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Comic

Überfall mit Schokoküssen

Gabriele Rollnik wollte eine Welt verändern, die ihr nicht gefiel. Die Graphic Novel »Ella – Nichts haben, alles ändern« erzählt ihre Geschichte in Rückblenden

Foto: Moebius/Avant Verlag

Es gibt Augenblicke, die aus dem Fluss der Ereignisse hervorstechen und den Verlauf der Geschichte anhalten, als wären die Bilder still gestellt und die Konturen nachgezogen. Die Graphic ­Novel »Ella – Nichts haben, alles ändern« vermittelt diesen Eindruck nicht bloß punktuell. Ella ist das Alter Ego der 1950 in einen Dortmunder Arbeiterhaushalt hineingeboren politischen Aktivistin Gabriele Rollnik, die in jedem Moment der Geschichte existenzielle Entscheidungen trifft. Als Mitglied der Bewegung 2. Juni wurde sie im September 1975 gemeinsam mit Fritz Teufel verhaftet. Im Juli 1976 gelang ihr mit Monika Berberich, Juliane Plambeck und Inge Viett die Flucht aus der Strafvollzugsanstalt für Frauen in Berlin. 1978 wurde sie mit Till Meyer, Gudrun Stürmer und Angelika Goder in Bulgarien verhaftet und 1981 zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Der von ZAZA Uta Röttgers gezeichnete und von Michael Weber szenisch entwickelte Comic basiert auf Gesprächen mit Gabriele Rollnik, die noch vor Beginn ihres Soziologiestudiums an der neu gegründeten Bochumer Universität politisch zu denken und zu handeln begann. Sie liest Bücher von Simone de Beauvoir, Raubdrucke der Schriften von Ernest Mandel und Johannes Agnoli, Flugblätter gegen den Vietnamkrieg und für die Unterstützung der Guerilla in Lateinamerika. In WG-Küchen diskutiert sie über Rassismus und afrikanischen Sozialismus, über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die ČSSR, den Pariser Mai ’68 und die Kaufhausbrandstiftungen der Baader-Meinhof-Gruppe in Frankfurt am Main. Während ihres Studiums lernt Ella Lamin kennen, einen Austauschstudenten aus Gambia. Ihre Parteinahme für die Verdammten dieser Erde vergrößert die Distanz zum Juristenmilieu ihrer Freundin Bärbchen, die sich anders als die Polizistentochter aus dem Ruhrgebiet innerhalb eines stabilen Netzes bürgerlicher Sicherheiten bewegt.

Ellas Geschichte wäre ohne die politischen Ereignisse der ausgehenden Siebzigerjahre undenkbar. Anfangs muss die Protagonistin sich ihren Weg durch das Dickicht aus Fernsehnachrichten, Radio­stimmen und Schlagzeilen erst bahnen: hier die Schüsse auf den Studenten Benno Ohnesorg während des Schahbesuchs in Westberlin, dort die Mobilisierungen dagegen und für den Aufbau politischer Gegenmacht. Ella ist immer mittendrin. Sie bewegt sich in trotzkistischen und feministischen Zusammenhängen, schreibt Flugblätter und organisiert Sit-ins. 1973 veranstaltet sie den ersten Frauenkongress im Sozialistischen Zentrum mit, auf einem der Transparente steht »Wir sind das Ende des Patriarchats.« Auch an der Universität ist sie immer wieder mit Sexismus konfrontiert. Die Anwesenheit von Frauen in den Hörsälen gilt den Professoren als Angebot zur Partnersuche, sie sprechen den Studentinnen intellektuelle Fähigkeiten ab.

Nicht nur das will Ella ändern. Sie bewegt sich im Umfeld der »Gruppe Internationaler Marxisten« (GIM), die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, die universitäre Klassenherrschaft zu beenden. Till Meyer wird später zu ihrem Gefährten, sie lernt Inge Viett, Juliane Plambeck und Ralf Reinders kennen. Die Gruppe wird sich nach dem Datum der Erschießung Benno Ohnesorgs benennen. Im Netz der polizeilichen Fahnder befindet sich Ella bereits, bevor sie sich der Bewegung 2. Juni anschließt. Als sie im geborgten Dienstwagen ihres Vaters Holger Meins besucht, werden die Behörden erstmals auf sie aufmerksam.

Anders als die RAF, die sich als Kaderorganisation mit strikter Hierarchie verstand, war die Bewegung 2. Juni stärker subkulturell verankert und in der Binnenkommunikation weniger dogmatisch. An einer Stelle im Comic bezeichnen sich ihre Mitglieder selbst als »lumpenproletarische Hippies« mit starkem Bezug zu Arbeitskämpfen, Solidaritätsarbeit und antibürgerlicher Basis. Unter ihnen ist Ella die einzige mit Abitur, ihr Studium hat sie abgebrochen. Der universitäre Hiatus zwischen Sprechen und Handeln, zwischen Hexis und Praxis, blieb währenddessen unverfugt. »Ich will mir den Rückweg in die bürgerliche Existenz abschneiden«, hat Ella ihrem Dozenten von der Freien Universität Berlin erklärt, der ihre Diplomarbeit zur Doppelbelastung von Frauen in Familie und Beruf betreute; sie schließt nicht ab und wendet sich der Betriebsarbeit zu. Auch als Löterin in einem Werk von AEG Telefunken verliert sie ihre politischen Ziele nicht aus dem Blick. Viele ihrer migrantischen Arbeitskolleginnen haben jedoch andere Sorgen: »Ich muss zu Hause sein, meine Tochter ist drei Jahre.«

Zwecks Geldbeschaffung beteiligt sich Ella an einem Banküberfall und verteilt am Ende Schokoküsse an alle, die zufällig hineingeraten. 1973 entführen einige Mitglieder der Bewegung 2. Juni in Wien den österreichischen Unternehmer Walter Palmers, der sich nach seiner Freilassung für die gute Behandlung mit seinem Siegelring bedankt. 1975 folgt die Verschleppung des CDU-Politikers Peter Lorenz, in den Pausen spielen seine Entführer mit ihm Schach. Im September 1975 werden in Berlin-Steglitz Viett, Reinders und Plambeck in einer als Konditorei getarnten Ladenwohnung verhaftet, die sie selbst als »Volksgefängnis« bezeichnen. Während des Umbaus liefen im Hintergrund deutsche Schlager, im Comic dargestellt als wellenförmig umrahmtes Gedudel.

Die unblutigen Überfälle der Anfangszeit wirken im Comic wie gut geplante Aktionen, die alle Beteiligten unverletzt lassen. Dass irgendwann die ersten ­Schüsse fallen würden, war nicht vorgesehen. Der Tod von Holger Meins, der zuvor in den Hungerstreik getreten war, bewirkte im November 1974 die Eskalation. Beim Versuch, am Tag darauf den Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann zu entführen, wird dieser ungeplant erschossen. »Damals hieß es revolutionäre Disziplin, heute würde ich sagen: schlichte Verdrängung«, kommentiert rückblickend Gabriele Rollniks Alter Ego im Comic in einem schwarzen Textkasten mit weißem Schriftzug am oberen Bildrand.

Die »Zeitenwende« der Gegenwart vollzieht sich im entleerten politischen Vokabular, Ella antwortet darauf mit geteilten Erinnerungen. Gegen Ende der Rahmenhandlung passiert sie bei einem Spaziergang durch Hamburg nahe des St.-Pauli-Theaters einen Plakatständer mit einem Spruch aus Brechts »Dreigroschenoper«: »Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« Dieser Moment taucht im Comic mehrmals auf – einmal kurz vor Ellas erstem Banküberfall, das zweite Mal kurz nach der Haftentlassung: »Im Leben wieder Fuß zu fassen war nicht einfach. Unser Kampf war existentiell gewesen, über 20 Jahre hatte er meinem Leben Sinn gegeben – nach dem Knast war da erst mal Wüste.«

Ellas Bilanz ist hart, aber nicht reuig. 1993 kommt sie frei und steht nach dem Zerfall der Bewegung 2. Juni zunächst alleine da. Sie holt ihren Studienabschluss nach und widmet sich der therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Wenn sie sich bewirbt, funkt ihr der Staatsschutz dazwischen, doch sie bleibt souverän: »Ich bin ja nicht auf Bewährung draußen. Ich hab meine vollen 15 Jahre abgesessen. Also, wie sieht es aus?« Die Stärke von »Ella – Nichts haben, alles ändern« besteht gerade darin, dass die Bilder nichts verkleben und nichts überhöhen. Politische Widerstandsgeschichte ist hier weder Hagiographie noch Heldinnendramaturgie. Statt dessen variiert ihre Erzählerin konsequent die Perspektiven zwischen erzählter Vergangenheit und aktueller Gegenwart – im Rückblick auf das, was gewesen ist.

Michael Weber (Text)/ZAZA Uta Röttgers (Zeichnungen): Ella – Nichts haben, alles ändern. Galerie der abseitigen Künste, Hamburg 2025, 212 Seiten, 28 Euro

junge Welt

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Erschienen in der Beilage vom 18.03.2026, Seite 15, Feuilleton

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