Rotlicht: Klickarbeit
Von Barbara Eder
Welcher Student kennt sie nicht – die wissenschaftlichen Hilfstätigkeiten, die vor dem Kopierapparat begannen und mit dem Übertragen der Inhalte analoger Zettelkästen in digitale Masken endeten? Anfangs wurde dafür noch pro Stunde verrechnet. Der Mut zu neuen empirischen Offensiven seitens drittmittelfinanzierter Institute sorgte für allfällige »Professionalisierungen«: Die Ergebnisse von parzellierten Mikrodiensten, mehrheitlich verrichtet von studentischem Personal, wurden fortan in Datenbanken abgelagert. Auf Basis von Werkverträgen mit absurden Berechnungsgrundlagen: pro Datensatz zwanzig Sekunden, auf dem Konto zwei Cent.
»Datenklopfen« war ein vergleichsweise humanes Zwischenstadium der atomisierten Informationsverarbeitung, die im Netz heute allgegenwärtig ist; unter dem Schlagwort »Algorithmic thinking« führte man die dazugehörigen »Kompetenzen« in diverse Lehrpläne ein. Die Anpassung des Denkens an die Bedürfnisse von Benutzeroberflächen wurde Teil der Curricula – und so bildeten staatlich finanzierte Bildungseinrichtungen die »Clickworker« der Zukunft aus: Schnelligkeit vor Richtigkeit, Effizienz vor Erkenntnis. Der Klick ersetzt das Argument. Schließlich sollte die digitale Transformation möglichst rasch vorangetrieben werden.
Mit dem Aufkommen der Digital Humanities und dem späteren Dotcom-Boom folgte das Kapital einer neuen Strategie. Sämtliche Restgrößen zirkulierenden Kapitals sollten in konstantes überführt werden, maximal angepasst an die Erfordernisse der eben erst aufkommenden Gig-Economy: Werkvertrag statt Anstellung, Selbständigkeit statt Schutz. Clickworker kennen keine Kollektivverträge. Noch bevor ihre Ausbeutung technisch perfektioniert werden konnte, hatte man sie rechtlich reguliert. Plattformarbeit wird meist als selbständige Tätigkeit behandelt und steht damit außerhalb des Bereichs klassischer arbeitsrechtlicher Absicherungen.
Im Internet liefert man per Mausklick. Zur Verwertung der dabei anfallenden Daten stellt die US-Plattformindustrie ihre Infrastruktur bereit. Einer ihrer größten Arbeitsplätze heißt Amazon Mechanical Turk. Dort werden täglich neue HITs – Human Intelligence Tasks – angeboten. Dabei handelt es sich um Tätigkeiten, die künstliche Intelligenz noch nicht von selbst erledigen kann: Bilder markieren, Texte verschlagworten, IP-Adressen sortieren und Umfragen für Datensurveys ausfüllen. Laut einer Analyse sind 25 Prozent dieser Aufträge mit 0,01 US-Dollar pro Stück dotiert, 70 Prozent mit 0,05 Dollar oder weniger und 90 Prozent mit weniger als 0,10 Dollar.
Digitale Stücklohnarbeit vollzieht sich im Centbereich. Die Tätigkeit selbst folgt einer perfiden Logik: Je höher die Klickrate der Worker, desto eher optimiert sich das System dahinter und ersetzt sie. Wer 500 Bilder korrekt annotiert, hat dem Algorithmus bereits beigebracht, es künftig allein zu tun. Während dieser informationell gesteuerten Akkordarbeit wird jedes noch so geringe Zeitquantum maximal verwertet. Arbeitskraft gerät dabei zur beliebigen Ware.
Für Millionen von Menschen sind Click- und Crowdsourcing-Plattformen der neue globale Arbeitsplatz. Er sorgt für die Spaltung einer Belegschaft, die nie eine war: Wer hier um Aufträge im Centbereich konkurriert, ist bereits Gesamtarbeiter. Marx zufolge verrichtet ein solcher, gleich und gleichgültig, abstrakte Arbeit. Was er wirklich produziert, darf er nicht wissen; und für wen, erst recht nicht. Der Klick wird zur kleinsten gemeinsamen Einheit aller. Ansonsten: Kein Arbeitsplatz, kein Streikposten und keine Kantine – nur dasselbe global geteilte Interface. Während der Cursor blinkt, verschwinden Erfahrung, Lebenszeit und politische Handlungsfähigkeit im Nirwana. Übrig bleibt eine Hand am Touchpad, ein Kind auf dem Schoß und ein Kontoauszug mit Mikrobeträgen, die zum Leben nicht reichen.
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