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Aus: Ausgabe vom 11.07.2024, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf

Eskalation bei Samsung

Erster Streik in der Geschichte des südkoreanischen Elektronikkonzerns soll unbefristet fortgesetzt werden. Gegenseite zeigt keine Verhandlungsbereitschaft
Von Martin Weiser, Seongnam
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An den ersten zwei Streiktagen wuchs die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder von 30.000 auf 31.500 (Montag in Hwaseong)

Die Eskalation kam überraschend. Der erste Streik in der Geschichte des südkoreanischen Konzerns Samsung Electronics werde auf unbegrenzte Zeit fortgesetzt, erklärte am Dienstag die Gewerkschaft National Samsung Electronics Union (NSEU). Es war der zweite von drei angekündigten Streiktagen in dem Werk in Hwaseong, anderthalb Autostunden von der Hauptstadt Seoul entfernt. Weil die Konzernführung weiterhin keinerlei Zugeständnisse machen wollte, erklärte die NSEU, ohne Pause in den Erzwingungsstreik zu gehen.

Bis dahin hatte die Gewerkschaft die Produktion in dieser Woche erklärtermaßen nicht mehr behindern wollen. Der nächste Streik sollte eine Arbeitswoche umfassen, von Montag bis Freitag. Offenbar wollte die NSEU ihre Mitglieder und die Öffentlichkeit nicht zu sehr verschrecken. Bruttoinlandsprodukt und Aktienmarkt Südkoreas hängen zum großen Teil am Tropf des Mischkonzerns, der neben Mobiltelefonen vor allem Halbleiter produziert. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass die NSEU im Juni erst mal nur zu einem »Urlaubsstreik« an einem Tag aufrief, an dem alle Mitglieder bezahlten Urlaub nehmen sollten.

Die nun erfolgte Entfristung des ersten wirklichen Streiks in der 55jährigen Unternehmensgeschichte geht auf die Sturheit der Chefetage zurück. Verhandlungsbereitschaft wurde nicht einmal vorgetäuscht, sondern den Streikenden nur die kalte Schulter gezeigt. Und das, obwohl die Gewerkschaft im vorauseilenden Gehorsam ihre Forderungen abgeschwächt hat. Statt 6,5 Prozent mehr Lohn fordert sie nur noch ein Plus von 5,6 Prozent. Auch die Forderung nach einem zusätzlichen Urlaubstag wurde fallengelassen. Statt dessen sollten die NSEU-Mitglieder am Gründungstag ihrer Gewerkschaft Urlaub nehmen dürfen. Die Zugeständnisse führten zu keinem Einlenken.

Vieles spricht dafür, dass eine bestimmte Forderung die Konzernleitung in helle Panik versetzt. Die Gewerkschaft will eine transparentere und gerechtere Gewinnbeteiligung der Arbeiter. Das würde die Margen zuverlässig schmälern. Man muss wissen: Vor allem in der Chipproduktion erhalten die Arbeiter normalerweise üppige Bonuszahlungen. Im vergangenen Jahr wurden diese aber wegen »geringer« Gewinne von nur fünf Milliarden US-Dollar komplett gestrichen. 2022 hatte der Gewinn noch bei 35 Milliarden Dollar gelegen. Und gerade hat Samsung die Gewinnerwartung für das zweite Quartal veröffentlicht: Sie beträgt das 15fache des Werts aus dem Vorjahreszeitraum. Die Preise für Halbleiter sind auf dem Weltmark auch wegen der Nachfrage nach Produkten für künstliche Intelligenz zuletzt wieder deutlich gestiegen.

In den konservativen Medien Südkoreas wird in diesen Tagen viel Stimmung gegen den Streik gemacht. In einem Leitartikel der Joongang Ilbo, einer der drei großen Zeitungen des Landes, wurde behauptet, mit dem Ausstand würden Steuergelder verbrannt. Schließlich seien dem Konzern gerade fünf Milliarden Dollar Steuern erlassen worden. Nun wolle sich die Gewerkschaft bereichern. Im übrigen hätten Samsung-Mitarbeiter mit ihrem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 100.000 Dollar keine weiteren Ansprüche zu stellen.

Auf die großen Gehaltsunterschiede innerhalb des Konzerns ging die Zeitung nicht weiter ein, behauptete aber, ein Streik bei Samsung könne das ganze Land in eine Rezession stürzen. Samsung Electronics sei zu groß und wichtig, um bestreikt zu werden. Die Produktion sei auch einfach zu sensibel für Arbeitskämpfe. Die Maschinen zur Chipherstellung müssten rund um die Uhr laufen. Schon wenige Sekunden Stromausfall könnten die Produktion für Tage lahmlegen. Die Breitseite von dieser Zeitung kam nicht überraschend. Bis 1999 gehörte sie Samsung, heute wird sie vom Schwager des Unternehmensgründers kontrolliert.

Einen Kurzstreik auszurufen und überraschend zu verlängern, ist angesichts solchen Gegenwinds keine schlechte Taktik. Samsung behauptet gerne, der Streik würde die Produktion überhaupt nicht beeinträchtigen, aber das ist wohl Wunschdenken und PR.

Die Arbeiter bei Samsung Electronics treten derweil in Scharen der Gewerkschaft bei. Zu Beginn des Streiks am Montag wurde die Marke von 30.000 Mitgliedern durchbrochen, zwei Tage später lag man bereits bei 31.500 Mitgliedern. Samsung Electronics hat etwa 125.000 Beschäftigte. Mit solchen Zuwachsraten braucht die Gewerkschaft nicht mehr lange, um die Produktion lahmzulegen.

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