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Aus: Ausgabe vom 25.03.2026, Seite 3 / Feuilleton
Wien streicht Kulturförderung

Worauf führen Sie die Kehrtwende zurück?

Die Stadt Wien rückt »marktwirtschaftliche« Strategien nach vorne und kürzt im Kultursektor, sagt Sabine Sölkner
Interview: Barbara Eder, Wien
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Mit den Mitte November angekündigten Budgetkürzungen der Stadt Wien müssen auch Sie irgendwie umgehen. In welchem Ausmaß treffen diese das seit einem halben Jahrhundert bestehende und autonom verwaltete Kulturzentrum Amerlinghaus?

Die gesamte freie Szene rechnete angesichts des neoliberalen Sparkurses mit Einschnitten. Unsere Grundförderung lag zuletzt bei rund 300.000 Euro jährlich, der laufende Betrieb benötigt etwa 340.000 Euro. Wir erwarteten Kürzungen, doch es kam eine existentielle Infragestellung. Tatsächlich wurden uns für 2026 nur rund 130.000 Euro zugesagt – für 2027 jedoch kein Cent mehr. Das wurde uns nicht politisch, sondern auf bürokratischem Weg kommuniziert. Es fühlte sich wie Meuchelmord an – ausgerechnet im Jahr unseres 50jährigen Bestehens. Vor der rechten FPÖ haben wir uns gefürchtet und die Neos gehen uns jetzt an den Kragen.

Welche Folgen hat dies für die Beschäftigten?

Im Infobüro – dem kommunikativen und organisatorischen Herzstück des Kulturzentrums – arbeiten inklusive Haustechnik und Cleaning sechs Personen mit Teilzeitverträgen. Früher, in den 1990er Jahren, hatte das Haus mehrere Vollzeitäquivalente und sogar Sozialarbeiterinnen. Seither wurden Stunden kontinuierlich reduziert. Fast alle Mitarbeitenden wurden nun gekündigt; mit Ende des Monats müssen sie ihre Arbeitsplätze räumen. Für die Betroffenen bedeutet das den Verlust existentieller Sicherheit, für das Haus die Multiplizierung der Krise: Es fehlt an Geld und Struktur.

Was bedeutet es für die Gruppen und Initiativen, die sich vor Ort treffen?

Rund 70 Gruppen nutzen das Amerlinghaus regelmäßig – von feministischen Initiativen bis zum Verein »Edition Exil«. Viele könnten sich kommerzielle Räume nicht leisten. Mit dem Wegfall des Infobüros wird die Selbstverwaltung schwieriger, aber nicht unmöglich. Ziel ist es, mit Unterstützung im Bezirk, über Crowdfunding, private Unterstützung und Projektgeld für Kulturarbeit zumindest eine koordinierende Stelle zu sichern und Zeit zu gewinnen.

Worauf führen Sie die Kehrtwende in der städtischen Förderpolitik zurück?

Politisch markiert diese Entscheidung eine Verschiebung. Das Amerlinghaus wurde 1975 besetzt und nach Verhandlungen mit der Stadt Wien als selbstverwaltetes Kulturzentrum etabliert – ein Modell, das auch weitere ehemalige Besetzungsprojekte wie Arena und WUK inspirierte. Die Stadt akzeptierte – wenn auch unter ihren Bedingungen – lange Zeit einen Raum, der sich nicht primär über Verwertungslogiken definierte. Heute tritt sie über ihre ausgelagerten Strukturen, insbesondere über die »Gemeinnützige Siedlungs- und Bauaktiengesellschaft«, Gesiba, als Immobilienverwalterin innerhalb der Wien-Holding auf, die marktwirtschaftliche Strategien in den Vordergrund stellt. Der Mietvertrag bleibt, doch die öffentliche Subvention entfällt. Damit wird das Risiko vollständig auf den Verein übertragen, der das Amerlinghaus leitet.

Wie kam der Mietvertrag mit der Gesiba zustande?

Es gab historisch Debatten, ob ein Mietvertrag die Autonomie des Amerlinghauses schwächt. Mit der institutionellen Absicherung etwa durch das städtisch finanzierte Kulturmanagement wurde ein Kompromiss eingegangen. Heute stellt sich die Frage neu: Wenn die öffentliche Förderung entfällt, bleibt zwar der Mietvertrag aufrecht, doch die Gesiba verhält sich nicht wie ein sozialer Partner. Rücklagen aus Mieten stehen im Raum, Investitionen, etwa in eine dringend nötige Modernisierung der Heizung, wären möglich, bislang ohne Entgegenkommen. Das Haus ist symbolisch wie real ein zentraler, nichtkommerzieller Raum im 7. Bezirk (Neubau, jW) und damit auch stadtentwicklungspolitisch relevant. Und darüber hinaus: Das Haus ist ein niedrigschwelliger Ort für Kommunikation, Kulturarbeit und Vernetzung. Hier war bislang Erfolg und Scheitern möglich.

Wie geht es weiter?

Sollte keine tragfähige Lösung gefunden werden, steht eine neuerliche Besetzung des Hauses im Raum. Es kampflos aufzugeben, kommt für viele nicht in Frage. Die Geschichte des Amerlinghauses ist eine Geschichte sozial erkämpfter Räume – und gerade wieder hochbrisant!

Sabine Sölkner ist Supervisorin und Soziologin. Zuletzt arbeitete sie im Infobüro des Amerling-hauses in Wien

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