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08.05.2026
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»Wer über diesen Ort wie spricht«
Wie erinnern, ohne zu verharmlosen? Über »offenes Gedenken« am Ort des ehemaligen KZ Uckermark. Ein Gespräch mit Carmen und Mika
Ihre Initiative setzt sich für einen Gedenkort am ehemaligen KZ Uckermark ein. Was musste hier gegen Widerstände durchgesetzt werden?
Das Gelände des ehemaligen Jugend-KZ und des späteren Vernichtungsortes Uckermark war lange kein anerkannter Gedenkort. Lange war hier nichts zu sehen, was auf die Lagergeschichte hinwies. Obwohl Überlebende das eingefordert haben, wurde das Gelände nie Teil der Gedenkstätte Ravensbrück. Es ist Eigentum des Landes, mit dem wir einen Vertrag haben, um hier arbeiten zu können, also Baucamps oder Gedenkfeiern organisieren, forschen und informieren. Das heißt auch, Verantwortung zu übernehmen für einen Ort, der institutionell lange nicht gewollt war.
Sie sprechen von einem »offenen Gedenken«. Was heißt das konkret für die Erinnerungspolitik vor Ort?
Wir setzen uns mit der Geschichte auseinander und gedenken derer, die an diesem Ort gequält und ermordet worden sind. Aber für uns ist es auch wichtig, dass Gedenken nicht museal wird. Wir stellen die Frage: Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass so ein Ort existierte? Und welche Kontinuitäten der Verfolgung gibt es bis heute? Daraus ergibt sich für uns ein antifaschistischer und feministischer Anspruch in der Gegenwart. Staatliche Gedenkstätten leisten wichtige Arbeit und sind meist von Überlebenden erkämpft worden. Doch ihre Finanzierung hängt davon ab, dass sie bestimmte Kriterien erfüllen, die in der Bundesgedenkstättenkonzeption festgelegt sind – die politisch massiv umkämpft ist. Wir arbeiten davon unabhängig und versuchen, stärker in aktuelle Auseinandersetzungen zu gehen.
Im Zentrum steht die Perspektive der Überlebenden. Was bedeutet das?
Das meiste Wissen über diesen Ort kommt von Überlebenden. Trotzdem werden ihre Erinnerungen oft bloß als »biographische Ergänzung« behandelt, während die Dokumente der Täter und Täterinnen als historische Beweise angenommen werden. Für uns stehen die Erinnerungen im Zentrum – auch wenn sie widersprüchlich sind. Es geht darum, diese Stimmen ernst zu nehmen. Wir beziehen Angehörige ein und fragen: Was wünschen Sie sich für diesen Ort? Für wen ist ein Gedenkort eigentlich da?
Vor Ort gibt es besondere Gedenkzeichen, die in Zusammenarbeit mit Überlebenden entstanden sind. Können Sie ein Beispiel nennen?
Der Schmetterling, der in diesem Jahr hinzugekommen ist, ist so ein Beispiel. Er geht auf die Idee der Tochter einer Überlebenden zurück, mit der wir im Austausch sind. Sie hat die Geschichte ihrer Mutter mit uns geteilt, und daraus ist das Gedenkzeichen hervorgegangen. Das zeigt auch, was wir mit offenem Gedenken meinen: dass unterschiedliche Formen möglich sind und dass Angehörige konkret an der Gestaltung beteiligt sind.
Die Gedenkfeier am 2. Mai ist Teil des Ravensbrück-Gedenkens – und auch nicht. Wie würden Sie dieses Verhältnis beschreiben?
Historisch sind die Orte eng miteinander verbunden. Am 23. April 1945 wurden die Lager befreit, so dass auch die Gedenkfeiern zu diesem Anlass am selben Wochenende stattfinden. Organisatorisch sind wir unabhängig voneinander, trotzdem unterstützt uns die Gedenkstätte immer wieder auf praktischer Ebene. Unsere Zugänge und Arbeitsweisen sind jedoch unterschiedlich. Das zeigt sich beispielsweise auch am Umgang mit NS-Begriffen, die häufig verschleiernd und verharmlosend sind. Das ist allen Beteiligten natürlich klar. Trotzdem hält die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück an der NS-Benennung von Uckermark als »Jugendschutzlager« fest, da sie einen »historisch-dokumentarischen« Ansatz verfolgt. Wir benennen den Ort dagegen klar als Konzentrationslager und späteren Vernichtungsort. Überlebende haben lange für die Anerkennung dieses Ortes als Konzentrationslager gekämpft. Es geht auch darum, wer über diesen Ort wie spricht und wer welche Begrifflichkeiten verwendet.
→ Carmen und Mika (Namen geändert) sind in der Initiative für den Verein Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark aktiv. Sie organisieren Baucamps und Gedenkfeiern, forschen zur Geschichte des Ortes und gestalten Rundgänge sowie Veranstaltungen
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