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Französische Faschisten

Bardella rückt vor

RN-Kongress in Mâcon: Nach außen wird Stärke demonstriert, doch intern schwelen Konflikte – etwa bei der Militärpolitik

Foto: Sandrine Thesillat/PsNewZ/IMAGO
»Inszenierte Geschlossenheit«: Die RN-Chefs Marine Le Pen und Jordan Bardella auf dem Kongress in Mâcon (1.5.2026)

Auf ihrem Frühjahreskongress in der südburgundischen Kleinstadt Mâcon demonstrierte die Partei Rassemblement National (RN) vom 1. bis 3. Mai Geschlossenheit. Hinter dieser Fassade wachsen die Differenzen – insbesondere zwischen der langjährigen Parteichefin Marine Le Pen und ihrem Nachfolger Jordan Bardella. Streitpunkte betreffen unter anderem die künftige militärpolitische Ausrichtung der Partei.

Vor dem Veranstaltungszentrum »Le Spot«, das der RN in diesem Jahr für seine jährliche »fête de la nation« nutzte, protestierten am Wochenende rund 3.000 Antifaschisten. Während solche Proteste in Frankreich anhalten, verfestigt sich das nationalistische Projekt des RN vor allem in ländlichen Regionen – wie zuletzt bei den Kommunalwahlen sichtbar wurde. Die Demonstrationen kritisierten lautstark den aus ihrer Sicht heuchlerischen Anspruch des RN, eine »Partei des kleinen Mannes« zu sein, und verwiesen auf Rassismus sowie auf geplante und bereits praktizierte Einschnitte bei Renten und Sozialleistungen – auch im Zusammenspiel mit den Macron-Regierungen.

Eines haben die Antifaschisten aber bisher kaum im Blick: den zunehmenden Militarismus des RN. Dabei besetzt die Partei mittlerweile auch auf EU-Ebene entscheidende Posten. Den Macronisten wirft die Partei – wie könnte es von einer rechten Opposition anders kommen – einstimmig mangelnde Investitionen vor. »Macron hat Frankreich entwaffnet«, tönte Bardella bei seiner Festrede in Mâcon während er seine neofaschistische Gesinnung gekonnt mit Lobeshymnen auf die Arbeiter und Bauern kaschierte.

Konkrete militärpolitische Details blieb Bardella jedoch schuldig – nicht zuletzt, weil im RN in dieser Frage Unklarheit und interne Spannungen bestehen. Einig ist man sich vor allem darin, den bestehenden Trend fortzusetzen: Frankreich soll »kriegstüchtig« werden. Auch die Wiedereinführung der Wehrpflicht findet breite Zustimmung innerhalb der Partei. Doch damit endet die inhaltliche Geschlossenheit weitgehend.

Während Marine Le Pen infolge ihrer Verurteilung wegen der Veruntreuung von EU-Geldern ab Sommer womöglich dauerhaft von der nächsten Präsidentschaftswahl ausgeschlossen wird, positioniert sich Bardella zunehmend als Ersatzkandidat. Le Pen vertritt eine klassisch nationalistische Linie mit stark EU-kritischer und NATO-skeptischer Ausrichtung. Bardella hingegen plädiert für einen Verbleib Frankreichs im integrierten Befehlsstab der NATO. Zugleich distanziert er sich deutlicher als bisher von der lange kritisierten deutsch-französischen Partnerschaft. Eine militärische Unterstützung der Ukraine bezeichnet er als notwendig für ein »starkes Europa« – bei gleichzeitiger Betonung der zentralen Rolle der nationalen Rüstungsindustrie und der Notwendigkeit internationaler Kooperationen.

Seinen politischen Aufstieg in diesen Fragen hat der moderner und »realpolitischer« auftretende Bardella strategisch vorbereitet. Dabei kam ihm auch seine demonstrative Offenheit gegenüber dem Großkapital zugute. In den vergangenen Jahren häuften sich Annäherungen zwischen der französischen extremen Rechten, Militärkreisen und Kapitalvertretern. Während Treffen mit Financiers meist im Verborgenen stattfinden – etwa ein kürzlich publik gewordenes Abendessen mit Unternehmern im Nobelrestaurant »Drouant« – sucht Bardella zunehmend auch öffentlich die Nähe zum Kapital.

Schon 2024 besuchte er in prominenter Begleitung die Pariser Rüstungsmesse »Eurosatory« und sorgte mit seinen Aussagen parteiintern für Irritationen. Marine Le Pen hatte zuvor versucht, durch die Abgrenzung von ihrem Vater Jean-Marie Le Pen den offen antisemitischen Ballast der Partei zu reduzieren. Nun sieht sie sich mit einem weiteren »Modernisierungsschub« konfrontiert. Bardella punktet dabei insbesondere mit besseren Verbindungen zur Rüstungsindustrie und die erscheinen wichtiger denn je.

Lediglich der führende Rüstungskonzern Safran hat sich bislang klar von einer Zusammenarbeit mit dem RN distanziert. Ansonsten scheint das Kapital auf verschiedene politische Szenarien vorbereitet zu sein. Während Le Pen fürchten muss, die große Bühne bald widerwillig über das Seitentreppchen verlassen zu müssen, hat Bardella gelernt, diese neu zu bespielen. Darüber konnte auch die inszenierte Geschlossenheit von Mâcon nicht hinwegtäuschen.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.05.2026, Seite 15, Antifaschismus

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