Massenstreik bei Samsung
Von Martin Weiser, Seoul
Es ist schon jetzt der größte Arbeitskampf der Firmengeschichte: Ganze 40.000 Arbeiter des Chipherstellers Samsung Electronics traten am Donnerstag am Unternehmensstandort Pyongtaek in den Warnstreik. Das entspricht einem Drittel der Belegschaft im wohl profitabelsten Zweig des Samsung-Konglomerats. Die drei beteiligten Gewerkschaften drohen für Ende Mai mit einem 18tägigen Streik, sollte der Konzern ihren Forderungen nach einer angemessenen Beteiligung der Beschäftigten an den Gewinnen nicht nachkommen. Etwa drei Viertel der Belegschaft sind gewerkschaftlich organisiert, entsprechend viel Schlagkraft hat die Ankündigung.
Dem Konzern selbst geht es blendend, allein für dieses Jahr werden Profite von über 300 Billionen Won (etwa 173 Milliarden Euro) prognostiziert. Allein im ersten Quartal dieses Jahres wurden 60 Billionen Won eingespielt, mehr als im gesamten Vorjahr. Bei den Arbeitern kam das nur bedingt an: Ihre Bonuszahlungen wurden mit der willkürlichen Regel, diese dürften die Hälfte des regulären Jahresgehaltes nicht übersteigen, kleingehalten. Üppig fielen dafür die Dividendenzahlungen an die Aktionäre aus.
Neben dem Ende dieser Deckelung fordern die Beschäftigten eine Gehaltserhöhung von sieben Prozent und eine Ausschüttung von 15 Prozent der Konzernprofite an die Belegschaft. Nach Gewerkschaftsangaben würde der für Mai angesetzte Streik den Konzern dagegen bis zu zehn Prozent seiner Gewinne kosten. Gravierend für den Konzern wäre wohl auch das wegbrechende Kundenvertrauen bei derart langen Lieferausfällen. Bisher will Samsung sich aber nur auf eine Ausschüttung von zehn Prozent der Gewinne und zu Entgeltanpassungen lediglich im kritischen Datenspeichersektor festlegen, so dass die Angestellten dort mehr Geld erhalten sollen als bei der Konkurrenz.
Es rächt sich, dass Samsung es nicht gemacht hat wie der Konkurrenzkonzern SK Hynix, der bereits ein gutes halbes Jahr zuvor auf seine Belegschaft eingegangen ist. Auch dort ließ die hohe Nachfrage aus dem KI-Sektor die Gewinne mit Computerchips und die Aktienkurse nach oben schnellen. Bereits im September einigte man sich bei SK Hynix auf eine hohe Gewinnbeteiligung, was laut der Gewerkschaft Samsung Electronics Labour Union zu mehr als dreifach höheren Gehaltsboni als bei Samsung führte. Dementsprechend würden viele Samsung-Angestellte deswegen gerne den Betrieb wechseln.
Die Lohnkonkurrenz von außen erhöht den Druck auf Samsung erheblich. Zwar fuhr der für seine antigewerkschaftlichen Aktionen bekannte Konzern bereits eine Medienkampagne hoch, doch dass die Erfolg haben wird, ist unwahrscheinlich. Rechte Medien warnten ebenfalls vor dem Schaden, den der Konzern infolge der Streiks davontragen würde. Die Belegschaft machte indes deutlich, dass sie für einen Arbeitskampf bereit ist: Beim Warnstreik am Donnerstag wurde die Straße mit den Konterfeis von Konzernchef Lee Jae Yong und anderen Führungspersönlichkeiten beklebt, wonach die Streikenden demonstrativ über diese trampelten.
Vielleicht ist Samsung sogar so verzweifelt, dass die Taktik dieses Mal ist, den Streik der durchaus nicht schlecht verdienenden Beschäftigten von links anzugreifen: Die Joongang Daily, ursprünglich eine vom Samsung-Konzern kontrollierte Zeitung, ließ in ihrem Bericht am Donnerstag noch den Bauarbeiter eines Subunternehmers zu Wort kommen, dem beim Vorbeilaufen am Warnstreik die vermeintliche Gier nach noch mehr nicht gefallen habe. Er würde gerade so über die Runden kommen, von den Bedingungen bei den Subunternehmen oder einer gerechteren Beteiligung der dortigen Angestellten sei nie die Rede. Was unerwähnt bleibt: Eine bessere Bezahlung für die Subunternehmer könnte Samsung aus der Portokasse locker machen, wenn Unternehmen und vor allem CEO Lee denn wollen würden. Der nahm im letzten Jahr ganze 400 Milliarden Won – etwa 230 Millionen Euro – allein mit Aktiendividenden ein. Leicht vorzustellen, wie viel üppiger sein Geldsegen durch die Gewinnsteigerungen in diesem Jahr noch ausfallen wird.
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