommen mit Mauretanien steht im Kontext des reaktionären EU-Pakts für Migration und Asyl. Die spanische Regierung will sich hingegen als progressiv verstanden wissen. Lässt sich Spanien von der EU drängen?

Beim Migrationsmanagement innerhalb Spaniens gibt es einen Mechanismus zur dauerhaften Regulierung. Dieser wurde vergangenes Jahr flexibilisiert, was eine sehr positive Wirkung hatte. Was jedoch die Kontrolle der Außengrenzen betrifft, gibt es eine klare Angleichung an das, was die EU vorantreibt. In diesem Sinne haben wir kritisiert, dass mit Mauretanien eine Art Auslagerung der Grenzkontrollen vereinbart wurde, ohne gleichzeitig sichere und legale Wege für Menschen zu schaffen, die verfolgt werden und einen Antrag auf Schutz bei den spanischen Behörden stellen wollen.

Es kommen also weniger Menschen an, aber gleichzeitig gibt es weltweit wieder mehr Konflikte und entsprechend mehr Geflüchtete. Was passiert mit denen?

Die Tendenz ist nicht neu, sondern hat sich global verfestigt: Die Mehrheit der Geflüchteten bleibt in den Nachbarländern. Sie kommen nicht in die EU oder in die USA. Die Länder mit den höchsten Flüchtlingszahlen sind Tansania, Ägypten oder derzeit auch der Tschad. Menschen fliehen zum Beispiel aus dem Sudan. Hinzu kommen der Iran mit Geflüchteten aus Afghanistan oder Pakistan sowie Pakistan mit Menschen aus Afghanistan. Rund 85 Prozent der Geflüchteten leben in Nachbarländern – Länder, die selbst große soziale und wirtschaftliche Probleme bei der Versorgung ihrer Bevölkerung haben. Diese Realität sehen wir in Afrika, Asien und auch in Lateinamerika.

In Deutschland scheint es mehr Hass auf Migranten zu geben als in Spanien. Stimmt das?

Zunächst muss man klarstellen, dass Spanien keine Ausnahme dessen ist, was in Europa passiert. Es stimmt, dass die Migrationspolitik der aktuellen Regierung in einigen Aspekten weniger stark von der extremen Rechten beeinflusst ist. Aber in vielen autonomen Gemeinschaften, in denen extrem rechte Parteien an der Macht beteiligt sind, machen sich diese Diskurse und Politiken bereits deutlich bemerkbar.

Am 20. November 2025 jährte sich das Ende der Diktatur in Spanien zum 50. Mal. Wie hat sich die Flüchtlingspolitik während des Franco-Regimes und danach entwickelt?

Im Grunde gab es damals keine Flüchtlingspolitik. Viele Spanierinnen und Spanier lebten selbst im Exil. CEAR wurde in den 1970er-Jahren von Menschen gegründet, die aus dem Exil zurückgekehrt waren. Viele Jahre lang war Spanien ein Land mit sehr wenigen Geflüchteten. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern waren die Einreisen verschwindend gering. Bis 2000 überstieg die Zahl der Einwanderer nicht die Zahl der im Ausland lebenden Spanier. Erst ab 2015, mit dem Krieg in Syrien, begann Spanien, ein Flüchtlingsvolumen zu erreichen, das mit dem anderer EU-Länder vergleichbar ist. Heute gehört Spanien zusammen mit Deutschland und Frankreich zu den drei wichtigsten Aufnahmeländern in der EU.

Mauricio Valiente ist Vorsitzender der spanischen Kommission für die Flüchtlingshilfe (CEAR)

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