Alphabet gegen den Kanon
Von Barbara Eder
Andreas Okopenko gilt bis heute als Autor am Rand des offiziellen Literaturkanons. Obwohl er mit dem Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet wurde, sind seine Arbeiten außerhalb spezialisierter Kreise kaum bekannt. Am Eingangsportal des Hietzinger Gymnasiums, an dem er 1948 das Notabitur ablegte, erinnert bis heute keine Gedenktafel an den 1930 in Košice, Slowakei, geborenen Schriftsteller. Die Ausstellung »Von A nach O – Eine Zeitreise zu Andreas Okopenko« im Wiener Bezirksmuseum Floridsdorf setzt bei diesem Defizit an: Sie präsentiert alphabetisch geordnete Stichworte zu einem Autor, der sich nie in literarische Schubladen pressen ließ. In seinem 1984 erschienen Roman »Kindernazi« thematisiert Okopenko die Rückentwicklung seines Protagonisten Anatol Vitrov zum glühenden NS-Anhänger. Basierend auf seinen Kindheitstagebüchern montiert er 62 Episoden zu einem beklemmend nüchternen Bericht, der alle Erinnerungsschichten abträgt. In umgedrehter Chronologie wird von 1945 zurück bis 1939 erzählt, parallel dazu von 1945 bis zur gegenwärtigen Kriegsdrohung.
Die von Wolf Peterson kuratierte Ausstellung ist als Parcours aus Schautafeln konzipiert. Dokumente, Fotografien, Buchcover und Textauszüge strukturieren Okopenkos Werk von »A« bis »O«. Erwähnung findet auch dessen monumentaler »Lexikon-Roman« – ein experimentelles Großprojekt, das essayistische, erzählerische und listenhafte Formen verbindet. In ihm wird das Erzählen selbst zum Ordnungssystem: Begriffe ersetzen Chronologien, Stichworte strukturieren Erfahrung. Okopenkos Hang zum naturwissenschaftlichen Denken, der gemeinhin als trocken missverstanden wurde, erscheint als poetische Methode. Bereits in jungen Jahren begeisterte sich der Autor, ähnlich wie Primo Levi, für Mathematik und Chemie, bevor er aus Geldmangel sein Studium abbrechen musste. Die »Exaktheit des Ausdrucks und Detailliertheit der Schilderung« entsprechen seiner Vorliebe für mathematische Zusammenhänge. Scheinbar Nebensächliches – etwa die Farbe Braun als exakt bestimmbarer Hexadezimalcode – verweist auf diesen präzisen Blick.
Eine Tafel der Ausstellung ist Okopenkos Freundschaft mit dem austrochinesischen Pianisten und Akkordeonisten Felix Lee gewidmet. Lee besuchte ihn mehrmals in seiner Wohnung in der Floridsdorfer Autokaderstraße; aus einer Radiosendung entwickelte sich eine künstlerische Zusammenarbeit, Okopenkos Lesungen wurden von Lee musikalisch begleitet. In der Sekundärliteratur ist hingegen von einer »längeren Schreibblockade« die Rede. Die angebliche Lücke lässt sich auf kontinuierliche Lohnarbeit zurückführen: Okopenko war jahrelang in einem Papier- und Zellstoffkonzern tätig, weshalb Standard-Journalist Ronald Pohl ihn als »still-vergnügten Wenigschreiber aus Wien-Floridsdorf« bezeichnete. In Kontrast dazu betont Peterson Okopenkos formale Produktivität und intellektuelle Radikalität – und mögliche Parallelen seines »Kindernazi« zu Gisela Elsners letztem Roman »Fliegeralarm«.
»Von A nach O – Eine Zeitreise zum Schriftsteller Andreas Okopenko«, bis 1.3., Bezirksmuseum Floridsdorf, Wien, So. 10–12 Uhr
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