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13.05.2026
- → Antifaschismus
Träume von Großniederlanden
Der »Identitäre Widerstand« mischt bei Protesten gegen Geflüchtete mit
In den Niederlanden machen wieder einmal »aufgebrachte Bürger« an mehreren Orten mobil gegen die geplante Unterbringung von Geflüchteten in ihren Gemeinden. In Apeldoorn besetzen die zumeist jugendlichen Protestierenden seit vergangenem Freitag allabendlich einen Kreisverkehr. Regelmäßig rückt das Sonderkommando der niederländischen Polizei an, die Mobiele Eenheid (ME), um die Straße zu räumen, berichtete der Regionalsender Omroep Gelderland am Dienstag.
In ’s-Hertogenbosch (Den Bosch) sollen 50 Mädchen und Jungen zwischen 15 und 18 Jahren, die alleine in die Niederlande geflohen sind, in einer alten Polizeistation in einem Gewerbegebiet am Stadtrand untergebracht werden. Noch bevor sie überhaupt angekommen sind, schlägt ihnen schon blanker Hass entgegen: Am Sonnabend wurde das Gebäude durch eine Explosion leicht beschädigt. Bei einer gleichentags stattfindenden Kundgebung behinderten Demonstranten den Verkehr auf der nebenan liegenden Autobahn A 59. »Wenn wir einfach brav auf dem Gehweg bleiben, wird der Bürgermeister uns nicht zuhören«, sagte ein Anwohner gegenüber dem Sender Omroep Brabant.
Es sind zwar keine Massen, die seit einigen Wochen gegen geplante Geflüchtetenunterkünfte in Apeldoorn, Ijsselstein, Loosdrecht oder ’s-Hertogenbosch auf die Straße gehen. Oft sind es nur einige Dutzend, ganz selten mehrere hundert. Aber sie sorgen für ordentlich Krawall und tun so, als stünde die stillschweigende Mehrheit der Bevölkerung hinter ihnen. Die Aktiven gehören häufig der rechten Szene an oder sympathisieren zumindest mit ihr.
»Bei den jüngsten lokalen Protesten gegen die Einrichtung von Asylbewerberzentren und Aufnahmeeinrichtungen waren Flaggen und andere Symbole des extrem rechten Netzwerks Identitair Verzet (IDV) zu sehen«, berichtete die öffentlich-rechtliche Nederlandse Omroep Stichting (NOS) in der vergangenen Woche. Der Identitair Verzet, deutsch »Identitärer Widerstand«, hat sich im Oktober 2012 von Voorpost abgespalten, einer rassistischen Organisation, die im belgischen Flandern entstanden ist und auch bei den Afrikaans sprechenden weißen Südafrikanern, den Buren, Anhänger haben soll.
Nach seiner Gründung machte der IDV durch Aktionen gegen islamische Einrichtungen von sich reden. Die Mitglieder verriegelten zum Beispiel kurz vor dem Endexamen die Tore zur muslimischen Ibn-Ghaldoun-Schule in Rotterdam. Südafrikas ersten Präsidenten nach Überwindung der Apartheid, Nelson Mandela, bezeichneten sie als »kommunistischen Terroristen« und hängten von der Nelson-Mandela-Brücke in Zoetermeer ein Transparent mit der Aufschrift »Mörderbrücke« herab. Ein deutlicher Hinweis auf die ideologische Verbundenheit des IDV mit Apartheid-Verfechtern in Südafrika.
Identitair Verzet kämpft für »Groot-Nederland«, vergrößerte Niederlande, deren Staatsgebiet auch Flandern umfassen soll. Ganz Verwegene träumen sogar von »Dietsland« und zählen noch Teile des deutschen Rheinlands und Ostfriesland dazu. Im Mai 2016 legte IDV bei der Gedenkveranstaltung für im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommene niederländische Soldaten und Widerstandskämpfer gegen die deutschen Besatzer an der Pieterskerk in Leiden heimlich einen Kranz nieder, auf dem geschrieben stand: »Nie wieder Bruderkrieg«. Offenbar ein Bekenntnis zur engen Verbindung mit Nazideutschland.
Ideologisch passen niederländische Identitäre und deutsche Faschisten prächtig zusammen. Auch der IDV propagiert einen »reinrassigen« Staat. Da fallen die vor Krieg und Gewalt in die Niederlande geflohenen ausländischen Familien aus dem »arischen« Rahmen, auch wenn es sich wie in Ijsselstein insgesamt um höchstens 150 Menschen handelt. Zuletzt war der IDV praktisch von der Bildfläche verschwunden. Aber nun mischt er offensichtlich wieder mit.
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